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Ulrich Holbein

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2535

BeitragVerfasst am: 31.10.2017, 21:47:16    Titel: Ulrich Holbein Antworten mit Zitat

Ulrich Holbein

Seit ein paar Tagen laufe ich nur noch mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht herum, welches beinahe so aussehen mag wie jenes, welches frisch Verliebte an sich tragen. Während dieses aber eher vom Bauch her aufsteigt, rührt mein aktuelles Vergnügen vom Kopfe her. Es ist ein literarisches und ein intellektuelles, ein Lesevergnügen voller Überraschungen, Wendungen und Aha-Effekte, serviert in einer Sprache, einem Stil zum Niederknien - wenn ich denn eine Neigung zum Niederknien hätte.

Zunächst lief mir, in einer Bücherschütte, das Suhrkamp-Büchlein "Ozeanische Sekunde" (von 1993) über den Weg. Es brauchte nur wenige Sätze, und ich war weg, eingetaucht in die Ulrich-Holbein-Welt. Schon der Anfang "Bevor alles richtig losgeht" mit einer Frage: "Wo sind wir hier? Hier nicht." verblüfft und macht neugierig. Die weitere Lektüre offenbart, dass wir uns in einer Art virtueller Ursuppe befinden, in der es wabert, stöhnt und strömt. Sind es Seelen, Umrisse, Negative, Blaupausen? - jedenfalls ein üppig bestückter Pool von Möglichkeiten. Paarungen deuten sich an, Koalitionen, Abneigungen, alles ist überaus undeutlich, Schemenhaft und gerade darum so eindringlich. Erste Individualitäten kristallisieren aus und lösen sich wieder auf. Wir befinden uns in "Pränatalien", und es "fühlt sich schön an", wie das "Umrissgewimmel der Männchen" und das "Umrissgewimmel der Weibchen“ pulsiert und sich "Phantomgefühle", Nobodys, Wesenheiten, Astralleiber“ in der Schwebe halten. Dann konkretisiert sich das allmählich, und Eigenschaften, Namen, Beziehungen entstehen.

In weiteren Kapiteln findet die medusenhafte Geburt, das Abstoßen der Individuen von den dahinscheidenden Staatsquallen statt, und wir landen schließlich in einem literarischen Wunderland, einem gewaltigen literarischen Abenteuerspielplatz, betrieben von einem einzigen großen Medienmogul. Insznierung, wohin man schaut; selbst die fortwährenden Attentate auf diesen Literaturmogul sind von ihm selbst inszeniert. Existiert er überhaupt noch oder nur seine Company? Wir besuchen Platons Höhle, machen in ein paar Minuten Heines Harzwanderung und auch Goethes Italienreise dauert kaum länger. Natürlich sind auch Besuche in Kafkas Schloss, auf dem Zauberberg und das Warten auf Godot im Programm, und zu alldem winkt Handke von seinem Elfenbeinturm herunter. Verdammt, schon wieder ein Satz von Böll geschrieben, dabei sollte es doch wie Arno Schmidt klingen bzw. von ihm sein und nun rutscht auch noch die Jelinek dazwischen!

Immer, wenn ich (also P. S. jetzt) dachte, das Ganze sei nicht zu steigern, findet dieser Holbein einen Dreh, noch einen Zahn zuzulegen, noch verrückter zu werden und dabei doch völlig schlüssig zu bleiben. Ich weiß nicht, wie groß der Anteil der von mir erkannten literarischen und philosophischen Anspielungen ist, aber selbst, wer nur die zur Kenntlichkeit verdrehten Werbesprüche erkennen würde hätte seinen Spaß. Jedenfalls habe ich noch nie solch eine Freude an literarischem Name-Dropping gehabt, denn noch nirgendwo habe ich so viele treffende, ätzend respektlose und wunderbar verkürzte Charakterisierungen vom Who is Who im Literatruzirkus gelesen.

Für mich der Höhepunkt ist eine große Podiumsdiskussion, wo die neueste Erfindung aus dem Reiche der Technischen Reproduzierbarkeit vorgeführt wird, der Aura-Kopierer. Eine vergilbte, verknitterte Seite aus Walter Benjamins Werk über diese wird kopiert und – Whow, was dann passiert!

