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Cesare Pavese: Sämtliche Erzählungen
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 11.02.2008, 21:15:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Josilin,

schön, daß Du von der Familien-Geschichte berichtest. Denn diese hat mir bislang Unlust ob ihrer gewissen Verworrenheit und Weitschweifigkeit bereitet; so schien es mir nicht der Mühe wert, mich da durchzubeißen. Vielleicht lese ich sie später mal fertig.

Ganz großes Lesevergnügen jedoch bieten die kürzeren Geschichten über Jugendliche und Kinder.

Z.B. "Der Name" - Kinderspiel, scheinbar, zunächst, und dann knallhart: die prüglenden Eltern des Freundes, die Vipern-Suche der Kinder, und, fast überhöht, mystisch, archaisch, was weiß ich die Qualitäten des Namens-Wortes.

IAber nochmal zum "Hauptmann" hier kommt auch wieder die nur scheinbar periphere Bedeutung der Beziehungen zu den Frauen zum Ausdruck. Nach dem Besuch der Freundin wird zum Konspirieren der Hauptmann besucht, wobei, so will mir scheinen, hauptsächlich wichtigtuerisches Zeug verhandelt wird. Auch wenn das mit dem Konspirieren im Faschismus, auch im italienischen, leicht mit dem Tode enden konnte, so finde ich eine gewisse abgründige Ironie in der Schilderung der Gespräche, des Gehabes der Beteiligten unübersehbar.

Kleinodien sind wieder die Geschichten "Ende August", "Die Freiheit" und "Schwimmbad am freien Tag"
Es sieht für mich so aus, als ob die Geschichten, die wie Schnappschüsse Situationen, Ent- und Verwicklingstufen aus der Welt der Habwüchsigen darstellen, einfach, präzise und damit auch am härtesten sind.

Grüße,
Peter Sense
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 14.02.2008, 18:18:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo peter,

gerade diese kleinen Geschichten über Jugendliche/Kinder haben mir Schwierigkeiten bereitet. Vielleicht liegt es einfach daran, dass es sich wirklich um Ausschnitte handelt und z.B. in "Der Name" i mir der Inhalt nicht klar in den Kopf kam. Zweimal habe ich diese Geschichte gelesen und vielleicht überlesen, wo sich die Eltern prügeln....??

Auffallend ist, das Pals Vater brutal auf seinen Sohn einschlägt, sicher dieser dann für ein paar Tage verzieht. Was mögen das für Kindheiten sein? Die Jagd nach einer Vieper stellt vielleicht als Umweg unterdrückte Aggressionen gegen seinen Vater dar. Der Ruf der Mutter nach "Pal" ist sehr eindringlich und hallt in den Kopf des Jungen.

"Die Freiheit"
Auch hier schwingt das Unverständnis Erwachsener gegenüber ihren Kindern mit. Alessio entwickelt eine Theorie über Kinder, er hasst sie sogar:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Sie nur, was für Gesichter! Als wären sie Berufsspieler. Was einen daran erschreckt, ist, daß sie, obwohl sie noch für nichts verantwortlich sind, sich benehmen, als wären sie es.


Tja, natürlich benehmen sich Kinder in ihrer Art auch großspurig. Was soll einem daran erschrecken? So ist es nun mal besonders in der Pubertät.

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Alessio ist besessen von der Idee, daß jedes Kind in seiner Unbewußtheit die Instinkte, die unklaren Anwandlungen, die Stimmen in sich schon heraushört, denen es einmal als Erwachsener folgen wird.


Alessio hat sogar gewisse Angst und Befürchtungen, wenn er spielende Kinder am Strand betrachtet.

In beiden Geschichten das Dilemma des Generationsunterschiedes mit dessen Konflikten.

Einen ganz anderen Tenor folgt die Erzählung "Das Abenteuer". Auch hier verschweigt Pavese etwas, nämlich, warum Sandra die Wohnung im Städtchen aufsuchen will. Sie soll verhandeln. Was denn verhandeln?. Vielleicht soll diese bestimmte Wohnung gekauft werden? Sehr schön in dieser Geschichte ist, wie sich die Sehnsucht zum Meer entfaltet.

