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Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik

 
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 08.01.2008, 16:21:19    Titel: Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik Antworten mit Zitat

Eröffnung der Leserunde zu


Arno Schmidt "Die Gelehrtenrepublik"

Es nehmen teil:

Costa
Cut&Paste
Roquairol


Fangt einfach an, dann pendelt sich das Lesetempo schon ein.

Selbstverständlich kann auch jeder andere noch mitdiskutieren. Das Lesetempo richtet sich nach dem Belieben der Runde.

Liebe Grüße
M. de Josilin
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 08.01.2008, 21:44:26    Titel: Antworten mit Zitat

Man hätte vielleicht noch vorausschicken sollen, daß dieses Buch nichts für Zartesaitete in Sachen Eroticis ist. Im LC meinte mal jemand, "Die Gelehrtenrepublik" sei nur etwas für Liebhaber der Sodomie ... Nun ja ... Embarassed
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 09.01.2008, 00:24:59    Titel: Antworten mit Zitat

Roquairol hat Folgendes geschrieben:
Man hätte vielleicht noch vorausschicken sollen, daß dieses Buch nichts für Zartesaitete in Sachen Eroticis ist

Kann sein. Inzwischen ist mir wieder eingefallen, wann ich das Buch - es war eine gebundene Ausgabe, die ich mir aus der Uni-Bibliothek der Nachbarstadt ausgeliehen hatte - gelesen habe:

Es geschah zu jener Zeit, als wegen der Ölkrise (6-Tage-Krieg?) Sonntagsfahrverbot herrschte. Wir hatten damals eine 5-tägige Klassenfahrt nach München gemacht, mit dem Zug, und das Buch hatte ich mitgenommen. Also müsste es 1973 gewesen sein? Damals war ich noch nicht Abiturient. Einige Monate vorher hatte ich Was soll ich tun ? und damit Arno Schmidt "für mich" entdeckt, und inzwischen einige Nachrichen von Büchern und Menschen ausgeliehen und gelesen.

Jahrzehnte später erkaufte ich die Sonderausgabe für 10 DM anlässlich des Jubiläums "40 Jahre Fischer Taschenbücher" und stellte sie der Vollständigkeit halber ins Regal, wo ich sie gestern wieder herausholte.

Erinnern kann ich mich an fast nichts mehr aus der Republik, auch wenn ich mit ihr die sogenannte "Penisvarianz" oder so ähnlich assoziiere (muss mit dem erotic drive zusammenhängen). Es war alles so ungemein weit weg in der Zukunft, in einem anderen Jahrtausend. Ich fiel aus allen Wolken, als ich Costas Behauptung las, die Handlung spiele heuer. Dass ich das noch erleben darf :-)

Für jetzt schau ich mir nur noch die Tabelle mit den Grunddaten des Verfassers und seines Übersetzers an und frage mich, wie umfangreich mein Wortschatz im Mittelhochdeutschen wohl am 1.1.2009 sein wird, und warum bisher niemand unter http://de.wikipedia.org/wiki/4._April für das Jahr 1996 unter Kultur den Erlass des Interworld-Gesetzes Nr. 187 "Über bedenkliche Schriften" eingetragen hat,

AS in GR auf Seite 6, Fischer TB 11215 hat Folgendes geschrieben:
dessen §11a die Möglichkeit der Veröffentlichung politisch oder sonst irgend anstößiger Broschüren durch Übertragung in eine tote Sprache, als vereinbar sowohl mit der Staatsraison, als auch etwelchen Belangen der Literatur in Betracht zieht.
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Costa
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BeitragVerfasst am: 09.01.2008, 15:27:20    Titel: Zu Hufe und Fuß Antworten mit Zitat

So. Habe angefangen und bis S. 30 - also bis zur Abreise aus dem Zentis-Dorf - gelesen.
Da dies mein erstes A.S.-Buch ist, ist für mich der Schreibstil nicht mit sonstigen Werken vergleichbar. Er ist bisher teilweise stockend holprig - und dadurch äußerst effektiv die Lese-Aufmerksamkeit fordernd.

Charly, ein zu hohen Würden gelangter Reporter - mit anscheinend nicht so sehr dementsprechender Berichterstattungs-Nuance - oder liegt das an der Übersetzung? Dann utopisch, dann fantastisch.

Auf jeden Fall: mitreißend und beunruhigend in die Geschichte hinein mitnehmend - obwohl der Text von außen betrachtet nicht so wirkt.

Und: Die Anspielung auf den Erlkönig - überraschend.


Frage an meine Mitleser: Soll ich warten, oder einfach fertiglesen - machen's wir etappen- oder ganzer happenweise?
Und: Bitte aufgrund meiner Frischlingsdiskutanz um Feedback ihrerseits.
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 11.01.2008, 13:54:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Costa,

dein Einstieg war doch schön. Da wird noch ein Feedback kommen.

Liebe Grüße
M. de Josilin
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Cut&Paste
Zweitbuchinhaber/In


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BeitragVerfasst am: 11.01.2008, 23:59:35    Titel: Re: Zu Hufe und Fuß Antworten mit Zitat

Costa hat Folgendes geschrieben:
Soll ich warten, oder einfach fertiglesen - machen's wir etappen- oder ganzer happenweise

Gewartet hast Du nun ja schon, das wird wohl nie ganz vermeidbar sein, aber schonmal fertiglesen muss auch nicht sein.

Schon auf den ersten Seiten stehen für Arno Schmidt typische Dinge (Worte, Stilmittel, Denk- undoder Schreibweisen), die ich (weiterhin) bemerkenswert finde. Ich zitiere einfach mal.

Die Handlung: am 22.06.2008 ist der etwa 30,4-jährige 'Mister Winer' auf dem Weg in die amerikanische verstrahlte Zone:

AS in GR auf Seite 9 hat Folgendes geschrieben:
Um 16 Uhr hatten wir Prescott, Arizona, verlassen, und man saß in der Hitze wie in Bernstein ; ( Menschen in Kunstharzblöcken : das gibt's längst. Um der Nachwelt Moden und so zu überliefern. Nr. 238, im Museum zu Detroit, war mal, als Junge, meine große Liebe gewesen ( obwohl heute natürlich lächerlich altmodisch ; ich pflegte ihr damals jede Knabenerektion zu bringen. Seit elf Jahren nicht mehr gesehen : wegtrotteten die Gedanken. ) ).