Vielleicht ist aber der Höhepunkt auch ein eher privater, als nämlich der Autor mit seiner Liebsten Liebe macht und dies nicht nur in eigener Gestalt sondern gleichzeitig mit einer ganzen Gruppe von Figuren. Eifersucht bleibt da nicht aus, vor allem wenn die fiktionalen und die echten Personen gleichzeitig noch zugucken und sich darüber streiten, wer wen erfunden hat bzw. was wem wohin gesteckt hat. Ist das nun literarische oder erotische Eifersucht? Ist ja auch nicht ganz Neu die Erkenntnis, dass in Wahrheit die Protagonisten ihre Autoren suchen und finden müssen und nicht etwa umgekehrt – höchstens mal versuchsweise, und dann schauen, wie das passt, aber das genau werden wir nie erfahren, da inzwischen schon eine wieder neue, unerwartete Wendungen stattfinden.

Dass es so etwas gibt, dass jemand so etwas bringt, ein so artifizielles Spiel in hocherotischer Sprache zu servieren, von feinsten Gefühlsverästelungen bis hin zu geradezu pornografischer Drastik nichts auslassend! Ja, da muss sich das Personal schon mal bitter beschweren: „Wir sind alle nur Rohmaterial seiner fragwürdigen Kreativität !“ „Nur Spielbälle sind wir!“ „Wandelnde Kopien unserer selbst!“ Und die größte Unverschämtheit: „Das nennt er dann höhere Wahrheit.“

Will jetzt mal Schluss machen, bevor ich versehentlich eine komplette, aber notwendig dünne, blässliche und völlig unzureichende Nacherzählung abliefere.

Das alles wäre vermutlich gar nichts ohne den unglaublichen sprachlichen Einfalls- und Erfindungsreichtum, der sich nicht nur in einer barocken Fülle von Neologismen austobt, sondern auch in mimikrystarken Dialogen (falls man das mal so nennen darf) und einem höchst eleganten Stil, der viel mehr ist als nur elegant.

Als ich durch war, habe ich sofort einen kleinen Stapel seiner Bücher geordert, antiquarisch. Als nächstes Holbein-Werk las ich eine kleine Broschüre mit dem Titel „Zwischen Liquid Sounds, Spirituallekt und Zwerchfellatio – Über den Globaltrottel und Ozeanosophen Micky Remann“

Das Werk ist eine fast hymnische Würdigung dieses Menschen, seiner Reisen und Werke. Dieser „Kanadadaist mit Vorliebe für Zwerchfellatio, BonsaiGiganten und Wal-Purgisnächte lobt sich Paradick und Paradünnn, statt Hochkultur Subkultur und Okkultur und ist ein Erleuchtungskönig.“ Und so geht das weiter. Diese Erleuchtung wurde auch mit Pilzen beheizt, und es folgt ein brieflicher Erfahrungsaustausch Holbein – Remann über Happy- und Horror-Trips und anderen Ungeheuerlichkeiten auf den Reisen in die Innerlichkeit. Natürlich gespickt mit Anspielungen auf Castaneda, Leary und Hoffmann.

Da Holbein ja gern mit Pseudonymen spielt, war ich zunächst geneigt, hier solch ein Spiel anzunehmen. Nun gut, dieser Remann ist im Internet auffindbar, aber was heißt das schon, schließlich sollen ja schon ganze Ortschaften den Weg ins Internet gefunden haben, den sie auf der Landkarte leider verfehlten.

Als weiteres Werk Holbeins habe ich mir „Werden auch Sie ein Genie! - 66 Tips“ (Das Buch ist ‚97 erschienen, das schrieb man die Tipps wohl noch so) vorgenommen. Ich muss sagen, da stehen durchaus probate Tipps, schade nur, dass diese sich auf höchst vertrackte Weise gegenseitig ausschließen, was natürlich in folgenden Tipps, wie es grad passt, keinesfalls verschwiegen wird.
Natürlich ist das Ganze wiederum mit lit. Anspielungen gesättigt und gelegentlich fragte ich mich, wie der Holbein es geschafft hat, so viele genietipprelevanten Details aus den Lebensläufen so vieler Autoren herauszufischen.

Sorry, wenn das jetzt ein wenig länger geworden ist, aber Tipp Nr. 41 lautet:

„Reitet tot!“

… Lobt euch Schmalspurgenialtät“ Monomanie! Da kann man Kräfte sammeln und geballt kanalisieren. Da könnt ihr in Kürze zum Leuchtturm werden, der tausend Universalisten und Neunhundertneunundneunzigsassas überstrahlt“

Wieder mal ein Wort, das mir hinfort unverzichtbar erscheinen wird, die Neunhundertneunundneunzigsassas! Richtig erstaunt aber war ich, als ich in „Tip Nr. 49„ auf einen gewissen „Horst Streugöbel“ traf, ein allhier sicherlich unvergessener Name. Egal wofür dieser jetzt herhalten muss – Hat Holbein den Streu? Oder umgekehrt?

