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Jonas Jonasson: Der Hundertjährige ...

 
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 16.01.2014, 20:07:57    Titel: Jonas Jonasson: Der Hundertjährige ... Antworten mit Zitat

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Skepsis ist immer angebracht, wenn es um Bestseller geht - aber manchmal wird man angenehm enttäuscht. Jedenfalls habe ich den Schmöker zügig weggelesen und mich köstlich amüsiert. Die Geschichte dieses alten Zausels, der seiner letzten Internierung, nämlich der ins Altenheim, just vor seiner Geburtstagsfeier entflieht, wie so manchen anderen und härteren Gefangenschaften vorher in seinem langen Leben ist spannend, anrührend, voller sorgfältig konstruierter Situationskomik und gar nicht mal direkt blöde. Gründe für die Flucht des alten Geburtstagskindes gibt es genug: Nicht nur der lästige Trubel mit Bürgermeister und Presse, auch dieser Drache von Oberschwester, die ihm sogar sein Schnäpschen vergällen will, zwingen ihn geradezu, so wie er ist, mit Filzlatschen an den Füßen, sich auf die Flucht zu begeben.

Ein Wort zur Komik: Diese erinnert recht deutlich an gewisse filmische Slapstik-Konstruktionen, wo die Bösen ohne Plan und Absicht und manchmal sogar vom Helden unbemerkt fertiggemacht werden - jedoch ohne diese dröge Zwangsbelustigung, die der heute übliche Mangel an Könnerschaft bei dieser Übung produziert. Auch der Stil des Werkes erinnert mich an etwas: an die frühen und besseren Romane von Tom Sharpe, der die bösen südafrikanischen Zustände der Apartheit mit äußerster Rücksichtslosigkeit gegen den sogenannten guten Geschmack in seine sarkastisches und schwarzen Romane einbringt - die m.E. gerade wegen ihrer Realitätshaltigekeit so unterhaltsam sind. Jonasson allerdings kommt ganz ohne die sharpe-typischen perversen sexuellen Obsessionen aus, mit anderen Worten: Der Hundertjährige agiert (fast) jugendfrei.

Dass die Story so richtig in Fahrt kommt, liegt an dem Koffer, den unser Oldi, wohl eher versehentlich und aus Zerstreutheit, auf seiner Flucht mitgehen lässt - lange daurt es, bis er dessen Inhalt erkennt. Es ist Geld, viel Geld, sehr viel Geld - folglich folgen dem Koffer und ihm bald Verbrecher und Polizei, und so weiter. Auf der Seite der der Bösen lichten sich die Reihen bald, sei es durch den Einschluss in einem Kühlraum, den abzuschalten man vergaß, sei es durch den Aufenthalt unter einem sich gehorsam hinsetzenden Elefanten - der übrigens auch eine Flucht hinter sich hat. Kurz: die Guten werden mehr, sammeln sich und die Gruppe findet ein wohlverdientes Happy End.

Parallel dazu und mit einigen Verknüpfungen zum Handlungsstrang der aktuellen Geschichte bekommen wir die Biografie unseres 100jährigen erzählt. Er hat sich überall in der Welt umgetan, ist in diversen geschichtsträchtigen Momenten bei den ganz Großen dieser Welt aufgetaucht, hat mit ihnen gesoffen und ihnen diesen oder jenen nützlichen Rat erteilt oder Dienst erwiesen, hat an historischen Großereignissen der Epoche ganz nebenbei mitgewirkt. Mich erstaunte etwas, dass dieses historische Name-Dropping so raffiniert und folgerichtig in Szene gesetzt wird, dass es bei mir keinen Widerwillen erregt, sondern ganz "natürlich" und literarisch glaubhaft erscheint. Das muss wohl an der völlig unaufgeregten und harmlosen Erscheinung des Protagonisten liegen. Wie etwa ein Artist seine spektakulärsten Nummern mit unbewegter Mine und schönstem Understatement serviert.

Nach dem Ende des Romans können wir, sicherlich verkaufsfördernd, gleich den Anfang des nächsten Jonasson-Romans anlesen. Der spielt übrigens in Südafrika - was meinen Eindruck verstärkt, dass Jonasson bei Sharpe sich Anregungen geholt haben könnte.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 15.12.2007
Beiträge: 2679
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BeitragVerfasst am: 18.01.2014, 08:22:06    Titel: Antworten mit Zitat

Bestseller sind in der Regel enttäuschend, Ausnahmen bestätigen die Regel. Habe gerade Tabu von Ferdinand v. Schirach gelesen. Die erste Hälfte des Romans fand ich interessant und vor allem sprachlich sehr, sehr gelungen. Die herbe Schroffheit erinnert phasenweise an den großen Fritz (Dürrenmatt) und das will was heissen!

Aber der Mitte cirka, als dann der Anwalt Biegler ins Spiel kommt, verflacht das Buch. Schirach gefällt sich in Bonmotstrickerei und dem Einflechten von gescheitelnden Sprüchen und pseudophilosophischer Geschwätzigkeit. Diese auktoriale Aufschneiderei vermiest einem zusehends die Freude am Buch und man wird dafür durch die - zugegeben - überraschende Wende am Ende auch nicht restlos entschädigt. Ein bissl erinnert das Ganze an Justiz von Dürrenmatt. Aber da liegen ganze Alpenzüge und Täler dazwischen.

Fazit, für einen Bestseller braucht es eine scharfe Kalkulation des Autor über den Stoff und Plot, die ist Schirach nicht abzusprechen. Stilistisch einen starken Anfang, der ist ihm geglückt. Mehr nicht. Denn dann hat man das Buch ja bereits in Händen, liest es auch fertig und - hat es vorher gekauft. Das genügt.