Und eine Seite und 80 Minuten später ist man am Eingangstor zur namengebenden Zone angelangt, beim dortigen Wachsoldaten:

Zitat:
" Winer ? - : Wieso ? ! " : und ich mußte gleich meine Papiere vorzeigen : Personalausweis mit Lichtbild, Daumenabdruck, Zahnfeinbau, Penisvariante. Dann die achtfach ( also von sämtlichen Weltmächten ) gestempelte Erlaubnis zum Besuch der Gelehrtenrepublik - das war ihnen allerdings noch nicht vorgekommen ! / Dann der auf einem guillochierten Sonderblatt erteilte USA-Permit zur Durchquerung des Hominidenstreifens. ( Den nahm er, während seine Stirn sich lauernd runzte, mehrfach an sich, der Herr Oberst. Er begab sich mit meinem kostbaren Schein in ein hinteres Büro. Sprach dort auch fern ; lange. - Als er wieder herkam, lächelte es irgendwie unten auf seinem unangenehmen Soldatengesicht : man sah, daß er schon vorher, drinnen, genickt haben mußte. ) Und nickte weiter :


Man erkennt hier einige Merkmale, Besonderheiten, Marotten? der verschmidtsten Prosa:
  • unüblicher, aber unmittelbar einsichtig-verständlicher Umgang mit Worten und Grammatik: die Gedanken wegtrotteten, er sprach fern, Zahnfeinbau
  • Satzzeichen und ihre Verselbständigung: Außer Punkt und Komma verfügt jedes Sonderzeichen bei AS über ein eigenes ihm voranstehendes Leerzeichen. Frager & Zweifler (?), Ausrufer & Auftrumpfer (!), Zusammenfasser & Ankünder (:), Satzteilzusammenhalter (;), Pausenfüller & Bedenkenträger (-) und Klammergebirge jedeweder Tiefe ((())) nisten sich Byte-sparend ein und übernehmen eigene Rollen. Selbst ein Leerzeichen ( ) steht unter dem Verdacht, Sinn zu machen.
  • Wortschöpfungen wie guillochiert, wo sich Fragen anschließen (ist es nur eine Verballhornung von "gelocht" oder steckt mehr dahinter?), zu deren Beantwortung ein Abonnement des Bargfelder Boten hilfreich wäre.
  • Verblüffende Gedankengänge und Sichtweisen, brillant formuliert: seine Stirn runzte sich, und zwar lauernd; es lächelte irgendwie unten auf dem Gesicht; und woran in aller Welt sieht man, dass jemand schon vorher genickt haben mußte? Wenn da ein 'f' statt einem 'n' gestanden hätte, könnte man es vielleicht tatsächlich sehen oder ahnen, denn hinter Allem & Jedem vermutet man ...
  • ... das Eine, unvermeidbare Grundthema: 6. Die Knabenerektion (die mir literarisch gekonnter erscheint, als das grasssche Spermaweitspritzen in die Blechtrommel, von dem ich etwa gleichaltrig aus einem Referat eines Klassenkameraden im Deutschunterricht erfahren musste) - und dann die Penisvariante, dieses unvergessliche biometrische Merkmal: wieviel Daumenabdrücke wohl seine Messung und Überprüfung erfordert?
Nicht alles von Arno Schmidt ist anzüglich, aber doch so einiges. Sprach- und schriftgewaltig ist er, irgendwie einmalig im deutschen Sprachraum, Seinesgleichen nicht findend, wenn auch wohl kaum gesucht habend ...

Die von AS so unerbittlich genutzten stilistischen und sprachlichen Konstruktionsmittel eröffnen unendlichfältige faszinierende Ausdrucksmöglichkeiten, die schwer auszuschöpfen sind. Auf Seite 14 taucht schon zum drittenmal Kunstharz auf, auf Seite 16 der Zweidrittelmond, der schon wenn ich nicht irre über Brand's Haide dunkles Wolkengebräu vor sich herschob, das Mare Crisium gerät bereits auf Seite 17 ins Blickfeld.

Statt auf die anregenden Sprachspiele werde ich beim diesmaligen Lesen wohl mehr auf die Inhalte achten? Mal sehen. Auf den Erlkönig bin ich noch nicht gestoßen; oder habe ich ihn überflogen? Bin gerade beim Landeanflug des Luftballons 50 Minuten vor Sonnenaufgang.

Costa, wie weit bist Du inzwischen? Roquairol, hat abebooks schon geliefert?
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Costa
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BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 04:39:49    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
und woran in aller Welt sieht man, dass jemand schon vorher genickt haben mußte? Wenn da ein 'f' statt einem 'n' gestanden hätte, könnte man es vielleicht tatsächlich sehen oder ahnen, denn hinter Allem & Jedem vermutet man ...



Zwar erfreut sich Schmidt an seinem lockeren Umgang mit der Sexualtiät, meiner Meinung nach, aber nicht mehr als einfacher, natürlicher (und auch schon pervertierter) Teil des Lebens - er drängt mit seinem Fokus nicht so extrem auf das Thema wie etwa Josef Winkler in "Natura Morta".

So konnte Charly Winer sehen, dass der Oberst schon vorher, drinnen genickt hat, da er nickend aus dem Büro herauskam - so wie einer, der von jemanden am Telephon einen Auftrag oder einen Ratschlag bekommt, der demjenigen selbst gefällt. Beim Telephonat sagte/dachte er wohl ja, jawohl, das ist gut,... und machte die entsprechende Gestik dazu - den Gedanken noch weiterlaufend, kam so die Körpersprache automatisch mit aus dem Büro heraus.
[Was sich ja schon als seltsame Vorahnung auf gewisse Pläne mit Charly herausstellen wird.]

Hier der Goethe-"Witz":
"Siehst, Vater, du den Hut dort auf der Stange?" in Anbetracht des annahenden Todes des jungen, vergifteten Zentaurs.

Dass der Name der ersten weiblichen Begegnung Thalja ist....
Thalia (die Blühende, Fülle, froher Mut) ist eine der neun Musen, aber auch eine der drei Chariten (Grazien). Sie war die Muse der komischen Dichtung und der Unterhaltung.

Verharre noch ein Weilchen aus S. 33
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 13:56:12    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Roquairol, hat abebooks schon geliefert?


Leider nicht, aber gestern bekam ich die Nachricht, das Buch sei abgeschickt worden. Dürfte also in den nächsten Tagen eintreffen. Ich werde dann meinen Senf noch nachtragen, wir müssen ja nicht synchron lesen, dies ist ja kein Online-Chat.

Was den formalen Ablauf einer Leserunde betrifft, bevorzuge ich übrigens das Wikipedia-Prinzip "Ignoriere alle Regeln!". Reine Inhaltsangaben und Abspracheversuche, wer wann auf welcher Seite ist und bis wohin lesen will, sind langweilig - interessant dagegen unsere Gedanken und Gefühle bei der Lektüre.

Viele Grüße,
RqR
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 12.01.2008, 17:50:39    Titel: Antworten mit Zitat

Als Kiebitz und Mitleser (eurer Beiträge, nicht des Buches) warte ich eigentlich nur auf meinen persönlichen Aha-Moment, wo ich engültig erkenne, ob ich das Buch nun schon mal gelesen oder eben nicht gelesen habe. Da freut es mich, etwas zur Aufklärung beitragen zu können, nämlich zum "guillochierten Sonderblatt". Guilloches sind diese verschlungen Linien z. B. auf Geldscheinen, Wertpapieren und anderen Dokumenten, sie sollen die Fälschung erschweren. Es gibt spezielle Guilloche-Maschinen zu ihrer Erzeugung.
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 15.01.2008, 21:04:12    Titel: Antworten mit Zitat

So, mein Buch ist da!
Ich habe angefangen und bin jetzt auch im Ballon.

Daß der Name des Übersetzers "Chr. M. Stadion" ein Anagramm von ARNO SCHMIDT ist, war klar, oder?

Etwas fremdartig wirkt heute die Szenerie "nach dem 3. Weltkrieg", mit nuklearer Verseuchung etc. - damals eine allgemein erwartete Zukunft (wir dachten alle, ein paar Jahre höchstens, dann sind wir weg vom Fenster), heute verdrängt, vielleicht zu Unrecht.
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Roquairol
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 15.01.2008, 21:05:49    Titel: Antworten mit Zitat

übrigens, Peter: Danke für den Hinweis!