Tja, manche Rätsel verdienen es durchaus, unergründet zu bleiben.
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Ignaz Zwirngiebel
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BeitragVerfasst am: 01.11.2017, 09:06:08    Titel: Antworten mit Zitat

Bei Holbein handelt sich offensichtlich um einen Autor, der Sprachwitz, sprudelnde Einfälle, Belesenheit und Zitatenfestigkeit zwischen zwei Buchdeckel zu bringen vermag. Selten heute, wo entweder ängstliche PC-Korrektheit, Schreibschulenstil und akademische Langweiligkeit die literarische Betriebstemperatur bestimmen.

Sensationell allerdings wäre, wenn der Sense die sagenumwobene Herkunft des Horst Streugöbel entdeckt und freigelegt hätte. Der Streugöbelpreis wäre ihm sicher! Bloss lässt sich der feine Herr ja seit Jahren hier nicht mehr blicken. Ob es ihm gut geht? Wir hoffen es.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 20.11.2017, 18:34:05    Titel: Antworten mit Zitat

Habe inzwischen noch ein bisschen mehr Holbein gelesen. Recht amüsant sein SF-Versuch "Knallmasse. Ein kosmisches Märchen".

Knallmasse ist der Name eines Roboters im Lande DeziBel. Dort herrscht überall der herrlichste unaufhörliche Krach, wunderbarst lärmende Großbaustellen, durchzogen vom regelmäßigen GROSSEN SCHLAG, ambrosische Staub- und Gestankwolken in einer kantigen, verbeulten, schartigen Blech- und Eisenwelt, das alles unter allerschönstem düstergrauem Kunsthimmel.

Menschenähnliche blumige regenbogenfarbene Wesen werden im Biounterricht als abschreckendes, scheußliches Beispiel missratener Evolution gezeigt. Bedauerlicherweise erleidet Knallmasse im Sportunterricht einen Unfall beim Bockspringen über den rostigen, schartigen Gusseisenklotz, was seine Programmierung durcheinanderbringt.
Folglich findet er die widerlichen Weichlinge auf einmal unglaublich hübsch und liebenswert, verhilft ihnen zur Flucht. Das Abenteuer kann beginnen.

Ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass Holbein auch hier seine Einfälle fast zu Tode reitet, selbstverliebt durch sein barockes Sprachspiel stolpert. Wollte hier schon als Titel schreiben: Bekannschaft mit, Faszination durch und Abschied von einem Logomanen. Jedoch immer dann, wenn ich dachte: jetzt reicht‘s aber wirklich! - kommt eine überraschende Wendung, passiert was Neues, etwas, wird Interesse erweckt, und, obwohl ich ganz bestimmt kein Bedeutungshuber bin, erfreut es mich doch, wenn ein Text nach und nach seine (scheinbare?) Schlichtheit, ja Trivialität ablegt und sich in komplizierteren Schichtungen bewegt.

Habe dann das Werk "Warum hast du mich nicht gezeugt" mir vorgenommen. Dieses gleicht in Vielem der "Ozeanischen Sekunde", gleiches Personal, gleiche Situationen, Bezüge und Anspielungen, Fortsetzung und oft genug auch einfaches Noch-mal-Erzählen. Ist dann irgendwann nicht mehr besonders spannend, aber auch hier kommt immer wieder Originäres zum Vorschein, das mit dem Wiedergekäuten versöhnt. Ich bin noch mitten drin, muss man halt in kleinen Dosen zu sich nehmen, mal sehen, ob und wie es sich entwickelt.

Ganz anders dann die "Sprachlupe", fußend auf seiner gleichnamigen Kolumne in der "Zeit" von 1992 bis 1996, laut Klappentext.
Hier passiert genau das, was der Titel verspricht, und es ist viel, viel amüsanter als viele andere besserwisserische Sprach- und Stilbetrachtungen, die ja immer noch ein bisschen Konjunktur haben. Stilprobe?
Zitat:
Wieviel Nahrung braucht ein Doppelpunkt? Sobald ein Punkt homosexuell das Tier mit dem doppelten Fleck spielt, entsteht der Doppelpunkt, ein Suggestivling ersten Grades.

