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Theodor Fontane

 
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 16.03.2008, 21:23:04    Titel: Antworten mit Zitat

Keine Ahnung, warum ich erst jetzt reichlich spät auf Fontane komme. Zufall? Appetit beim Deutschunterricht mittels Effi Briest verdorben? Zufällige Begegnung mit einer Belanglosigkeit wie dem "Grafen Petöfy" - Keine Ahnung.

Aber jetzt habe ich vor kurzem den "Stechlin" mit dem allergrößten Vergnügen gelesen und bin nun mit "Frau Jenny Treibel" unterwegs, die sich in Reclam-Gestalt bequem in jeder Tasche mitnehmen lässt.

Und die Lese-Seele schnurrt vor Vergnügen!

So völlig klar und aufgeräumt die Sprache. Manche Autoren drehen, sprachlich, Pirouetten wie Eiskunstläufer und schlagen Volten, um zu beeindrucken, der Fontane wandelt einfach, und scheinbar völlig unangestrengt dahin, und wir halten die Luft an.

Und die Menschen erst! Wir glauben, sie in ihrem Innersten zu erkennen, obwohl sie zuweilen nur so daherreden, wie es die Situation, ihr Stand usw erlauben und erfordern, und dennoch offenbaren sie sich uns in aller Klarheit. Phänomenal.

Beispielsweise die Szenen aus dem "Stechlin", als die adligen Krautjunker nach einer Wahlschlappe sich zum Essen + Trinken treffen - eine solche Beschreibung sagt mehr als dickleibige Geschichtsbände.

Ach, ich hör jetzt mal auf zu schwärmen + lese lieber weiter.

Grüße, Peter Sense
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Madge
Flohmarktbuchabstauber/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 340
Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 18.03.2008, 13:10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Na, da bin ich doch sehr d'accord. Ich bin auch eine Fontane-Verehrerin, obwohl ich auch gar nicht alles von ihm gelesen habe.
Es ist - ein bisschen - auch eine Frage des Lebensalters (oder sagen wir mal euphemistisch - der Lebensreife).
Die Effi Briest in der Schule - mein Gott war mir das langweilig. Aber dann später - ich habe sie manchmal fast zu therapeutischen Zwecken gelesen, weiß nicht warum. Diese sparsamen Andeutungen, die alles sagen.

Der Stechlin - erst ein solcher Langweiler und dann eine solche Freude.

Und dann gibts noch die "Treibelei"- -ich amüsiere mich noch heute über diese herrliche Person, die das Sentimentale liebt, "aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne". Aber auch der Professor Schmidt mit seiner herrlichen Corinna.

Ich habe noch einen Text "Georgenstraße", der sich ein bisschen auf Mathilde Möhring bezieht. Den stelle ich oben nochmal rein, vielleicht gefällt er ja wem, obwohl er das Buch nur zum Anlass nimmt.

Madge
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 04.04.2008, 19:59:03    Titel: Antworten mit Zitat

Zwar habe ich so langsam (ja, langsam, nicht etwa: gründlich oder so) wie nur irgend möglich mich durch das Buch bewegt, bin nun aber doch am Ende von "Frau Jenny Treibel" angekommen. Es war großartig. Mittendrin packte mich die Spannung, wen die "herrliche Corinna" (Madge) denn nun kriegen wird: den laschen Kommerzienratssohn oder doch den quasi vorbestimmten, in vielerlei Hinsicht vernünftigen Vetter. Und das mir, dem solche Ehefindungsgeschichten doch normalerweise sowas vom am A. vorbei gehen ...