Wir hätten ja auch mal bei http://de.wikipedia.org/wiki/Guilloche nachschlagen können ....
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 16.01.2008, 00:47:06    Titel: Antworten mit Zitat

in der Tat, vielen Dank, für den Guilloche-Hinweis. Das Bild dort kommt mir bekannt vor, aber auf Euro-Banknoten scheint es die nicht zu geben. Hätte mein Alter Ego eigentlich wissen müssen. Das Anagramm ist mir auch nicht aufgefallen, und Thalia kenne ich nur als eine der drei Buchladenketten, die sich frohgemut gegenseitig einverleiben.

Den Erlkönig kannte ich leider auch zu wenig (die ersten 2 Zeilen natürlich, oder "Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.", eine der Grundeinstellungen deutschen Geistes, mal ausgenommen), um das Zitat zu erkennen (auch wenn ich den gleichen Spruch in seinem Radioessay über den "Ritter vom Geist" Karl Gutzkow schon einmal gelesen haben müsste ...) Auf Seite 40 zitiert AS nochmal Goethe: " Sitz auf, so kannstu nach Belieben fragen ! ". Soll aus der "Klassischern Walpurgisnacht" stammen. Was ist das für ein Gedicht?

Dein Hinweis, Costa, auf Josef Winklers "Natura Morta", das ich natürlich auch nicht kenne, kommt mir indes gelegen. Ich spiele mit dem Gedanken, sein "Roppongi" zu lesen, das mir kürzlich in einer Wiener Buchhandlung auf meiner Inspektionsreise in die kunsthistorischen Museumstoiletten, die ja nach Reger, so Atzbacher, schreibt Bernhard, allerschlimmst und skandalös seien, in die Hände fiel, natürlich nachdem ich diese daselbst wieder gewaschen hatte. Vorne in Roppongi, also im Buch Roppongi, nach dem Inhaltsverzeichnis, zitiert Winkler das Narayama-Lied: "Komm, Väterchen, und sieh:/Die kahlen Bäume mehren sich./Komm nur heraus und nimm dein Brett./Jetzt wird es Zeit zu gehen.", also zu sterben, aus den aus dem Französischen übersetzten "Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder", das, also das Französische, aus dem Japanischen übersetzt wurde, das wiederum, also das Japanische, auch 1957 geschrieben (jedenfalls veröffentlicht) wurde, wie die Gelehrtenrepublik. Beides, also Roppongi als Ort und als Titel, und das Narayama-Lied als Solches, lässt mir eine Lektüre von Roppongi als Roman, lohnend erscheinen - aber wenn da alles auch nur um 6 geht?

Der Oberst kam übrigens lächelnd aus dem Büro (von "nickend" scheibt AS nichts), und trotzdem sieht man, dass er drinnen genickt haben musste. Man "sah" es, an was auch immer. Arno Schnidt unterstelle ich, dass er, wenn der Oberst von drinnen bis draußen durchgehend genickt hätte, er das geschrieben hätte. Er schreibt aber, dass der Oberst drinnen genickt haben musste (man konnte es nicht etwa im nachhinein schlussfolgern sondern unmittelbar sehen), und dann draußen "weiter" nickt (aber "ununterbrochen weiter" kann das bei der Formulierung nicht bedeuten; man sah ja nicht dass er nickte, sondern nur dass er genickt haben musste!). So wie an Brotresten am Mund zu sehen ist, dass man gefrühstückt haben musste, gibt es, vielleicht da wo es lächelte, irgendwie unten auf dem unangenehmen Gesicht noch Nickreste von drinnen.

Dann noch eine literarische Frage. Auf Seite 30 "das Ende der Welt" (hier die Riesenmauer des Sperrbezirks): Gibt es andere Romane, in denen das Ende der Welt nicht im übertragenen Sinn oder als Zeitpunkt, sondern als Ort vorkommt? Murakamis "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" vielleicht, da ist das EdW ein Ort, ob real oder mental sei mal dahingestellt. Dort gibt es auch eine Landkarte vom Ende der Welt, wie in der Gelehrtenrepublik, hier allerdings hochkant, auf einer Seite, leider schwer leserlich klein gedruckt. Ob Murakami "The Egghead Republic" gekannt hat?

Was sind übrigens "interbraccale Vorgänge", die der Übersetzer, der wohl seinen Karl May nicht gelesen hat, auf Seite 33 hinter den Sitzenden Bullen vermutet? Google wollte es mir nicht sagen. Und die Ethyomologie von "Gow-Chrómm", dem zentaurischen Wort für Mond / Monat: irgendwas mit chronos / Zeit?

Man sieht: Arno Schmidt muss man wie ein fremdsprachiges Buch lesen: nicht um alles in der Welt jedes unbekannte Wort nachschlagen, sonst kommt man gar nicht voran ...


Zuletzt bearbeitet von Cut&Paste am 14.09.2008, 17:15:05, insgesamt 4-mal bearbeitet
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 19.01.2008, 15:32:44    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr schön ist immer wieder, wie der "Übersetzer" keine Ahnung hat, was der "Verfasser" meint: "einen Halm Büffelgras, Buchloe dactyloides Engelm., wenn ich ihn recht verstehe" ...

Die "interbraccalen Vorgänge" bleiben mir auch schleierhaft.
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 00:48:22    Titel: Antworten mit Zitat

... ja, und die Kritik des "Übersetzers" am Schreibstil des "Verfassers", der ihn vom "Autor" (AS) übernommen hat, wie in der Fußnote 17 auf Seite 45, bei den brennenden Gasquellen, wo die Gottesfrage diskutiert wird:
Zitat:
So standen wir lange, und sahen uns an. Wir, Brothers Three : contra einen Flammenbusch.

[...]

" Die Seele des Tyrannen Fórmindalls ! " ( noch ehe ich ihnen erklären konnte, was dort brannte ). / Und, zu meiner weiteren Information : " Der böse Geist, der uns geschaffen hat. " - " Ihr seid also vom Bösen Geist geschaffen ? " fragte ich interessiert; und sie sahen erstaunt herum : " Ja. : Hat Euch etwa ein guter gemacht ? ". ( Wozu er - er war nicht umsonst Häuptling, Recke & Denker - noch schwerfällig zugab : " Gibt es denn einen Guten Geist ? " . - . - .17 Ich antworte lieber nicht ; mir war nicht wohl - nie wohl gewesen ! - in meiner rosa Haut ).

[...]
17 Wenn ich die intrikate, in USA-West leider üblich gewordene, ' Neue Interpunktion ' des Verfassers richtig deute, soll diese Kombination von Gedankenstrichen und Punkten wohl eine ' nachdenkliche Pause ' versinnbildlichen. - Ich möchte feststellen, daß ich gegen seinen Kultus, zumal des Semikolons, bin !