Und wie dieser Suggestivling funktioniert, wird, nach obligatorischem, aber augenzwinkerndem Name-Dropping von Adorno, Kraus und Ludwig Reiners, auf 4 1/2 Druckseiten wunderbar kurzweilig, abseitig und überzeugend abgehandelt. Abseitig z.B. dieses hier:
Zitat:
Wer sucht, wird immer fündig: in Werner Piepers Nasenbuch 'Ene Mene Mopel - die Nase & der Popel' findet sich, was sich nicht überall findet: ein wirklicher Leckerbissen, und der lautet so: 'wer kennt es nicht, das Objekt versteckter Begierden, die Belohnung des fleißigen Bohrfingers, den 'verdickten Nasenschleim', schlicht: den Popel.' Hier wird der Doppelpunkt kongenial in zwei Nasenlöcher umfunktioniert, und rund und säuberlich abgetrennt vom Organismus springt am Satzschluß die herrlich vorgepopelte Quintessenz als Kalorienbombe hervor: der Popel.

Die Verschachtelung der Zitierzeichen kann nur unzulänglich andeuten, wie spaßig wohlgefüllt und elegant dieser Autor auf seinem Holbein dahineilt.

Das ist natürlich auch eine Literaturseilschaft: Dieser Pieper als Autor, Herausgeber und Verleger betreibt auch die „grüne Kraft“, wo Holbein die anfangs erwähnte Studie zum „Globetrottel ...“ veröffentlicht hat.

Is schon 'ne ulkige Szene, das.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2535

BeitragVerfasst am: 28.01.2018, 12:39:03    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Motiv, hier in dieser Leseecke zu schreiben, war der beachtliche Zustrom von Publikum in Form eines sich stetig erhöhenden Zugriffszählers, da der Zugriff nicht auf Angemeldete beschränkt ist. Bis mir aufging, dass diese Zugriffe überwiegend generiert werden von den verschiedenen Internet-Maschinen wie dem Google-Archiver, dem dem Yahoo!-WEB-Craxler, dem Duck-Duck-Go-Runner, dem Bing-Bot und dem Ping-Gott und wie sie alle heißen, die sich unaufhörlich durch das Netz quetschen und mich und dich beständig verdaten und verdrahten, um es bei Gelegenheit gegen uns zu verwenden.

Na, sei‘s drum, die Maschinen müssen ja auch unterhalten werden, obwohl ich ja lieber für Literaturfreunde auf der Suche nach Unlangweiligem oder Deutsch-Leistungskurslern auf der Suche nach Cut&Paste-Stoff schriebe.

Also, noch mehr U. H. gelesen, und zwar einen Schinken mit Namen- und Titelregister sowie Auszügen aus dem Familienalbum und dem anspruchsvollen Titel „Weltverschönerung“. Die Titelei geht noch weiter: „Umwege zum Scheinglück Ein Handbuch der lustvollen Lebensgestaltung“

Wie in einer dieser Kunden-Rezensionen in einem Bücher-Verkaufsportal stand : „Achtung! Wenn Holbein draufsteht, ist auch Holbein drin!“

Das war als Warnung gemeint. So ist es. Die Dosis macht das Gift. Aber nun, man soll ja Handbücher nicht hintereinander weglesen, sondern nur fallweise.

Also picke ich mir mal den höchst amüsanten Fall eines Schreibauftrages an U.H. für einen Outdoor-Textil-Katalog heraus, welcher nebst Briefwechsel mit dem zuständigen Katalogredakteur abgedruckt ist. Dieser schmeichelt mit lobenden Worten und lockt mit üppigem Honorar, einer Millionenauflage sowie der Möglichkeit, im Anhang des Katalogleit- und -begleitartikels auf Holbeins übrige Werke hinweisen zu können.

H. liefert also flugs einen wirklich schönen Text ab voller Erinnerungen an leid- und freudvolle Jugenderlebnisse mit doofen, kratzenden Rollis oder edel abgeschabten Amiparkas, mit angesagten Jeans, die man nie haben durfte, an Kämpfe um Fremd- und Selbsbestimmung in Sachen Klamotten. Auch ganz dezente Hinweise darauf, wie solche Leiden dank der hier angebotenen Komforttextilien endlich der Vergangenheit angehören, fehlen durchaus nicht.

Redakteur gibt sich begeistert, erkennt den Text als durchaus voll auf der Höhe des Holbeinschen Könnens stehend, aber dann kommt schnell das Aber Aber: Z.B. doofe kratzende Rollis gehe gar nicht, man habe schließlich auch welche im Angebot, ebensowenig Amiparka, da man bekannterweise einem amerikanischen Konzern angehöre, der seinen modisch-kulturellen Auftrag ernst nehme, usw. usf.