Die kurze Begegnung mit Nanni (was für ein Zufall, er wohnt in dieser Wohnung) ist wohl das Abenteuer, auch wenn Pavese damit übertreibt, und es kein wirkliches Abenteuer gibt. Aber so etwas kennen wir schon. Die Familie in "Die Familie" war auch keine Familie, wie wir sie uns gerne vorstellen.

Die Atmosphäre vom Ort ist schön eingefangen.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 16.02.2008, 16:15:12    Titel: Antworten mit Zitat

"Die Wiese der Toten"

Eine sehr düstere Geschichte, ja, grausig. Was mag Pavese hier getrieben haben?. Vielleicht ist der Schatten des Krieges auf seinen Schreibbogen gefallen.

Der Mond, die Nacht, der "Lärm des Orchesters", die Toten auf der Wiese. Das sind hier die Vokabeln des Grauens.

Die Wiese, die mit hölzernen Baracken weiter hinten abgeschlossen war. Ich assoziiere einen Hinrichtungsplatz. Der Erzähler schaut aus einem Fenster auf die Wiese, unter dem Fenster floss ein Kanal, dessen Wasser durch schwarzes Gitter unter den Häusern hervorquoll. Allein dieses Bild zeichnet schon Schrecken genug, abgesehen davon, dass sich früher Selbstmörder in den Kanal stürzten.

Ein Hinrichtungsplatz der Faschisten?

Im Mondesschein gehrt ein Paar auf die Wiese. Vor dem Verbrechen ein Meinungsaustausch.

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Ich möchte wetten, daß das Opfer, wenn es einen Schrei ausstieß, erstickt, als wäre es ein Seufzer, und wenn es, selten genug, danach auf dem Gras liegen blieb, röchelte und noch um sich schlug, plötzlich zu der Einsicht kam, es habe immer gewußt, daß es so enden werde.


Und noch ein Zitat:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Auch der Mörder fehlte nicht, der nach vollbrachter Tat unentschlossen stehenblieb, um den Himmel, den niederen Horizont zu betrachten. Warscheinlichfragte er sich, wie der Platz wohl am hellen Tag aussähe, und suchte ihn seines mondhaften Schreckens zu entkleiden und ihn sich vorzustellen alsa irgendeinen beliebigen Ort unter der Sonne, wie die ganze Stadt hinten von Hügeln umrahmt. Das waren die Augenblicke , wo man über die Häuser hinweg den Lärm des Orchersters oder aufprallende Bocciakugeln hörte. Da riß der Mörder aus.


Es reizt hier zu interpretieren: Italien ist im Krieg. Es wird sinnlos gemordet. Die Faschisten herrschen mit Gewalt. Mal wird ein Mädchen gemordet, dann kommen zwei Männer. Einer von denen wird vom anderen umgebracht. Sinnlos diese Gewalt, die Pavese im Mondlicht schreckhaft gezeichnet hat.

In „Die Lederjacke“ wird ein Junge Zeuge eines Eifersuchtsdramas. Da Pavese konsequent aus der Sicht des Jungen schreibt, der nicht versteht, was da eigentlich passiert, kann der erwachsene Leser dieser Geschichte auch nur erahnen, was da warum so passiert.

Da ist z.B. folgende Andeutung zun lesen:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Von diesem Tage an würde Nora vergnügter, aber Ceresa gegenüber war sie kurz angebunden...


Was war passiert: Nora verbrint fröhlich mit einigen Männern den Abend. Sie spielen Boccia, holen den Wein. Der Junge ist übermüdet, will aber nicht nach Hause. Da er aber für Nora und die Männer nur als störend empfunden wird, fragt Nora:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
„Zu Hause mögen sie dich wohl nicht?“
Da ging ich heim.


So turtelt die Geschichte mit herrlichen Andeutungen ruhig dahin, bis es zu einer Katastrophe kommt.

In „Der Einsiedler“ erleben wir, wie Nino erwachsen wird. Er lebt in dem Alter, in dem er sich von seinen Eltern lösen will, das Leben, die Welt, selbst entdecken möchte. Der Forschungsdrang des Jungen führt ihn zu einem Einsiedler namens Pietro, der von den anderen, z.B. der Tante, mit Vorurteilen belegt wird, die aber vom Vater überwunden werden:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Dieser Pietro war mir beinahe lieb.. Man könnte sagen: das Kind war ich.