Zu "Fórmindalls" (und "Gow-Chrómm") erfahren wir auf Seite 58 die Wortherkunft:
Zitat:
" Najaalso, ' Fórmindalls ' : da gab's mal vor 50 Jahren einen Außenminister, der entscheidend zur Weiterführung der Atomversuche geraten hat . . . . . " / Und ich unterbrach schon erleuchtet : " Achsooo ? ! : ' For=Min ' - das steht reduktiv für ' foreign ' und ' minister ' ? ! - : Achsoooo. Ja jetzt wird mir manches klar. " ( Aber das war natürlich ein dolles Faktum ; wat et all jiebt ! ). / ' Gow ' wußte er auch nicht. ' Chromm ' war das keltische ' krumm ' - wieso grade das vom Gälischen her, war unbekannt : " Zufall wohl. Scheinbar ein Förster irischer Provenienz dazwischen geraten. "

Da steckt ja richtig Tagespolitik drin: "Fórmindalls" ist also reduktiv für "Außenminister Dulles", (obwohl sein Titel ja "Secretary of State" und nicht "Foreign Minister" ist), der als Tyrann und böser Geist die Zentauren geschaffen hat; und "Wat et all jiebt" klangt nach Adernauers Dialekt: man hört förmlich, dass jener dabei genickt haben musste :-)

Roquairol hat Folgendes geschrieben:
Etwas fremdartig wirkt heute die Szenerie "nach dem 3. Weltkrieg", mit nuklearer Verseuchung etc. - damals eine allgemein erwartete Zukunft

Fremdartig ja, aber auch recht unwahrscheinlich: in nur 50 Jahren hat die Evolution - zugegeben massiv beschleunigt durch den Nuklearschock - lebensfähige Mischwesen zwischen Mensch und Hirsch herausgemendelt. Und da eine Zentaurengeneration mindestens 3 Jahre lang ist (Generation als mittlere Zeit zwischen der eigenen Geburt und der des ersten Nachkommen; und Zentaurenweibchen werden lt. Seite 56 mit ungefähr 3 Jahren fortpflanzungsfähig), gab es in den 50 Jahren nicht einmal 20 Generationen: nicht viel für Mutation und Selektion. Deswegen helfen die "Förster" mit dem Züchten kräftig nach; die Seiten 55-57 lesen sich wie aus einem Euthanasielehrbuch der Nazis:
Zitat:
Wir [die Förster] überwachen sämtliche Trupps [von Zentauren] ärztlich : brutal Mißratene ; bösartige Männchen ; allzugroß Gehörnte - was bei der Geburt Schwierigkeiten machen könnte - werden rück=sichts=los abgeschossen !

Dieses fanatische "rück-sichts-los" in den Reden Hitlers, Goebbels und Görings muss Arno Schmidt aus dem Radio noch im Ohr gehabt haben ...

Übrigens heißt es im "seinem" Artikel der englischen Wikipedia: "The US entrepreneur and technology writer Dave Winer is a grandnephew of Arno Schmidt." Sollte der "Verfasser" der noch ungeborene Urgroßneffe des "Übersetzers" alias Arno Schmidt sein?


Zuletzt bearbeitet von Cut&Paste am 20.01.2008, 13:19:07, insgesamt einmal bearbeitet
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Verfasst am: 20.01.2008, 00:48:22    Titel: Ähnliche Themen



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Costa
Sätze-Schachtel-Huber-Bube /Bübin


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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 00:49:16    Titel: Antworten mit Zitat

Georg Theodor Engelmann ist ein auf Frankfurt am Main stammender, amerikanischer Botaniker und der Namensgeber des Büffelgrases, das tatsächlich in der binominalen Nomenklatur Linnés "Buchloe dactyloides" genannt wird.
Aufgrund der englischen Sprache kann Büffelgras leicht mit dem Wimper-Stachelgras (amerikanisch: Buffel grass), dessen botanischer Name Cenchrus ciliaris lautet, oder dem Duftenden Mariengras (amerikanisch: Bison grass), mit der botanischen Bezeichnung Hierochloë odorata, verwechselt werden.

Die Klassische Walpurgisnacht ist im 2. Akt von Goehte's Faust II -
die Zeile kann ich aber nicht finden:

Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder

erichtho
Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,
Tret' ich einher, Erichtho, ich, die düstere;
Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich
Im übermaß verlästern. . . Endigen sie doch nie
In Lob und Tadel. . . überbleicht erscheint mir schon
Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,
Als Nachgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht.
Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort
Ins Ewige wiederholen. . . Keiner gönnt das Reich
Dem andern; dem gönnt's keiner, der's mit Kraft erwarb
Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst
Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern
Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß. . .
Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:
Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,
Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,
Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.
Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,
Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!
Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem's gelang.
Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,
Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,
Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,
Versammelt sich hellenischer Sage Legion.
Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt
Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild. . .
Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,
Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;
Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.
Doch über mir! welch unerwartet Meteor?
Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.
Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht,
Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;
Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.
Schon sinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht!

homunculus
Schwebe noch einmal die Runde
über Flamm- und Schaudergrauen;
Ist es doch in Tal und Grunde
Gar gespenstisch anzuschauen.

mephistopheles
Seh' ich, wie durchs alte Fenster
In des Nordens Wust und Graus,
Ganz abscheuliche Gespenster,
Bin ich hier wie dort zu Haus.

homunculus
Sieh! da schreitet eine Lange
Weiten Schrittes vor uns hin.

mephistopheles
Ist es doch, als wär' ihr bange;
Sah uns durch die Lüfte ziehn.

homunculus
Laß sie schreiten! setz ihn nieder,
Deinen Ritter, und sogleich
Kehret ihm das Leben wieder,
Denn er sucht's im Fabelreich.

faust
Wo ist sie?- +

homunculus
Wüßten's nicht zu sagen,
Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
In Eile magst du, eh' es tagt,
Von Flamm' zu Flamme spürend gehen:
Wer zu den Müttern sich gewagt,
Hat weiter nichts zu überstehen.

mephistopheles
Auch ich bin hier an meinem Teil;
Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil,
Als: jeder möge durch die Feuer
Versuchen sich sein eigen Abenteuer.
Dann, um uns wieder zu vereinen,
Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.

homunculus
So soll es blitzen, soll es klingen.
Nun frisch zu neuen Wunderdingen!

faust
Wo ist sie?- Frage jetzt nicht weiter nach. . .
Wär's nicht die Scholle, die sie trug,
Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,
So ist's die Luft, die ihre Sprache sprach.
Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!
Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;
Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,
So steh' ich, ein Antäus an Gemüte.
Und find' ich hier das Seltsamste beisammen,
Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 01:06:37    Titel: Antworten mit Zitat

Costa hat Folgendes geschrieben:
Die Klassische Walpurgisnacht ist im 2. Akt von Goehte's Faust II

Respekt, Du kennst Dich aus bei Goethen.- Nach der Gelehrtenrepublik könntest Du ja "Goethe und Einer seiner Bewunderer" lesen, als Fischer Taschenbuch 9123 sicher noch im Handel Smile
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Costa
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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 01:07:56    Titel: John Foster Dulles Antworten mit Zitat

zu John Foster Dulles

1950 veröffentlichte er das Buch Krieg oder Frieden.

Er war sich der Macht der Presse bewusst und versuchte immer, ein gutes Verhältnis zu ihr zu haben.

Am 20. November 1952 fragte Eisenhower ihn, ob er den Posten des Außenministers übernehmen wolle; er sagte zu. Er war nicht der einzige, der zur Auswahl stand, aber der Naheliegendste. Im Januar 1953 übernahm er das Amt.

Er erreichte Unterstützung für die Franzosen bei ihrem Indochinakrieg gegen die Việt Minh. Bei der Genfer Konferenz 1954 verweigerte er dem chinesischen Außenminister Zhou Enlai den Händedruck.