Die Geschichte, das Personal klar, schnörkellos wie die Sprache, so scheints, und so ist es auch. Und dennoch: ein Reichtum, ein Kontrast, ein "Witz", ein ganz großes Vergnügen. Erwähnen möchte ich, was mir besonders auffiel: Die Personen und Situationen liegen klar auf der Hand, sind sozusagen völlig transparent, sind sich ihrer eigenen Motive, ihrer Stellung, ihrer Chancen und Grenzen anscheinend jederzeit bewußt. Es ist eine Welt, vielgestaltig, komplex und überraschend; aber auch: berechenbar, erkennbar, letztlich: beherrschbar. Die Sehnsucht, in der Welt auch zuhause zu sein, erscheint als eine durchaus erfüllbare.
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Forenking






Verfasst am: 04.04.2008, 19:59:03    Titel: Ähnliche Themen

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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 04.04.2008, 20:16:56    Titel: Antworten mit Zitat

Nachklappe:

Das Rätsel, warum der Fontane früher so ganz & gar nicht "an mich ran gegangen" ist, glaube ich jetzt gelöst zu haben: Als ein nun wirklich nicht mehr so ganz Junger erinnern mich einige Bilder der bürgerlichen Sittlich- und Wohlanstädigkeit, die Fontane ganz selbstvertändlich und unhinterfragt ausmalt fatal an eigene, eher unangenehme ja peinliche und zwielichtige Kindheitserfahrungen, an sozusagen bourgoise Anmaßungen, zweifelhafte Forderungen. Da habe ich, richtig mit dem Lesen beginnend, dann doch lieber an die heillose Unheilbarkeit Kafkas oder an Brechts schnoddrige, erkenntnisreiche und erhellende Besserwisserei gehalten.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 04.06.2008, 14:04:44    Titel: Antworten mit Zitat

Mathilde Möhring gelesen.

Wir kennen das alle: Der Held, nur von ein paar dürftigen Felsbrocken gedeckt, holt mit seinem kleinen Pistölchen ein halbes Dutzend schwer mit Gewehren bewaffnete Bösewichte hoch oben von der Felswand. Vermutlich hat er schon im Krabbelalter die Umgebung mit Blei vollgepumpt, anders ist solch schöne Meisterschaft nicht zu erlangen.

Die Waffe der Mathilde Möhring ist ganz anderer Natur, aber ähnlich unfehlbar. Es ist ihre Art von sozialer Intelligenz (um es, wenigstens hilfsweise, zu benennen), ein ihrer Persönlichkeit eingeschriebenes unfehlbares Erkenntnisvermögen. Aufgewachsen als Halbwaise mit ihrer Mutter in kleinen Verhältnissen, mühsam den Status behauptend - keine Ahnung, wo sie das trainieren und lernen konnte.

Ein Blick und sie erkennt, daß ein neuer Untermieter ein "Schlappier" ist, sie zielt und - trifft. Ihre Pläne funktionieren ausnahmslos alle, sie ist perfekt als Tochter, als Hausdame, Krankenpflegerin, Gärtnerin, Jura-Einpaukerin, Bewerbungstrainerin, als Organisatorin sowieso, sogar im Djungel der Kleinstadt-Honoratioren und der Lokalpolitik findet sie sich sofort zurecht. (Liste unvollständig und nicht in der Reihenfolge des Romans aufgeführt)

Bemerkenswert und gesellschaftstypisch, wie überragenden Eigenschaften unserer Heldin des Mediums (Ehe-)Mann bedürfen, um sich zu entfalten, bemerkenswert ferner, daß irgendwelchen "romantischen" Liebes- und Beziehungsverklärung nicht eine Zeile, nicht ein Wort im Buch eingeräumt wird; Fontane schreibt da eine Art Märchen mit der gleichen realistischen Härte hin, die er auch seiner Heldin gibt.

Fontane läßt keine Dauer aufkommen. Ob und wie sich diese ungleiche Beziehung sonst wohl entwickeln könnte?
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 30.09.2008, 13:59:44    Titel: Antworten mit Zitat

Irrungen Wirrungen

Der Roman folgt dem Sprichwort „Gleiches gesellt sich zum Gleichen“. Der Ehrenkodex des preußischen Adels lässt nur eine standesgemäße Ehe zu. Eine Ehe zwischen dem Baron Botho von Rienäcker und der Näherin Lene Nimptsch, darf also nicht sein, wird auch nicht vollzogen. Stattdessen gleiten sie in andere ehelichen Verbindungen ein, in denen ihr Unglück vorprogrammiert ist.