Am Schluss dieser Geschichte möchte Nino in die weite Welt hinaus. Dorthin will auch der Erzähler von „Die Langa“. Er will in die Welt hinaus. Wollte in einem Städtchen heiraten, tat es aber nicht, weil er dann nie mehr zurück in sein Dorf gekommen wäre.

Es ist eine Geschichte von Heimatgefühlen, die zu der Erkenntnis führt, das der Erzähler selbst sein Dorf ist, deren Grundfesten er in sich spürt, wenn er die Augen schließt.

Es ist so, als spricht Pavese über sich, wenn es heißt:
Pavese hat Folgendes geschrieben:

Mein Dorf, das sind ein paar ärmliche Häuser und ein großer Schlamm, aber es wird von der Provinzstraße durchquert, auf der ich als Kind spielte.....“Habt ihr diese paar Dächer niemals nennen hören? Nun, von dort komme ich..."


Solch eine Geschichte mit Gefühl und Stimmung gefällt mit weitaus mehr als „Der Einsiedler“.

Liebe Grüße vom Marquis
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 17.02.2008, 17:52:37    Titel: Antworten mit Zitat

Die Erzählung "Signor Pietro" beginnt autobiografisch, es sieht sogar so aus, als ob die erste Seite dieser Erzählung 100% Laughing biografisch ist:

Pavese hat Folgendes geschrieben:
Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war...

Meine Mutter hatte versucht, mich so streng zu erziehen, wie es ein Mann tun würde, aber sie hatte damit nur erreicht, daß es bei uns weder einen Kuß noch ein Wort zuviel gab und ich nicht wußte, was eine Familie ist.

Ich war lieber am Hauptbahnhof, dessen geschäftiges Hin und Her mir gefiel, oder wanderte in bestimmten, von dem unseren entfernten Vierteln umher, wo es Fabriken, Lärm, aber auch manche Einsamkeit gab.


In "Altes Handwerk" finden wir in fantastischer Weise seine Heimatverbundenheit wieder: Das LAND.

Pavese hat Folgendes geschrieben:
...man spürte, wie sich der ganze Karren und das Pferd bewegten und sich unter einem dehnten; manche Stellen der Landstraße erkannte ich an den plötzlichen Stößen. Je nachdem, ob der Karren unter einer Berglehne hinfuhr oder zwischen Feldern, an einem Bogengang vorbei, an einer Mauer oder über eine Brücke, gab das Geräusch der Räder einen anderen Wiederhall: es war ein Laut, der uns Gesellschaft leistete, mehr als das Schellenhalsband, das die Pferde zum Klingeln brachte....


Der Erzähler (Pavese?) erzählt das rückblickend, und wehmütig bekennt er, wenn er heute des Nachts keinen Schlaf findet, höre er keine Pferdekarren mehr, sondern das Getöse der Autos.

So ändern sich Zeiten, jaja Wink

de josilin (le Marquis)
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 18.02.2008, 09:33:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Josilin,

Du bist ja richtig fleißig, da bin ich momentan nicht so flink ... na egal. Noch einmal Noch mal zu "der Name", du schriebst:
Zitat:
Zweimal habe ich diese Geschichte gelesen und vielleicht überlesen, wo sich die Eltern prügeln....??

Nö, die Eltern nicht, bzw wir wissen es nicht. Der Junge, "Pale" (ob dieser Name im Italienischen wohl auch ein Assoziation von "fahl" und / oder "Pfahl" weckt?) der Sohn also wird schrecklich geprügelt.

Ich springe noch mal zum "Abenteuer" der Sandra. Ich hatte es so verstanden, daß die Familie sie vorausschickt zum Quartiermachen vielleicht für die Ferien. Falls ich nichts überlesen habe, ist folgende Passage alles, was wir über die Hintergründe der Reise erfahren:
Zitat:
Als zu Hause beschlossen worden war, sie solle allein hierher reisen und wegen der Wohnung verhandeln, hatte Tonino berkt: "Falls sie dort ankommt, ohne auf die Nase zu fallen ..." Aber sie musste einfach hier ankommen.

Wir dürfen rätseln: Ist das ihr Bruder? Der Vater nicht vorhanden? Will sie diese Reise oder soll und muss sie, und wenn ja, warum?

