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W. G. Sebald

 
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 15.02.2010, 18:19:11    Titel: W. G. Sebald Antworten mit Zitat

"Austerlitz" (Sebalds letztes Werk, 2001)

Der Roman beginnt mit einem Faszinosum, wie ich es in der Literatur bisher noch nicht gelesen habe. Er beginnt mit einer Überblendung, wie es sonst nur im Film üblich ist, um einen „kontinuierlichen Übergang von einer Kamerastellung oder Szene zu einer anderen“, wie es bei wikipedia heißt. Der Erzähler tritt in den Salle de pas perdus, dem Wartesaal des Antwerpener Bahnhofs ein und plötzlich tauchen ihm Bilder eines früheren Besuches des hiesigen Nocturamas in seinem Geist auf, „eine Überblendung, die natürlich auch daher rühren mochte, daß die Sonne sich hinter die Dächer der Stadt senkte, gerade als ich den Wartesaal betrat.“ Das sich zwei Szenen aus unterschiedlicher Zeit überblenden, sei gleich darauf verwiesen, dass W. G. Sebald in diesem Roman eine Zeittheorie entwickelt, die Zeit sei nicht linear, sie bewege sich in Wirbeln, auf Seite 152 wir eine Überblendung der Zeit entdecken. Die Theorie besagt

Sebald hat Folgendes geschrieben:
...das sämtliche Zeitmomente gleichzeitig nebeneinander existierten, beziehungsweise daß nichts von dem, was die Geschichte erzählt, wahr wäre, das Geschehene noch gar nicht geschehen ist, sondern eben erst geschieht, in dem Augenblick, in dem wir es denken
(Seite 152).

Auf diese Weise Begebenheiten der persönlichen – und der Weltgeschichte aufeinander verbunden werden und Lokalitäten Ausdruck persönlicher Psyche werden können. Alles ist miteinander verwoben.

Der Ich-Erzähler begegnet auf dem Bahnhof Jacques Austerlitz, der am kulturhistorischen Institut in London eine Dozentur innehat, einen Spezialisten für kapitalistische Architektur des 19. Jahrhunderts. So beginnt er von der Architektur des Bahnhofs zu erzählen, und als ihn der Erzähler in Lüttich wiedertrifft, vom Brüsseler Justizpalast. In der Architektur des Antwerpener Bahnhofs überlappen sich verschiedene Baustile unterschiedlichster Epochen, als ob sich in diesem Bauwerk der Wirbel der Zeit manifestiert hat, beim Eintreten der Halle man das Gefühl habe, als befinde man sich jenseits aller Profanität, „in einer dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale“. Alles scheint im Ausdruck der Halle enthalten zu sein, sei es die Entlehnung architektonischer Bauelemente von Renaissancepalästen, oder gleichwie im römischen Pantheon von oben herabblickende Gottheiten herablicken, hier im Bahnhof Symbole der Gottheiten des 19. Jahrhunderts herabblicken: „der Bergbau, die Industrie, der Verkehr, der Handel und das Kapital.“

Es ist kein Zufall, dass der Roman auf einem Bahnhof beginnt. Jacques Austerlitz ist ein herumreisender jüdischer Exilant, der sich oft auf Bahnhöfen aufhält, als Kind seine Heimat verloren hat, und in Wales in bedrückender Atmosphäre im Hause eines calvinistischen Pfarrers aufgewachsen ist. Jacques Austerlitz begibt sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit, und wenn er von Korridoren und Treppen im Brüsseler Justizpalast erzählt, die nirgendwo hinführen, ist das für mich eine Metapher für Austerlitz' Suche nach sich selbst, nach seiner Vergangenheit.

Die Zeit, das verweben diverser Ereignisse, ist ein großes Thema des Romans.

Sebald hat Folgendes geschrieben:
Während der beim Reden eintretenden Pausen merkten wir beide, wie unendlich lang es dauerte, bis wieder eine Minute verstrichen war, und wie schrecklich uns jedesmal, trotzdem wir es doch erwarteten, das Vorrücken dieses, einem Richtschwert gleichenden Zeigers schien, wenn er das nächste Sechzigstel einer Stunde von der Zukunft abtrennte mit einem derart bedrohlichen Nachzittern, daß einem beinahe das Herz aussetzte dabei.
(Seite 17).