In seiner Amtszeit baute er die NATO und ihr südasiatisches Pendant, die SEATO zu massiven Abschreckungsmechanismen gegenüber drohender sowjetischer Aggression aus. Dulles gilt als einer der Väter des amerikanischen Abschreckungskonzepts, das die gegenseitige Versicherung völliger Zerstörung als Garantie für den Frieden betrachtete („Gleichgewicht des Schreckens“). Die Drohung mit einem Atomschlag, die in der NATO-Strategie der massive retaliation ihren Niederschlag fand, wurde bereits Ende der 1950er Jahre bei den europäischen Verbündeten kritisiert und in den 1960er Jahren durch die Strategie der flexible response ersetzt.

1956 verweigerte Dulles der britisch-französischen - israelischen Besetzung des ägyptischen Sueskanals (Sueskrise) die amerikanische Unterstützung. Zwei Jahre später beendete er die amerikanische Unterstützung für Ägyptens Präsident Nasser.

1957 schrieb Arno Schmidt die GelehrtenRepublik.

1958 wurde bei ihm Krebs im Endstadium diagnostiziert.

Kurz vor seinem Tod bekam er noch die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA.

Wegen seines Krebsleidens musste John Foster Dulles im April 1959 von seinem Amt zurücktreten und starb kurz darauf am 24. Mai 1959 im Alter von 71 Jahren in der US-Hauptstadt im Walter–Reed-Hospital.
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Costa
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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 01:23:36    Titel: Antworten mit Zitat

Cut&Paste hat Folgendes geschrieben:

Fremdartig ja, aber auch recht unwahrscheinlich: in nur 50 Jahren hat die Evolution - zugegeben massiv beschleunigt durch den Nuklearschock - lebensfähige Mischwesen zwischen Mensch und Hirsch herausgemendelt. Und da eine Zentaurengeneration mindestens 3 Jahre lang ist (Generation als mittlere Zeit zwischen der eigenen Geburt und der des ersten Nachkommen; und Zentaurenweibchen werden lt. Seite 56 mit ungefähr 3 Jahren fortpflanzungsfähig), gab es in den 50 Jahren nicht einmal 20 Generationen: nicht viel für Mutation und Selektion.

Gespeckt, du kennst dich aus bei Evolution. Nach der Bunten könntest du ja "Evolution durch Ausschneiden und Einfügen" lesen, als Bastelbuch bei Suhrkamp gerade erst erschienen. Razz
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 13:16:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ah - pro Poe : Thalia : Deinem Schrieb sieht man irgendwie unten am angenehm breiten " Razz " an, dass Du von der Muse der komischen Dichtung geküsst worden sein musstest, drinnen in tiefer Nacht um Einuhrdreiundzwanzig. Während ich noch um Einuhrsechs respektvoll annahm, Du könntest schneller schreiben als ich lesen, dämmerte es mir gegen Einuhracht - ob Deines copy und paste aus dem Wikipedia-Dulles - dass es in der Gutenberg-Galaxis sicher auch "The Fist Reloaded" (in Germany aka Faust II) geben könnte Wink
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 23.01.2008, 23:26:28    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
" Der böse Geist, der uns geschaffen hat. " - " Ihr seid also vom Bösen Geist geschaffen ? " fragte ich interessiert; und sie sahen erstaunt herum : " Ja. : Hat Euch etwa ein guter gemacht ? ".

Hier sehe ich neben der Sache mit Dulles auch eine Anspielung auf Arno Schmidts frühe Erzählung "Leviathan". Das Thema der ausgestorbenen Städte nach dem Atomkrieg kam ebenfalls schon in "Schwarze Spiegel" vor.
Und das Thema der Russen und Amis auf dem Mond wird dann später in "KAFF" weiter ausgebaut werden.

Zitat:
Übrigens heißt es im "seinem" Artikel der englischen Wikipedia: "The US entrepreneur and technology writer Dave Winer is a grandnephew of Arno Schmidt." Sollte der "Verfasser" der noch ungeborene Urgroßneffe des "Übersetzers" alias Arno Schmidt sein?

Ja, das wird wohl später noch deutlicher werden, wenn ich mich echt erinnere. Ein paar Anspielungen auf den "deutschen Vorfahren" des Verfassers kamen schon vor. Allerdings ist hier der "echte" Arno Schmidt gemeint, nicht sein Wiedergänger in Gestalt des Chr.M.Stadion.
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BeitragVerfasst am: 24.01.2008, 23:59:03    Titel: Antworten mit Zitat

Aus seinem "Leviathan" (Erstveröffentlichung 1949) habe ich nur noch ganz dunkel eine Erinnerung an die dortige etwa gleich helle Atmosfäre, weiß aber noch, dass dort zu Anfang ein Major Fouqué vorkommt, über den er 1958 die Biographie "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen" veröffentlichte. (Das Buch hat mich auch veranlasst, einmal einen Roman von Paul Auster zu lesen: Leviathan; und bis heute gelegentlich in eine Zeitschrift für Sozialwissenschaft zu schauen: Leviathan :-)

In der Gelehrtenrepublik kommen noch weitere Größen vor, mit denen AS sich beschäftigte:

- "Klopstock oder verkenne Dich selbst"
- "Goethe und Einer seiner Bewunderer"
- "Wieland oder die Prosaformen"
alle drei von 1958;

- das Mare Crisium auf Seite 14 (KAFF auch Mare Crisium, 1960),
- der Blaugläserne Abend mit Goldrand auf Seite 68 (Abend mit Goldrand, 1975);

wenn nicht mehr. Er scheint schon recht früh ein Programm im Kopf (und auf Zetteln) gehabt zu haben, das er sein Leben lang abgearbeitet hat.

Das mit dem Urgroßneffen klärt sich auf Seite 96: des Verfassers Vatermutter, Eve Kiesler, Jahrgang 1932, ist des Autors Schwesterkind.

Noch der Vollständigkeit halber ein Nachsatz zu den Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder, und auch nur, weil AS auf Seite 58 selbst darauf zu sprechen kommt:
Zitat:
" Ja die Volkskundler haben natürlich ein reiches Arbeitsfeld. Die freuen sich ja diebisch, wenn sie wieder einen neuen Brauch registrieren können : ist ja auch interessant ! / Zum Beispiel, wußten Sie das : daß sich alte und kranke Stücke zum Sterben an ganz bestimmte Stellen zurückziehen ? In Weltwitschientäler, wo schon veritable Knochenfelder entstanden sind ? : ' Zentralfriedhöfe ' sagen unsere Leute immer. [...] "

Um diesen veralteten Brauch, 70-Jährige Japaner betreffend, geht es in dem Roman, dessen Verfilmung 2004 auf arte lief. Die Suche nach den Weltwitschientälern und Gedankensprünge zum Wiener Zentralfriedhof, auf dem Reger, so Atzbacher in Bernhards Alte Meister, ums Verrecken nicht begraben werden will, erspare ich uns.

Mein Programm für meinen nächsten Beitrag hier:
  1. Was ich von den wasweißich:vierzig Seiten zwischen Verlassen des Zentaurenlands und Landung auf der Insel halte
  2. Zur Semantik der Klammergebirge: eine Teilbetrachtung
  3. Zur Syntax der Klammergebirge: eine Fehlersuche
muss auf Morgen oder Später warten - falls ihr mich nicht auf andere oder gar bessere Gedanken bringt.