Auf den Jonasson neugierig aber noch unschlüssig.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 21.01.2014, 16:31:59    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist mir auch schon öfter passiert, dass ich anfangs von einem Buch richtig gefangen genommen wurde, und irgendwann interessierte es nicht mehr - sei es, dass die dort anzutreffenden Leute mich nichts mehr anzugehen schienen, sei es dass Sprache zu nerven begann. Manchmal hatte ich auch den Eindruck, dass die Story eigentlich schon nach Kurzgeschichtenlänge vorbei war, aber dennoch wieder und wieder erzählt wurde. So etwas ähnliches hatte ich kurzzeitig auch bei Jonasson gedacht oder befürchtet, aber er kriegt dann die Kurve und ich habe es bis zum Schluss genossen - ist auch nicht sooo schrecklich lang.

Dieses Steckenbleiben ist mir zuletzt bei einem Roman namens "das Taschentuch" passiert. Die Autorin Brigitte Kronauer war mir bisher unbekannt, und es ist auch nicht ihr neustes Buch, es war ein Zufallsfund im Antiquariat. Eine faszinierende Sprache, die sehr originell und voller witziger Konstrukte und Wendungen ist, ein skurriles Personal, das dennoch ganz alltäglich und allgegenwärtig ist, eine unaufgeregte, wenig Überraschung bietende und dennoch nie vorhersagbare Handlung. Dabei oft sehr analytisch im Blick - eigentlich faszinierende Literatur, ohne jede Bestseller-Allüren. Dennoch bin ich steckengeblieben - so kann es einem mit Büchern ergehen, und da ich kein Lese-Soll zu erfüllen habe, ist auch alles gut so. Im Radio zufälligerweise eine Sendung gehört, wo sie aus ihrem neuesten Buch liest: Die selbe faszinierende Sprache, die Personen schließen bruchlos an das an, was ich schon kannte - toll. Aber kaufen werde ich es mir nicht, dann doch lieber wieder das alte Buch (erschienen 2001) aufnehmen und fertig lesen.
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Ignaz Zwirngiebel
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BeitragVerfasst am: 22.01.2014, 07:48:16    Titel: Antworten mit Zitat

Nun, es gibt eben Bücher, die sind vom Anfang bis zum Ende spannend, dann jene, die gut beginnen und schließlich versanden und drittens jene, die von der ersten Zeile an verzopft und langweilig daher kommen und bis zum Schluß nicht abheben, sondern irgendwo auf der Strecke bleiben.

Aber das ist alles sehr subjektiv. Die Kritik ist sich da auch nicht einig. Von der Kritik gelobte Bücher sind immer mit Vorsicht zu genießen. Nicht selten loben die Kritiker Bücher, die kaum lesbar sind, weil sie sich damit in einen elitären Zirkel heben wollen, bewußt oder unbewußt. Es gibt Autoren, die können sich nicht entscheiden, ob sie erzählen wollen, oder mit der Sprache arbeiten. Nichts gegen experimentelles und sprachbezogenes Schreiben, aber dann wirklich. Gut erzählen will gekonnt sein. Daran scheitern selbst bekannteste Namen. Das ärgste ist, wenn ein Autor zwischen beidem, herkömmlichem Erzählen und sprachoriginellem Werkstätteln, hin und her pendelt. Da kommt meist nix bei raus. Wie man in manchen Ergüssen von Thomas Bernhard oder der Jelinek gut nachlesen kann.

Gute, solide Erzähler werden selten von der Kritik gelobt. Aber was gehen uns schon Kritiker an?
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2522

BeitragVerfasst am: 21.04.2014, 09:15:39    Titel: Antworten mit Zitat

An sich wollte ich der plumpen Anmache, bzw dem abgefuckten Cliffhänger, am Ende des Erstlings-Romanes gleich den Beginn des zwoten abzudrucken, widerstehen und die "Analphabetin.." extra nicht zur Kenntnis nehmen. Allein, das war die Rechnung ohne liebe Mitmenschen auf der Suche nach einem Geschenk gemacht...

Zunächst der Eindruck, mit dem - zugegeben fulminanten - vorabgedruckten Stück hätte der Autor sein Pulver nun aber verschossen, da es mit der auch durch allerlakonischste Stilmittel kaum interessanter werdenden Abschilderung eines zwar hinreichend schrägen, aber dennoch gänzlich uninteressanten schwedischen Ehepaares um die frühen 50er herum weiter geht.

Ja, ich ahne/weiß inzwischen, dass deren Zwilling später sehr handlungstragend werden soll, aber insgesamt kam der "hundertjährige" doch deutlich schneller zur Sache. Ansonsten immer wieder Bekanntes und gleiche Personenkonstellationen, wieder muss ein Laie einem hochgeheimen Atomprogramm aufhelfen, wieder sind die Entscheidungsträger oft thumbe Trottel und die Wissenden Autodidakten. Aber dieser Parforce-Ritt durch die Neuere Weltgeschichte und ihre Prominenz geht ja nun nicht noch mal, also wird sich der südafrikanischen Apartheit gewidmet und dieser ganze üble Rassismus mit flottem Sarkasmus in genussfähige Literatur breit geklopft.

Ich hab´ erst ein Viertel oder Drittel des groß und auf dickes Papier gedruckten und somit zum Brikett aufgeblähten Buches gelesen, weiß auch noch nicht, ob mein Interesse zum Weiterlesen reicht, falls ich noch was mitteilenswertes darin finde, werde ich es hier vermelden.

Grüße, Peter Sense
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Verfasst am: 21.04.2014, 09:15:39    Titel: Ähnliche Themen



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