Dass die Zeit nicht als linear/chronologisch gedacht wird, zeigt auch die Tatsache, dass der Erzähler, als er Austerlitz nach einer zwanzigjährigen Pause zufällig im Dezember 1996 in einem Londoner Hotel wiedersah, dieser um zehn Jahre jünger erschien. Damals vor zwanzig Jahren hatte er Austerlitz für etwa 10 Jahre älter gehalten. Austerlitz scheint ein zeitloser Repräsentant für alle vor den Nazis geflüchteten Juden zu sein.

Sebalds Sprache ist, wenn man sich an den sog. „Sebald-Ton“ (offenbar schon ein Begriff in der Germanistik) gewöhnt hat, ein Genuss. Die ersten 16 Seiten musste ich noch einmal lesen und dann ging es, nein mehr, es war wirklich schön, Sebalds musikalische Prosaschleifen schweifen zu lassen, und es ist nicht diese Literatur, bei der man überlegen muss, was meint der Autor denn damit, sondern mit ein wenig Konzentration ein gut eingehender Text, ich übrigens im zweiten Durschmarsch der Lektüre mich befinde und immer noch mit Hingabe an dem Buch hänge.

Die Geschehnisse auf dem Bahnhof Liverpool-Street-Station noch vor der Hälfte des Romans gilt m.M.n. als Höhepunkt des Romangeschehens, hier in einer zeitlichen Überblendung Austerlitz Zeuge seiner selbst wird, wie er nach dem Kindertransport aus Prag von seinen Zieheltern, dem calvinistischen Pfarrerehepaar abgeholt wird, für Austerlitz der Ausgangspunkt für Nachforschungen in seine Vergangenheit, dem Schicksal seiner Eltern in dem von den Nazis besetzten Prag auf die Spur zu kommen. Auf diesen Seiten, auch auf den vorbereitenden Seiten, auf denen wir einen tiefen Einblick in das Verlorensein eines Menschen tauchen, dem seine Herkunft unbewusst ist, mag ich mich Fragen, was für Superlativen in der Literatur noch möglich sind, welche Superlativen ich noch erlesen werde, da „Austerlitz“ Sebalds letztes Werk ist, hier wohl der Höhepunkt seines schrifstellerischen Schaffens gesehen werden muss, gerade auf diesen wenigen Seiten.

Man gehe also in eine Buchhandlung, schnappe sich das Buch und beginne ab Seite 180 (kleiner Tipp[grins]).

Sebald hat Folgendes geschrieben:

Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten, kaum wandte sich jemand zu mir, begann ich, mich abzusetzen
. (Seite 185).

Wie auch Gestalten in Paveses Werk pflegt Austerlitz des Nachts ausgedehnte Spaziergänge:

Sebald hat Folgendes geschrieben:
Dabei ist es mir in den Bahnhöfen wiederholt passiert, daß ich unter denen, die mir entgegenkamen in den gekachelten Gängen, auf den steil in die Tiefe hinabgehenden Rolltreppen oder die ich eblickte hinter den grauen Scheiben eines eben auslaufenden Zuges, ein von mir früher her vertrautes Gesicht zu erkennen vermeinte. Immer hatten diese bekannten Gesichter etwas von allen anderen Verschiedenes, etwas Verwischtes, möchte ich sagen, und sie verfolgten und beunruhigten mich manchmal tagelang.
Seite 187.

Sicher keine illusionären Verkennungen wie im Erlkönig, sondern ahnende Schauungen in seine Vergangenheit, eine andere Zeitebene überlappt sich mit der gegenwärtigen... und so schauen wir nach Wertach, 1944, W. G. Sebald dort im Allgäu geboren und noch weiter zurück:
Sebald hat Folgendes geschrieben:

Am folgenden Morgen, der Tag war kaum angebrochen, sind dann tatsächlich die Deutschen in Prag eingezogen, mitten in einem dichten Schneegestöber, daß sie gewissermaßen aus dem Nichts hervorzubringen schien, und als sie über die Brücke kamen und die Panzerwagen die Národní hinaufrollten, hat sich ein tiefes Schweigen ausbebreitet über die ganze Stadt. Die Menschen haben sich abgewandt, sind langsamer, wie im Schlaf gegangen von dieser Stunde an, als wüßten sie nicht mehr, wohin.
Seite 250.