Jedenfalls steckt sie in einer ganz unsicheren Situation, vielleicht existenziellen Krise, wird sozusagen ein leichtes Opfer ihres Verführers - aber ob wir sie wirklich als Opfer sehen dürfen? Mir will scheinen, sie hat es auch gesucht, das Abenteuer fern von zu Haus.

Zur "Wiese der Toten" habe ich zu deinen Ausführungen, Josilins, kaum was hinzuzufügen. Beeindruckend, dieses kurze Geschichte mit geradezu archaischer Wucht. Diese Groteske Sterberei, geradzu automatenhaft ...

Mir fiel das wunderschöne Gedicht von Georg Heim ("Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen") ein, aus dem ich mal ein paar Verse herauskopieren

Zitat:
13 Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
14 Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
15 Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden,
16 Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.

17 Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile,
18 Die Haare fallen schon auf ihren Wegen,
19 Sie springen, daß sie sterben, nun in Eile,
20 Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen.

21 Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
22 Stehn um sie blind, und stoßen mit dem Horne
23 In ihren Bauch. Sie strecken alle viere
24 Begraben unter Salbei und dem Dorne.


So, nun erstmal liebe Grüße bis demnächst

Peter Sense
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Verfasst am: 18.02.2008, 09:33:49    Titel: Ähnliche Themen



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peter sense
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BeitragVerfasst am: 22.02.2008, 21:42:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Josilin,

Erstmal zur "Lederjacke", wohl mehr als ein Kleidungsstück, ein Symbol der Bootsverleiher. Die Geschichte schließt natürlich thematisch ganz eng an das "Gewitter" aus dem ersten Band an. Das "Gewitter" ist aber expressiver, effektvoller erzählt und komponiert, diese Geschichte hier trägt mehr das Signum des Erlebten und Erlittenen. Dazu haben wir wieder: eine dicke Beziehungskiste, welche sozusagen für die eine Hälfte derselben in einer solchen endet, sowie einen halbverstehenden Halbwüchsigen.

Dann "Wanda" Ein ganz kurzes Fragment wieder, und wieder eines, bei dem man sich freuen kann, daß die Herausgeber es nicht unter den Tisch haben fallen lassen. Beziehungsgeschichte, natürlich, und eine weitere Variante des Unglücklichseins.

Die "Täume im Lager" - eine Geschichte, die man ruhig ein paar mal lesen kann. Oft versuchen Lagergeschichten ja, die schrecklichen äußeren Geschehnisse der Entwürdigung, der Auslöschung der Individualität (und der physischen Auslöschung) darzustellen und zu verdeutlichen, hier sind es mehr die inneren Zustände, die Träume eben - die für den Gefangenen im Lager so wenig fassbar bleiben wie für uns - und an diesen können wir versuchen, ein paar Aspekte einer solchen Menscheneinlagerung zu verstehen.

Ich will jetzt nicht auf jede weitere Geschichte eingehen, sondern mal versuchen zu schildern, wie es mir mit einer gewissen Art, einer gewissen Klasse von Paveses Geschichten geht, die hauptsächlich auf innerem Monolog, auf innerer Reflexion basieren.

Zuweilen denke ich: Zum Donnerwetter, was geht mich eigentlich das Gesülze dieser traurigen Gestalten an? Wenn ich nämlich Rock und Pop, Action und Story oder zumindest handfeste Überlegungen, dringliche Überzeugungen hören bzw lesen will.

Manchmal aber denke ich auch: Mein Gott, wie ist das so gekonnt und gültig da hingeschrieben, so fein zisiliert, zaghaft und leise dennoch so unzweifelhaft gültig und wahr.

So, und zum Schluß meines Beitrages will ich nun auch mal die Nase vorne haben und wähle deshalb die letzte Geschichte des Bandes. Sie heißt "Arbeiten ist ein Vergnügen"
Der Ich-Erzähler als Sommerfrischler, "kam dorthin wie zu einem Fest",
somit war sie für ihn auch ein Vergnügen. Er sah sie im strikten Gegensatz zur Industriearbeit in der Stadt bzw der Angestellten-Fron im Büro und lernt im Laufe der Geschichte, daß dem wohl nicht so ist.