Zuletzt bearbeitet von Cut&Paste am 16.02.2008, 15:37:23, insgesamt einmal bearbeitet
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 26.01.2008, 16:48:13    Titel: Antworten mit Zitat

"Geblüht im Sommerwinde,
gebleicht auf grüner Au,
ruht still es jetzt im Spinde,
als Stolz der Deutschen Frau!"
(S.63, bei mir)

Ist es nicht schön? Das mußte ich jetzt mal zitieren. Hing früher in/an fast jedem Kleiderschrank, der Spruch.
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BeitragVerfasst am: 27.01.2008, 23:18:00    Titel: Antworten mit Zitat

Roquairol hat Folgendes geschrieben:

(S.63, bei mir)

In der Taschenbuchausgabe steht's auf Seite 81 oben: solltest Du die Originalfassung haben? Kannst Du mal nachschauen, wie die Karte der Insel aussieht, doppelseitig quer? So habe ich sie in der gebundenen Ausgabe in Erinnerung ...

Den Spruch kenne ich übrigens nicht, schön spießig ist er allerdings. Aus welcher Zeit stammen er und die durch ihn gezierten Kleiderschänke?
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 27.01.2008, 23:52:05    Titel: Antworten mit Zitat

Cut&Paste hat Folgendes geschrieben:
solltest Du die Originalfassung haben? Kannst Du mal nachschauen, wie die Karte der Insel aussieht, doppelseitig quer?


Ich habe nicht die Originalausgabe, sondern eine Taschenbuchausgabe von 1971. Die Karte ist doppelseitig, ja, aber was meinst du genau mit "quer"? Der Falz zwischen den beiden Seiten entspricht auf der Karte der "Hafenstraße".

Zitat:
Den Spruch kenne ich übrigens nicht, schön spießig ist er allerdings. Aus welcher Zeit stammen er und die durch ihn gezierten Kleiderschänke?

Ich vermute mal aus dem 19. Jahrhundert. Verbreitet waren solche Sprüche wohl bis '45, oder bis die Textilien in den Schränken nur noch aus industrieller Produktion stammten. Ich habe noch so einen auf Lager:

"Ihr deutschen Frauen,
füllt jedes Fach zu eueren Schreinen,
mit eurer Heimat schönstem Schatz,
dem Leinen."

Dichter unbekannt (vermute ich jetzt einfach mal zu seinen Gunsten ...)
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 29.01.2008, 00:19:00    Titel: Antworten mit Zitat

"quer" so gemeint, dass die lange Achse der Inselellipse von links nach rechts geht, und die kurze Achse, die Hafenstraße, von oben nach unten. In der meinigen Taschenbuchausgabe ist die Karte auf einer Seite (der 101.), verkleinert, hochkant, man muss sie um 90 Grad drehen und braucht gute Augen, um die Schrift lesen zu können.

Der Kleiderschrankspruch erinnerte mich an eine mir ähnlich pausbäckig erscheinende, in meiner Jugend mehrere Arbeiter- und Bauernstuben schmückende, auf hochrelief-blechverkleideten Bildbrettern in Wohnzimmerschranknähe an die Wand genagelte Spruchweisheit, die ich mich aber kaum traue hier zu wiederholen, da Google sie als aus Goethes eigenhändiger Faust stammend preisgab: "Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen." - zugegeben, eine ganz andere Gewichtsklasse.

Gefallen hat mir der Übergang von der Zentauren- in die Inselwelt übrigens: wenig. Die Beschreibung des Sportfests und der medizinischen Untersuchung finde ich zu lang, zu unergiebig, selbst wenn man von der Anstrengung durch die vielen Bedeutungsversteckspiele absieht. Sogar an sich gute Einfälle wie die schwule Altstimme der zeitansagenden Uhr, die der Verfasser sich runtergeladen hatte und dann doch lieber eine Sopranstimme genommen hätte (heutzutage bieten Klingeltöne ähnliche Handlungsalternativen), sind beim zweiten Mal nicht einmal halb so witzig.

Dafür dann - auf Seite 104, nach der Turmfahrt zurück im Statistischen Amt - ein umwerfendes Bild:
Zitat:
Dann & wann, elastischen Schritts, eine Stenotypistin ; indisch glattgescheitelt ; oder auch kohlschwarz und mit einem Gesicht, das gebaut schien, Meteore aufzufangen, nicht Küsse irdischer Männer

Nicht nur die Vorstellung, wie ein Gesicht zum Meteore Auffangen wohl aussehen mag, sondern auch die Frage, ob nicht wohl eher andere Dinge irdischer Männer aufgefangen werden können oder sollen (angesichts wielandscher Fliegender Masken, die man sich zur Verrichtung von Dienstleistungen der besonderen Art ins Hotelzimmer reichen lassen kann), oder gar Dinger überirdischer Männer, wie den meteorenhaft dunkelwolkigbräuend-goldregensprühenden, Danaë schwängernd in die nur lässig-linkshändig geschützten Weichteile einschlagenden Zeusschen Hammer, so gesehen kürzlich zu Wien im Kunsthistorischen Museum, das bekanntlich Heimat der Kirschenmadonna Tizians ist, von der Reger, so Atzbacher, bei Bernhard zu berichten weiß, dass sie aber auch überhaupt keinem einzigen, den er, also Reger, kenne und gefragt habe, wirklich je gefallen hätte - nicht nur solche Vorstellungen und Fragen überkommen Einen eben so ...

Mal sehen, was die Insel noch so zu bieten hat.
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 04.02.2008, 15:41:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, einige Längen gibt es durchaus. Auch bei der Beschreibung der Insel - diese Marotte des Autors, sich die Anzahl jeder Räume und die Dicke jeder Wand genauestens darlegen zu lassen, ennuyiert den Leser. Man kennt ja bei A.S. diese Attitüde: "Ich verachte nicht die mathematisch-naturwissenschaftliche Welt, wie der eitle Romantiker, nein: Ich will alles in genauen Zahlen wissen." Bei einem Ingenieur ist diese Haltung selbstverständlich, aber bei einem Schriftsteller wirkt sie albern und aufgesetzt.

Schön der Eintrag im Goldenen Buch der Insel: "Alles Tinneff: Deine Elli!" - Den Spruch kannte ich noch gut aus den 70ern, aber ich hatte ihn seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gehört.
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BeitragVerfasst am: 06.02.2008, 00:31:57    Titel: Antworten mit Zitat

Roquairol hat Folgendes geschrieben:
Bei einem Ingenieur ist diese Haltung selbstverständlich, aber bei einem Schriftsteller wirkt sie albern und aufgesetzt.

Bei einem Ingenieur ist sie leider nicht immer selbstverständlich, sonst stünde die bad-reichenhaller Halle noch, und bei einem Schriftsteller wirkt sie, meiner Meinung nach, dann albern, wenn sie übertrieben wird (wozu AS in der Tat neigt); aber "aufgesetzt": den Eindruck habe ich bei AS nicht: Er schreibt eben so.