W. G. Sebald, der 1966 nach England auswanderte, wurde erst seit Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland wahrgenommen. In Frankreich schlug man ihn sogar als Nobelpreiskandidaten vor. Seine literarischen Werke erscheinen seit Ende der achtziger Jahre.

„Austerlitz“ ist ein gewaltig konstruiertes Kunstwerk. Allein die zufälligen Begegnungen zwischen dem Erzähler und Austerlitz, und warum nur weiß der studierte Architekturexperte nichts vom Holocaust, erfährt erst ziemlich spät davon Anfang der neunziger Jahre (das ist er fast im Rentenalter) – unmöglich, kaum zu glauben. Da fragt man sich, was für eine Absicht dahinter stehe. Vom Autor sicher bewusst so konstruiert, hat er doch jahrelang an seinen Werken gesessen, war sehr gründlich und fügt im Text auch noch Fotos ein, Fotos, die Sebald offenbar gesammelt hat, die dem Leser zusätzlich zum Text noch Stimmungen übermitteln, dem Text dokumentarischen Charakter geben, solch ein sorgfältiger Schriftsteller erlaubt sich keine Nachlässigkeiten und lässt Austerlitz bewusst sehr lange im Dunkeln, sogar das calvanistische Ehepaar war von der Weltgeschichte ausgeschlossen. Das Hauptaugenmerk Sebalds liegt darin, einen melancholisch heimatlosen Menschen zu zeichnen und schafft in seinem Buch einen solchen Menschen, dabei geht er über an sich logische Verhältnismäßigkeiten hinweg. Mich selber hat das allerdings nicht gestört, denn der Sog der sebald'schen Sprache überdeckt in seinen melodischen Schweifen eine solche Ungereimheit. Konstruktion als Kunstwerk? Das wäre ein interessanter Diskussionsansatz.

Eine schöne Website über W. G. Sebald gibt es hier

Liebe Grüße
marquis de josilin
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Sam
Sätze-Schachtel-Huber-Bube /Bübin


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BeitragVerfasst am: 22.02.2010, 18:11:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marquis,

vielen Dank für diese ausführlicher und (wie immer bei dir) sehr interessante Besprechung.

Zu Sebald kam ich über sein Buch Luftkrieg und Literatur. Danach habe ich seine Essays über die österreischiche Literatur mit viel Genuss gelesen. Schließlich nahm ich mir den Austerlitz vor, bin aber nicht sehr weit gekommen. Vielleicht weil der Unterschied zu groß war, keine Ahnung.

Aber nach dieser Besprechung, werde ich ihn mir nochmals vornehmen.

Nochmals vielen Dank dafür, dass du dir immer wieder die Mühe machst, uns hier interessante Bücher vorzustellen!

Liebe Grüße

Sam
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 25.02.2010, 19:34:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marquis,

ich habe es mit Interesse gelesen und dabei den Eindruck gewonnen, daß Sebald vermutlich z.Zt. nix für mich ist. Das ist doch auch was! Auch die optisch schöne, erfrischend unprofessionell gemachte Webseite über Sebald kann man anschauen. Mit einem leicht degoutantem Ruch von Personenkult, was freilich Sebald kaum anzulasten ist. ("Kafka und Sebald ...")

Auf jeden Fall ein Dankeschön für Deinen Beitrag!

Grüße, Peter Sense
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Sam
Sätze-Schachtel-Huber-Bube /Bübin


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BeitragVerfasst am: 23.03.2010, 17:12:01    Titel: Antworten mit Zitat

Habe heute im Spiegel gelesen, dass in der nächsten Ausgabe von Sinn & Form (eine Zeitschrift, die ich wärmstens empfehlen kann) eine bisher unveröffentliche Besprechung Sebalds von Jurek Beckers "Jakob der Lügner" erscheinen wird. Da bin ich schon mal gespannt...
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 16.08.2010, 19:02:20    Titel: Antworten mit Zitat

Die Ausgewanderten Vier lange Erzählungen

In vier Erzählungen, mit einer kürzeren fängt es an, die folgenden Erzählungen werden immer länger. Sebald erzählt vier jüdische Schicksale, vier Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und daran zerbrechen.