Wir werden die Geschichte vermutlich am besten verstehen, wenn wir den marxistische Begriff der Arbeit als eine grundlegende Kategorie im Hinterkopf halten, als eine Bestimmung des Menschseins, entfremdet in der Klassengesellschaft, mit dem Aufscheinen der Möglichkeit zu ihrer Befreiung.

(Ich habs jetzt begrifflich extra so schön plakativ gemacht)

Liebe Grüße,
Peter Sense
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 06.03.2008, 14:56:32    Titel: Antworten mit Zitat

Es macht mir nach wie vor Vergnügen, Pavese zu lesen, (auch wenn ich zwischendurch anderes lese) - darüber zu schreiben z.Zt. weniger, weil das weitere durchbeten, vorbeigleiten lassen der Perlenschnur der Geschichten mir als Selbstzweck erschiene.

Ich danke Josilin herzlich für das Mitlesen und -schreiben!

Grüße,
Peter Sense
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 06.03.2008, 16:12:29    Titel: Antworten mit Zitat

peter sense hat Folgendes geschrieben:
Zuweilen denke ich: Zum Donnerwetter, was geht mich eigentlich das Gesülze dieser traurigen Gestalten an? Wenn ich nämlich Rock und Pop, Action und Story oder zumindest handfeste Überlegungen, dringliche Überzeugungen hören bzw lesen will.

Manchmal aber denke ich auch: Mein Gott, wie ist das so gekonnt und gültig da hingeschrieben, so fein zisiliert, zaghaft und leise dennoch so unzweifelhaft gültig und wahr.


Das Geheimnis von Paveses Kunst liegt vielleicht in seiner hohen Sensibilität. Das denke ich manchmal.
Es kommt immer darauf an, wie etwas geschrieben ist, nicht was. Wink

Ich komme erst jetzt zum Wochenende hin zur Ruhe und Zeit, weiterzulesen (ja, chaotische Wochen hinter mir) und werde noch zu mancher Erzählung etwas beisteuern und bin schon im Kosmos Nabokov'scher Erzählungen gefangen.

Liebe Grüße
mombour
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 10.03.2008, 16:51:22    Titel: Antworten mit Zitat

Interessant finde ich, dass wir in Paveses späten Erzählungen sehr oft die Landschaft seiner Kindheit berühren. Das Dorfleben in den Hügeln des Piemont. So handelt die Erzählung von „Das Meer“von der Sehnsucht, das Meer einmal zu sehen, und zwei Jungens reißen aus. Sogar der Fluss Belbo findet sich in der Geschichte wieder, ein kleiner Fluss etwa 10 Kilometer von Santa Stefano Belbo, Paveses Geburtsort, entfernt. Und wie treffend, der Belbo führt direkt ins Meer.

Oft sind es zwei Jungen, deren Abenteuer erzählt wird. Einer der Jungs ist ein schüchterner Typ, manchmal denke ich, es könnte Pavese sein. So auch in „Die Häuser“. Im letzten Satz der Geschichte heißt es:

Zitat:
Aber jetzt gibt es Tage oder manche Sonntage, wo ich ihn beneide.


Seinen Freund beneidet er, da er die Tabakverkäuferin geheiratet hat.

„Die Stadt“ erzählt von zwei Freunden, die in der Stadt (Turin) studieren. Im Sommer fährt man ins Dorf, besucht seine Verwandten, und geht dann wieder in die Stadt zurück. Auch Pavese hat von der Stadt aus immer wieder sein Heimatdorf besucht. Als sich in den etwas schüchternen Jungen in der Geschichte ein Mädchen verliebt, verscherzt er es aber mit ihr.

In „Geheimnis“ schreibt er über die hügelige Gegend seiner Heimat:

Zitat:
Die Straße führt zu den Wolken empor, die in der Sonne über dem Dunst der Ebene auseinander brachen.


Heute kann in in Santo Stefano Belbo Urlaub machen. Es gibt Hotels, Ferienhäuser....irgendwie sehnt es mich dorthin. Das hat Cesare Pavese mit seiner wunderbaren zart anmutenden Prosa erreicht. Herzlichen Dank.

Das war eine sehr schöne Leserunde. Danke Peter.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Verfasst am: 10.03.2008, 16:51:22    Titel: Ähnliche Themen



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