Man kann ja zu Zahlen stehen wie man will. Aber ich finde es "aufgesetzt", wenn z.B. Promis in Talkshows ihrer Befriedigung und ihrem Stolz darüber Ausdruck verleihen, früher in der Schule in Mathe keinen Plan gehabt, und es trotzdem oder gerade deswegen besonders weit gebracht zu haben. Mich stört der Zahlenfimmel von AS kaum. Manche schreiben 51° 19' 49'' N, 06° 33' 49'' O, wo andere Krefeld sagen würden :-)

Ein erstaunliches und (m.E.) brillantes Beispiel für Arno Schmidts Hang zum mathematisch-naturwissenschaftlichen bietet sich mir auf Seite 117, auf der die Insel bei 40° 16' 58,4'' N, 138° 16' 24,2'' W herumschippert: Ein Blick in den alten Schulatlas zeigt, dass das auf einem Drittel zwischen Vancouver und Hawaii gewesen sein wird. "Drittel": wo habe ich das Wort schon mal gelesen? Richtig, auf Seite 16, wo der Zweidrittelmond sich links, in gleicher Höhe des Verfassers, aufhielt, damals im Zentauernland; und ein paar Tage später, auf der Fahrt zur Insel (Seite 77), "oben, links der halbe Mond immer mit".

1957 fiel es ungleich schwerer als heute, in den Kalender von 2008 zu schauen: Die Geschichte beginnt am 22. Juni 2008, einem Sonntag. Vollmond in Deutschland wird am 18. Juni sein, vor Vancouver vielleicht sogar schon am 17., und Halbmond am 26. (oder 25.): Und also sprach der Herr: am 22. Juni werde es Zweidrittelmond - abnehmend! Neinein, das ist kein Zufall.

Ich finde das Klasse. Dagegen Josef Winkler in "Roppongi":
  • auf Seite 55 ist sein Vater ein Jahr vor dessem Tod 98-jährig (die Rezensenten in den Feuilltons schlossen daraus, dass der Vater 99-jährig starb: dann wird's wohl so sein);
  • auf Seite 56 ist sein Sohn anlässlich der Goldenen Hochzeit seiner Eltern 2 Jahre alt;
  • auf Seite 61 ist sein Sohn beim Tod seines Vaters 9-jährig;
  • auf Seite 68 schwängert sein 45-jähriger Vater seine Mutter, ist also bei deren Goldener Hochzeit 95-jährig oder älter;
  • in Josef Winklers Dichterwelt ist also 2 + (99 - 95) = 9.
Das finde ich nicht Klasse. Weiß der Mann nicht einmal, wie alt sein Sohn ist? Wahrscheinlich liegt's an mir, dass ich Schwierigkeiten beim Verständnis der winklerschen Arithmetik habe.

Roquairol hat Folgendes geschrieben:
Schön der Eintrag im Goldenen Buch der Insel: "Alles Tinneff: Deine Elli!" - Den Spruch kannte ich noch gut aus den 70ern, aber ich hatte ihn seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gehört.

Über den "Tinnef" (bei mir auf Seite 97) bin ich übrigens auch gestolpert: Die Klammerung dort ist merkwürdig.

Texte von Arno Schmidt sind ja ohne Klammern fast undenkbar. Meist schließen seine Klammern, wie bei Otto Normalverschreiber, Erklärungen, "Einschübe", Laut-Gedachtes und dergleichen Beiwerk ein, ohne das der Haupttext durchaus sinnvoll und verständlich geblieben wäre: Der eilige Leser kann die Klammern ohne große Einschränkungen beim ersten Lesen getrost überspringen. Bei AS sind die Klammern aber oft ineinander geschachtelt [z.B. ((())), aber auch so was wie ((()(()))())], was das Überspringen erheblich erschwert. Man kann regelrecht zum Klammerjäger werden. Da fallen dann (vermeintliche?) Unstimmigkeiten und Tipp- bzw. Setzfehler auf und ins Gewicht.

So auch im Tinnefffall. Vorher muss ich aber zu ASs Ehrenrettung ein schönes Beispiel für seinen Gebrauch von Klammern abhandeln, dem einzigen Zeichen auf der Schreibmaschine (bis auf das höhenverstellbare Anführungszeichen, das es damals dort noch gab), das ausschließlich in Pärchen auftritt - mal von 2 Ausnahmen, die schließende Klammer betreffend, abgesehen:

a) eine Aufzählung wie diese hier;
b) ein damals allerdings noch nicht erfundenes Emoticon wie das hier :-)).

Das Beispiel einer wie ich finde sehr gelungenen Umklammerung (von der ich mir mehr gewünscht hätte (da die Standardklammergebirge doch etwas anstrengend sind und nicht immer den erhofften literarischen Mehrwert bieten)) ereignet sich in der Nacht vor der Überfahrt auf die Insel. Mister Winer versucht, trotz der Klagen der Fliegenden Maske darüber, dass er, noch ganz erschöpft vom Zentaurenland, ihre Dienste nicht in Anspruch nehmen zu können vorgibt, mit einer Schlaftablette die dringend benötigte Nachtruhe zu finden, und sinkt tiefer und tiefer in die selbe:

AS auf Seite 74f hat Folgendes geschrieben:
Finster & im Bett: sie klagte immer noch ( aber ruhiger geworden ; ganz schwermütig und leise ( und meine Tablette wirkte schön. Schon fuhr ich nach hinten ab ( wie wenn ein Wind sich müder lungert, beim Kartoffeljäten : ob sie rausgelassen sein will ? : ans Fenster halten, und in die Nacht rausfliegen ? ( Aber dann sicher Schwierigkeiten. ( Mi'm Direktor . . . . . ) ) ) ). - -

Klammer für Klammer versinkt er tiefer und tiefer in Schlaf: Mit anderen Satzzeichen (Pünktchenpünktchen, Gedankenstrichen oder gar einfachen Kommata) ist dieser Abstieg in den Tiefschlaf nicht annähernd schön & unmittelbar nachvollziehbar zu beschreiben, ganz ohne Worte.

Hier hat die Klammer eine eigene Bedeutung, ist nicht bloß Hilfsmittel zur Gruppierung von Gedanken oder zur Erschwerung des reibungslosen Lesevergnügens. Aber leider sind selbst für Arno Schmidt solche bedeutungstragenden Klammern die Ausnahme. Man kann ja als Dichter auch nicht immer in Hochform sein, was will der Leser eigentlich ...

Nun aber zum eigentlichen Tinneff. Mister Winer ist auf der Insel angekommen und blättert, zum Missfallen des indischen Empfangskomiteemitglieds, im Goldenen Buch der Insel:

AS auf Seite 96 hat Folgendes geschrieben:
Aber hier dies ' Goldene Buch ' : und er hüstelte beklommen, als ich - ganz sinnend=unbefangen - zu blättern begann. ( ' Laßdassein, laßdassein, laßdassein ! ' trommelten seine Finger nervös ; aber ich dachte nicht daran : was mir nicht direkt verboten wird - das wird ohnedies allerhand sein ! - ist erlaubt ). / Und, hei, da standen allerdings Sachen drin ! : die hatten nämlich die Dummheit begangen, zu dekretieren, daß jeder Bewohner oder Besucher der Insel sich zweimal eintragen mußte : bei der Ankunft die obere Hälfte seines nummerierten Blattes ; bei der Abreise die untere.

