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Esoterikmessebesuch

 
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Nee Popelubu
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Anmeldedatum: 16.08.2015
Beiträge: 35

BeitragVerfasst am: 22.08.2015, 18:28:52    Titel: Esoterikmessebesuch Antworten mit Zitat

Esoterikmessebesuch

Ich will Sie nicht – gleich dem Lieblingsspiel der Geheimdienste mit der Regierung und dem Parlament - lange an der Nase herumführen und dort hängen lassen: es war nur ein Traum. Kein so galaktisch schöner wie der Verlust der Wahl durch die CDU/CSU, vielmehr ging er mir gewaltig an die Nieren, vor allem die linke, vielleicht verstärkt durch meine momentan vasolabile Konstitution, doch in dieser Beziehung bin ich mir nicht ganz sicher. Es war ein Traum von der Art, dass mir ein schwerer Eindruck von der psychopathologischen Astrologie zuteil wurde. Es kann auch anders heißen, jedenfalls Psychogedöns.

In dem Traum ging ich, eine halbe Rolle Bärendreck im Mund- der passt zu meinem Reiseziel, dachte ich -, den Rest in der Hosentasche, zu einer Esoterikmesse. Bis heute kann ich mir nicht erklären, weshalb mir der Wunsch zu solchem absurden Tun gekommen war. Freud hätte das wohl so gedeutet, dass mein linker Daumen ein inzestuöses Verhältnis zu meiner Schwiegermutter hatte, oder so. Freud war sehr begabt in der Erfindung solcher Psychokacke, allerdings war schon zu seinen Lebzeiten sein Deutsch stark verbesserungsbedürftig.
Wie ich so dahinschlenderte drang ein enervierendes Wimmern an mein Ohr; wie es eine verstimmte Geige mit drei gesprungenen Saiten von sich gibt. Ich assoziierte mit dem endlosen Jammerton das Geräusch eines besoffenen Bohrers in der Praxis eines russischen Zahnarztes. Ich kann mich noch genau daran erinnern, denn es war fast so absurd wie das Gedaddel bei einem Großen Fest der Volksmusik im ZDF. Ich schüttelte mein Haupt. Solche Verschiedenheit bringt die Subjektivität des Menschen zustande. Manchmal ist auch die Ursache nur eine totale Bescheuertheit. Das Kopfschütteln verging mir schlagartig als gleichzeitig eine junge Dame mit einer sehenswerten Körperausstattung in meine Nähe gelangte, wahrscheinlich eine Botschafterin des kosmischen Sternenstaubs der „segensreichen Jungfrau“. Sie murmelte, die feuchten Augen blickten derweil in eine unbestimmte Ferne, mehrfach vor sich hin: „ergreifend diese Hymne der Engel aus der unendlichen Tiefe des Kosmos.“ Das befremdete mich, dennoch wurde ich wahnsinnig flirtiv. Ich hatte sozusagen irgendwie total das Gefühl, dieser Tag würde mein legendärer Glückstag. Die sehenswerte Botschafterin aus dem kosmischen Sternenstaub folgte der Hymne der Engel. Ohne zu erröten folgte ich ihren Spuren; genauer ihren Beinen. Ein sensationelles Geläufe hatte die junge Frau.
Im Zelt, das ich im Schlepptau der sensationellen Beine betrat, saß hinter einem Tapeziertisch mit Häkeldeckchen nach dem Strickmuster, das ich aus der Ausstattung der Guten Stube meiner Großmutter kenne, neben einer Kristallkugel eine Wahrsagerin wie man sie aus zahlreichen klassischen Abbildungen kennt, allerdings ohne Kater auf der linken Schulter. Für die Konsumenten von digitaler Deppenkost ist es sicher eingängiger, wenn ich von einer magersuchtsoptimierten Elendsgestalt à la Klum’scher Verblödungsshow spreche. Auf dem Tisch mit der Häkeldecke stand eine Pappe mit einer Inschrift:

„Esmeralda weiß Deine Zukunft.
- Ich bringe Deine innere Leere in Balance
- Ich deute Deine Strahlen vom 4. Nebenmond des Pluto
- Ich handle mit kosmischen Karmawickeln zum Messepreis“