Das geht so ein paar mal hin und her, und jedesmal wird ein neuer Text geliefert, der, und nun kommt das Interessante, zwar jeweils an den inkriminierten Stellen weichgespült ist, aber auch ein paar neue Fleck- und Knitterstellen im Sinne der schönen dampfgebügelten Modewelt enthält. Im Schlusstext schließlich ist das künstlerisch-kritische Gekräusel beinahe ganz ins Innenfutter gerutscht, und nachdem der Redakteur nochmal umfassend drübergebügelt hat, sind Veröffentlichung und Honorar gesichert. Letzteres wohl auch redlich verdient, denn mit schnell mal ein bisschen mit dem Holbein aufstampfen und fertig, wie anfangs geplant – das war nix.

Diese Lektüre hat Spaß gemacht.

An anderen Stellen und über weite Strecken geht mir das ganze Holbeinsche Sprachgeklöpple inzwischen gehörig auf den Nerv. Es fehlt was. Was, das wäre noch vor 50 Jahren einfacher zu sagen gewesen, man hätte es gesellschaftliche Relevanz genannt und es für eine Erklärung oder Urteilsbegründung gehalten. Nein, ich will ganz bestimmt nicht, dass irgendwelche Fähnchen oder Spruchbänder aus den Texten heraushängen. Ich will aber, dass letztlich was drin steht über die große weite Welt und die Menschen, die darin umherwimmeln, dass die Textilien – pardon, Texte, die da gestrickt werden, etwas ein- und enthüllen, das man bis dato nicht so oder nicht ganz so sah, ich will letztlich etwas von mir und für mich drin finden. Das gelingt mir immer weniger, je mehr ich davon lese.
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Verfasst am: 28.01.2018, 12:39:03    Titel: Ähnliche Themen



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Ignaz Zwirngiebel
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BeitragVerfasst am: 29.01.2018, 15:41:00    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Peter,

danke für deine unverdrossenen und interessanten Beiträge. Wenn's auch sonst kaum wer liest, ich schon.

Ob ich mich dem Holbein aussetze, weiss ich noch nicht. Sollte eh wieder mal was G'scheit's lesen. Die letzten Versuche waren nicht sehr ergiebig. Alles nach spätestens 30 Seiten wieder aus der Hand gelegt.

Es wird viel geschrieben, aber das meiste davon lohnt das Lesen nicht,

meint
der Zwirn.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 29.01.2018, 17:32:59    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, wie schon gesagt, habe jetzt genug davon. Bei aller Freude an solch unbekümmertem sprachschöpferischen Geklingel und Gekringel, irgendwann reichts, geht so wie mit Süßspeisen. Dann erscheint als spätpubertäres Gehabe, was vorher witziges und originelles Spiel mit der Erotik war, auch die Wiederholungen fallen auf und dass eigentlich beim ersten Buch schon alles gesagt war.

Was nicht heißt, dass so einer wie Holbein nicht im kleinen Finger mehr Talent hat als eine ganze Riege von Literaturbetriebsnudeln und von garantierten Bestsellerschreibern.

Jetzt habe ich mir mal wieder was Genaues vorgelegt. Oskar Marie Grafs "Das Leben meiner Mutter" Fängt historisch weit ausholend an und ich habe noch keine uninteressante Zeile darin gefunden. Ist wohl ein grandioses historisches und persönliches Denkmal.
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 15.02.2018, 12:14:20    Titel: Antworten mit Zitat

Geklaut:

Da hatte ich doch weiter oben Begeisterung ob der schier unerschöpflichen Holbeinschen Wortschöpfungspotenzen geäußert. Besonders angetan war ich vom verminderten Tausendsassa, dem "Neunhundertneunundneunzigsassa" und habe den auch hier zitiert.

Und nun hatte ich gestern Gelegenheit, (mal wieder) jenen unvergleichlichen Karl-Valentin-Film, der im Schallplattenladen spielt, zu sehen. Und was höre ich da? Die wunderbare Liesl Karlstadt sagt ihrem chaotischem Kunden Karl Valentin, fast schon bewundernd und mit dennoch ironischem Unterton: "Sie sind ja ein Tausendsassa!" Und der Karl darauf: Nö - höchstens ein Neunhundertneunundneunzigsassa!"

Tja, besser gut abgeschrieben als schlecht neu erfunden.

Aber was ich dann schon bedenklich finde: Im äußerst umfänglichen Personenregister seiner "Weltverschönerung": Kein Valentin, keine Karlstadt.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 17.02.2018, 07:28:52    Titel: Antworten mit Zitat

Vielleicht steckt in dem Holbein ja ein Hohlbein.
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Forenking






Verfasst am: 17.02.2018, 07:28:52    Titel: Ähnliche Themen



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