Ich freue mich, wieder etwas von Sebald zu lesen, dessen Prosastil mir außerordentlich gefällt. In der ersten Erzählung um Dr. Henry Selwyn geht Sebald in detailierte Beschreibungen, verliert sich aber nicht darin. Ich war ja immer gespannt, wann wird denn endlich über den zweiten Weltkrieg erzählt? Und dann: Gar nicht. Das ist das außerordentliche an dieser Geschichte, sie kommt ganz leise daher und endet mit einem Knall. Während des Lesens habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum Selwyn im Garten liegt, warum er mit dem Gewehr in die Luft schießt. Erst so ziemlich am Schluss wache ich auf: Eine Scheidung und Selwyn spricht mit Pflanzen und Tieren. Jetzt erst wird die Psychodramatik des Herrn Selwyn erahnbar. Die Heimatlosigkeit hat ihn in die Einsamkeit getrieben, ließ er sich doch auch nur selten bei seinen Gästen blicken. Als er im Gras lag, na ja, da hat er mit den Pflanzen geredet, eine fast unerträglich schmerzvolle Metapher für das Abgedriftetsein aus dem Leben. Dass die Psychodramatik so still und leise herumschleicht ist das besondere an dieser Geschichte. Amüsant für mich dagegen, im Buch ein Bild von Vladimir Nabokov als Schmetterlingsfänger zu finden, welches mir zufällig bekannt ist.

So etwas besonders gelungenes, in der deutschsprachigen Literatur zu lesen, ist sehr erfreulich.

"..so kehren sie wieder die Toten"-


indem Sebald über Emigranten erzählt, die alle durch Suizid in den Tod gegangen sind, kehren eben auch diese Toten wieder. Der Verlust von Johannes Naegli, der in den Bergen umgekommen ist, war für Herrn Selwyn wie ein Stück Heimat, welches zu Bruch gegangen ist. Nach über siebzig Jahren kehrt dieser Tote wieder in das Bewusstsein von Menschen. Bemerkenswert auch die Auswanderung aus Litauen/Riga. Selwyn glaubt, er sei in New York, dabei ist er in London angekommen; das ist ein Bild von Verlust und Wirrnis in Zeiten der Emigration, wenn man so will eine Bodenlosigkeit, ein Leben in der Schwebe.

Die Erwähnung und Abbildung des Fotos von Nabokov mit Schmetterlingsnetz ist auch Programm, denn auch Nabokov war Emigrant, zumal außerdem noch in der zweiten Erzählung die Autobiografie des Exilrussen Erwähnung bekommt.

In der zweiten Erzählung geht es um den engagierten Dorfschullehrer Paul Bereyter, dem die Nazis ein Lehrverbot erteilt hatten, obwohl er zu dreivierteln doch ein Arier war. Warscheinlich war er noch nicht mal ein Jude sondern ein Katholik, der den Katholizismus erbittert bekämpfte, vielleicht inzwischen sogar ein Atheist, kannte er doch einen atheistischen Schusterund verfasste Pamphlete gegen die alleinseligmachende Kirche. Es wird ein Judenprogrom in der Heimatstadt seines Vaters erwähnt, der letzten Ende zwei Jahre später daran aus Wut und Furcht gestorben ist, dessen Frau eine Christin war. Hier wird natürlich der brutale Unsinn der Nazis vorgeführt. Das Böse ist immer unlogisch und dumm.

Natürlich ist es riskant, die Texte mehr und mehr zu zerpflücken. Der Lesefluss, dieses dahintreiben, ist wunderbar. Alles in einem Rutsch zu lesen, wäre eine Wohltat. Diese Zeit steht mir leider nicht zur Verfügung (vielleicht später mal, zwei Tage in der Klause oder so).

Was für eine schaurige Wahl der Todesart. Freiwillig lässt sich jemand in die Psychiatrie einweisen, mit Elektroschocks behandeln, genauer gesagt, zu Grunde richten, um aus dem Leben zu scheiden. Im Text schwingt eine Psychiatriekritik der alten Schule mit. Die Elektrokrampfbehandlung, angeblich ein Segen für die Psychiatrie der fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, machte so manchen Patienten wie den Onkel des Erzählers, dem Herrn Ambrose Adelwarth, zum körperlich- und geistigen Krüppel, in unserer Geschichte vom Patienten allerdings gewollt, der, so scheint es, mit einer Fehldiagnose, also noch ein Schlag ins Gesicht der antiquierten Psychiatrieschule, in der Anstalt seinen Tod entgegenfiebert.