Und da hatte doch tatsächlich einer der abgehenden Künstler seinem Herzen freisamlich Luft gemacht ( und der Widerspruch zwischen der ehrsam=oberen Eintragung, und dem verwilderten Untergeschmier, war zum Schreien ! Oben feurige Bejahung : " Ich freue mich . . . . . Ehre . . . . ganze Arbeitskraft : . . . . Wohl der Menschheit . . . . . selbstlos einsetzen. " Unten, versoffen hingeritzt : " Alles Tinneff : Deine Elli ! ". ) / Oder hier, dasselbe ins geheimrätliche übertragen : Oben : " Hier muß gut wohnen sein . . . . . ". Unten : " Ehrlicher Mann : fliehe dieses Land ! ". / Er atmete so duldend neben mir auf, daß ich ihm den Gefallen tat, und wieder die für mich bestimmte Seite aufschlug. / " Jaja ; Manche sind wie die kleinen Jungen. " -

Während im ersten Abschnitt alles ganz normal abläuft (die Gedankenstriche hätten auch Klammern sein können, wenn auch nicht umgekehrt: Gedankenstriche lassen sich nicht schachteln (Gedanken schon (und Klammern erst))), so stimmt im zweiten Abschnitt irgendetwas nicht: Wenn man - wie der Mathematiker sagt - "die Klammer" (also beide Klammern samt Inhalt) beim ersten Lesen wegließe, verstünde man das "Oder hier:" nicht mehr, da man den Unterschied zwischen oben und unten nicht mitbekommen hätte. Müsste die Klammer hinter "Elli!" eigentlich erst hinter "Land!" zugehen? Dann würde - ohne weitere Verständnisschwierigkeiten - vor der Klammer Luft gemacht und nach der Klammer aufgeatmet.

Hier ist die Arno-Schmidt-Forschung gefragt: gibt es neben der Standardklammer (zur Gruppenbildung und zum Aufsammeln / Abkapseln von bedeutungsseichtem Beiwerk) und der beudeutungstragenden "Klammer an sich" noch eine dritte Art der bedeutungsdurchlässigen Klammer?

Es kam aber noch dicker, vorher, auf Seite 84 in der dritten Zeile: da geht vor dem "ich" in
Zitat:
Auf meine kühl=fordernde Erkundigung hin ( ich bin ja nunmehr geehrter Gast.

eine Klammer auf, die so weit ich bisher gelesen habe nicht wieder zugeht ! ?

Normalerweise wird ja eine öffnende Klammer noch im gleichen Absatz wieder geschlossen, wobei ein Absatz hier in der Gelehrtenrepublik und oft bei Arno Schmidt eine Folge zusammenhängender Textzeilen ist, deren erste und einzige nach links ausgerückt und zu Beginn kursiv gesetzt ist.

Die erste Ausnahme ist die Klammer auf vor "7 Yards Durchmesser" in der 15. Zeile der 15. Seite, die erst hinter "spähen zu können . . . . ." in der 17. Zeile der 18. Seite wieder zugemacht wird - sei es von AS persönlich, sei es von seinem Korrektor, sei es von Mister Winer, sei es von seinem Übersetzer, sei es mit Absicht, sei es ohne.

Demgegenüber steht der Klammer zu in "daher wohl die schwerere Sprechweise ! ) ." in der 24. Zeile der 24. Seite kein aufgehendes Gegenstück gegenüber: In der Vorgeschichte der Gelehrtenrepublik oder ihrer nachträglichen Aufzeichnung muss es irgendwann einmal eine öffnende Klammer geben, die noch entdeckt werden will.

Als Grundlage und Faktensammluing für spätere Studien nachwachsender Germanistikergenerationen und als Beweismaterialsammlung für das von den Rechtsnachfolgern Arno Schmidts sicher noch gegen den Fischer Taschenbuch Verlag anzustrengende Gerichtsverfahren, um nach §14 Urheberrecht die Entstellung und wesentliche Beeinträchtigung des Werkes der Gelehrtenrepublik in Zukunft zu untersagen, sei eine vollständige Liste aller Klammerungereimtheiten aufgeführt, also aller Klammerpaare, deren öffnende und schließende Klammer in unterschiedlichen Absätzen der besagten Taschenbuchausgabe zu stehen kommen - sofern die Paare vollständig sind, sonst nur die öffnenden oder schließenden Hälften:

Code:

15.1.7   | ( 7 Yards Durchmesser            | 19.2.10  | spähen zu können . . . . . )
         |                                  | 24.4.6   | die schwerere Sprechweise ! ) .
28.3.9   | ( und schmeckte gut              | 28.4.5   | tiger zugriff ) . ) . -
33.1.8   | so weit sein / ( Nur gut         |          |
36.5.1   | schon turmhoch ! ( Und           |          |
41.2.5   | mit Saft. " ( Und mußte          |          |
41.4.1   | ( Und dieses Gehörn              |          |
42.1.4   | ( Schienen aber durchaus         |          |
42.3.6   | unsre Nacht ? ! ( Wäh-           | 42.4.2   | Belieben fragen ! ' ) .
49.6.2   | stellen ! " ( Hitzig lächelnd    |          |
50.4.3   | Stunde da ! " ( Legte das        |          |
61.1.3   | zu überbrücken. ( Dabei hatte    | 76.2.7   | Trost ! ) .
62.0.11  | ( Der Kopf der weißen            | 71.1.14  | gefiel ! )
63.2.3   | ( Unterschieden nach Männchen    | 71.1.7   | zu sowas gehören ! ! . ) . ) .
84.0.3   | Erkundigung hin ( ich bin ja     | 107.1.26 | und b ) schon
87.2.6   | oder Eastern ? " ( Eastern.      | 94.1.13  | nächst weiter ! ) ) .
104.1.3  | ( Aber anerkennenswert           | 107.1.24 | da sind sie a ) weg
112.1.1  | ja ? " . ( Es                    |          |
117.2.3  | ( Hier murmelte eine             | 121.3.14 | in Alchozens . . . " ) / " Nein :
122.1.1  | ( Dabei diese Geräte             | 122.2.4  | gewirkt like magic ) : " Unter Uns
125.2.9  | ( Schon spielten sich uns einige |          |
132.1.1  | ( Und der bärtige                |          |
137.1.2  | Square ' ( und da                |          |
153.1.3  | ' Falk-Werke AG ' ( nach deren   | 155.0.14 | ungläubig den Kopf ) : " Sie
157.1.11 | Sooo . . . . . ( und er kam      | 161.3.9  | mehr als das ! ) .
162.1.2  | ( Die Rechenmaschine             |          |
172.1.2  | führen sollte ( und              |          |
174.1.12 | von Liebä ! " . ( Und wirkte     |          |
177.0.10 | ( Er duldete lächelnd            |          |
180.6.9  | Geheimschreiben ! ! - ( Und er-  | 190.3.9  | oh souvenirs ! ! ) .
182.2.3  | wahrscheinlich ? " ( bei den     | 186.0.23 | hol'Euch der Uspenskij ! ) ) ) ) .
183.1.2  | Niemand ab ? ( Achso ;           | 186.0.23 | hol'Euch der Uspenskij ! ) ) ) ) .



Anmerkung 1: a.b.c bedeutet "Seite a, Absatz b, Zeile c", wobei "Absatz 0" den auf der Vorseite beginnenden Absatz bezeichnet.
Anmerkung 2: Die beiden schließenden Klammern auf Seite 107, Absatz 1, Zeile 24 und 26, sind Aufzählungsklammern ("a-tens, b-tens, ...") und eigentlich hier nicht zu berücksichtigen. Ohne sie wäre die Unausgeglichenheit der Klammern allerdings noch unerträglicher. Sie können ohne Beschränkung des Klageanspruchs als mildernde Umstände angerechnet werden.
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Verfasst am: 06.02.2008, 00:31:57    Titel: Ähnliche Themen



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