Ich fühlte mich dem Geheimnis des Alls ganz nahe. Meine rechtes Knie begann, geheimnisvoll zu zittern. Mein Bauch grimmte als ob ich ihn mit Labskaus gefüllt hätte.
Die Aufmachung von Esmeralda war dergestalt, dass sie in mir keine fröhlichen Gedanken, schon gar keine feuchten Gefühle weckte. Vielmehr fielen mir ein stark reduzierter Verstand und das Lego-Denken der lilagesträhnten Grünen Claudia ein. Sie, die Esmeralda, daran erinnere ich mich mit gemischten Gefühlen, aber sehr genau, wer je in die Nähe der Brutstätte einer Beischläferin des Dorfapothekers geriet wird mir das nachfühlen, schien mir das Ergebnis einer kosmosgenerierten veganischen Schnippelei und einer Reinkarnationsmeditation einer Brillenschildkröte auf der Osterinsel zu sein.
Mich überkam das geradezu existenzielle Gefühl der Sinnlosigkeit. Dies war wohl auch die Triebfeder des in mir aufkommenden Dranges, auf schnellstem Weg zu verduften. Ich folgte meinem Drang, denn ich hatte im Moment ernsthafte Zweifel an der Menschheit als solcher, ganz besonders an dieser. Jeder, der schon einmal nach dem Genuss von verdorbenem Hering von einer grässlichen Diarrhöe befallen wurde, kennt diesen Zustand. Stehen wir womöglich an einer Regression ins Paläozän?
Nie wieder werde ich den Beinen einer Engelsgehymneten folgen. Seien sie noch so sensationell.

Kaum war ich ein paar Schritte, höchstens zwei mehr, weg von dem Zelt der kosmosgetränkten Wahrsagerin Esmeralda getaumelt, als mich ein Stand mit magischen Kräften anzog und mich sofort gefangen nahm. Auf einem leicht erhöhten Podest saß ein nackter Mann. An seinem Hals baumelte eine Kette aus bunten Holzperlen. Auf seinen Knien bildeten seine Daumen und Zeigefinger einen Ring. Seine schlaffe Nudel hing bis zum Bretterboden des Podestes. Noch nie in meinem Leben habe ich den Unterschied zwischen Erotik und Esoterik so deutlich gesehen. Mit geschlossenen Augen brummte er etwa alle 28 Sekunden ein gehirnerweichendes „Om“. Der Typ war mir sofort sympathisch, denn er erweckte nicht den Eindruck, fremdbestimmt zu sein. Ich nahm daher die Position eines teilnehmenden Beobachters ein.
Kaum hatte ich die Dinge in Ruhe betrachtet, sie hatten das Benehmen einer Leiche, die schon 14 Tage im Wasser gelegen hat, als der offensichtlich Auserwählte seine Haltung von Grund auf änderte. Er stand auf, schloss die Augen, erhob seine Hände gen Himmel als ob er von dort oben etwas erwarte, ließ jedoch seine Nudel weiter hängen. Dann tat er mit der tonlosen Stimme eines Sehers kund: „Freunde, tretet näher zu mir. Zu Bo Yang. Ich betreibe negatives emulgiertes Coaching jeglicher Art, vor allem jenes, das Euch alle negative Energie in Euch auslöscht Ihr sollt daran glauben, dass Euer Yin und Yang wieder in Ordnung kommt. Ich reinige Euch wie die von kosmischen Strahlen erleuchteten Kamele zwischen Euphrat und Tigris. Außerdem verrichte ich Energiearbeit der Reinkarnationstherapie nach W. Reiner. Die karamellisierte Methode ist ein virtueller Anwendungsfall der Psychologie des tierischen Realitätsverlustes unter besonderer Berücksichtigung der Erkenntnisse von C.G. Jung. Erwählter Meister bin ich der verbalen Onanie und der Manifestation mongoloiden Denkens von kosmischer Belanglosigkeit.“
Mir stockte fast der Atem.

Ich wurde durch heftiges Rütteln meiner Freundin Christina – ich hatte sie erstmals auf der Messe am Stand für Bockwurst und Kartoffelsalat getroffen - aus dem Traum gerissen. Hellwach wurde ich, als ich realisierte, dass sie nach dem entspannenden Abend noch nicht die Kraft gefunden hatte, ihre interessantesten Stellen zu bedecken. „Liebster“, sprach sie mit besorgtem Tonfall, „während ich gerade meine innere Stimme abhörte tute, hast Du im Traum geschrieen und wild um Dich geschlagen getutet. Beinahe tätest Du meine harmoniehungrige Seele, die ich gerade mit positivem Karma füllen tute, getroffen. Meine kosmoserweichte Seele barmt Deiner. Welcher böse Traum tut bei Dir solche seelenbeschädigende Energien in Deinem Leib frei? Worüber muss ich weinen?“
Ich schilderte Christine mit kurzen Worten, was ich erlebt hatte. Da hellte sich ihre Miene auf. „Du brauchst nur eine Karma-Restrukturierung. Ich tue eben in meiner Handtasche meinen Karma-Kamm holen, den ich auf der Esoterikmesse erworben habe. Ein Schnäppchen für 42,75 €, mit dem ich Deine negative Energie von Dir abziehen kann.“
Ich erschrak in Mark und Bein, denn in diesem Augenblick wurde mir klar, dass mein Traum die Realität, eine Welt voller hypochondrischer Neurotiker, abgebildet hatte.

(Aus meinem Buch Scharfe Gerichte, Nee Popelubu)
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Verfasst am: 22.08.2015, 18:28:52    Titel: Ähnliche Themen

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