Bei Ambros, die gleichen Beobachtungen wie beim Dorfschullehrer Bereyter: er steht irgendwo und sein Gesicht von unendlichem Leid gekennzeichnet. Zu Beginn seiner Karriere war Ambros ein angesehener Koch in diversen Hotels in Europa/Japan. In der zweiten Erzählung wissen wir nicht, warum Bereyter wieder nach Deutschland gegangen ist, wir wissen auch nicht, was er genau im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bei Ambros Adelwarth wird auch einiges in der Schwebe gehalten. Im Zuge der großen Auswanderungswelle zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kommt er nach Long Island, arbeite als Butler bei den Solomons, einer reichen jüdischen Bankiersfamilie. Wir wissen nicht, was für eine besondere Verbindung Ambros zu dem Solomon-Sohn Cosma hatte, nur, dass die Verbindung tragisch gewesen sein soll. Dem Vater fiel das auschweifende Leben des Sohnes, ein Leben ohne Zukunft auf, wollte dem Sohn die Geldzufuhr kappen, da beschließt Cosma, mit Ambros durch Europa zu reisen. Anhand dieser Reise macht Sebald deutlich, was für ein Riss der Welt bevorsteht. Wir befinden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. In Europa hat Cosma unverschämt viel Glück im Roulette, dass es schon entrückt und unrealistisch ist. Der Ausbruch des Krieges drängt ihn in eine erste Nervenkrise, an deren Folgen er erst viel später stirbt - Ambros, dann im Hause der Solomons wie eine entrückte einsame Gestalt seinen Dienst tut. Der Zusammenbruch der Familie Solomon als Metapher für eine zusammengebrochene Zeitepoche, die nie wieder auferstehen wird.

Auffallend ist, in dieser Erzählung erzählt nicht nur unser vertrauter Erzähler, sondern auch Onkel Kasimir und Tante Fini, auch der Psychiater Abramsky, die einiges über des Onkel Adelwarth zu sagen wissen. Es gibt hier also mehrere Ich-Erzähler, die Sebald geschickt im Text einverleibt.

Vielleicht ist ja die dritte Erzählung die schönste, obwohl es ja Unfug ist, hier noch die sog. schönste Erzählung herauszuperlen. Alle Erzählungen sind wunderbar. Sebald bleibt seinem Stil treu. Den Erzählungen liegen wahre Begebenheiten zu Grunde, diese Exilanten hat es wirklich gegeben. Ein Sebald-Lexikon klärt auch auf, wer Max Aurach war. Dieses hat mich doch erstaunt. Man könnte hier wirklich noch sehr viel entdecken. Seitdem ich "Austerlitz" gelesen habe, gehört Sebald für mich zu den großen Deutschen. Ein Platz in Walhalla gefällig?

Max Aurach ist der Maler Frank Auerbach. Aucherbachs Workaholic kommt auch in der Erzählung zur Geltung, er komme oft wochenlang nicht aus dem Haus und arbeite, wenn wir die herrliche Beschreibung von Aurachs Schaffen eines Portraits betrachten, sehr intensiv, wenn nicht verbissen:

Sebald hat Folgendes geschrieben:
Entschloß sich Aurach, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.
Seite 240

Mir kommt dabei die Assoziation, hinter dem Portrait geistern Gesicher von Juden herum, die den Holocaust nicht überlebt haben. In dem oben gegebenen link zu den Werken des Malers, ist leider nicht das Schwarzweißportrait aufgeführt, welches im Buch angebildet ist, doch auch bei diesen abgebildeten Portraits hat man den Eindruck, der Maler habe diverse Vorstudien übermalt. Sebald hat wunderbar den Eindruck von Auerbachs Portraikunst charakterisiert.



Liebe Grüße
Le maquis

FINE (leider ist das Buch schon zu Ende Smile )
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Verfasst am: 16.08.2010, 19:02:20    Titel: Ähnliche Themen



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