Was die Handlung betrifft, ist der Roman natürlich nicht spektakulär. Hier springt Lene eben nicht von einer Brücke in die Spree, hier wird sich nicht duelliert. Trotz der raren Handlung strahlt der stille Roman eine Faszination aus. Das Unglück wird hier eben nicht groß breitgetreten, nur angedeutet. Da ist Bothos Welt, der zum Vergnügen in die Klubs gleichgesinnter geht. Bei der ersten Begegnung mit Lene, kommt er gerade „von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette war“. Spielerisch denkt er sich Geschichten aus und stellt sich Lene als Grafin vor. Lene erweist sich als sehr weitsichtig und klug, weil sie in der Frühphase ihrer Begegnung mit dem Grafen schon weiß, dass die Liebe jeden Tag zu Ende gehen kann und genießt jede Stunden ihres Glückes.

Theodor Fontane hat Folgendes geschrieben:
Weißt du , Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee drüben auf- und abschreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den Buchsbaum rabatten, und könnte jedem sagen: >Ja, wunderts euch nur, er ist er und ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn<, - ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe. Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur euch und euren Klub und euer Leben. Ach, das arme bischen Leben.


Gegenüber von Bothos Welt gibt Fontane anhand von Lene und ihrer Mutter sehr realistische Milieuschilderungen der bürgerlichen Armut, dem einfachen Leben. Auch köstlicher Tratsch mit der Nachbarin:

Fontane hat Folgendes geschrieben:
Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlich von ihrem Manne, dabei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesallinancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es so, daß sie sich nicht nur äüßerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dorr gerade so war, wie er war.


Im siebenten Kapitel, die Begenung mit dem Onkel Kurt Anton Osten, bringt nun eine Wende in Bothos Denken. Man kann auch sagen, die (peußische) Pflicht ruft und sie ist wichtiger als jegliches Gefühl. Er wird dazu angehalten, die seit seiner Geburt schon durch seine Eltern besiegelte Heirat mit seiner reichen Cousine Käthe Sellenthin endlich einzulösen und würde mit dieser Tat seine Famillie vor einen finanziellen Ruin bewahren.

Gerade wegen den Andeutungen, von denen der Roman lebt, haben mir gefallen. Für eine Charakterisierung benötigt Fontane nicht viele Worte. Irgendwie setzt man die Puzzlesteine im Kopf zusammen, und es ergibt eine lebendig herrliche Figur wie die von von Lene, einer unheimlich starken Persönlichkeit, auch wenn sie aus der Armut kommt. Botho erkennt das. Da gibt es ja so eine herrliche Szene, wenn der Baron, schon längst verheiratet, in Lenekens alten Briefen liest. Da stört es ihn nicht, wenn die Orthografie nicht so ganz stimmig ist, er findet das sogar liebenswürdig „besser als alle Orthographie der Welt“, und damit meint er ihren Charakter: „Ach sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich.“

Käthe, Bothos Ehefrau, dagegen ist nur eine oberflächliche Plaudertasche. Fontane schreibt von „Dalbrigkeit“ (Lachhaftigkeit). Botho redet an einer Stelle seine Frau mit „Käthe, Puppe, liebe Puppe“ an. Auf mich wirkt das ziemlich steril. Mein Gefühl sagt, zu Lene hätte er das niemals sagen können.

Über die Zeit nach Lene reflektiert Botho zusammenfassend:
Theodor Fontane hat Folgendes geschrieben:

Viel Freude; gewiß. Aber es war doch keine rechte Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr. Und wer kann von Süßigkeiten leben.


Das sagt alles. In „Stine“ will ein Graf konventionelle Schranken durchbrechen. Doch davon später mehr.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Forenking






Verfasst am: 30.09.2008, 13:59:44    Titel: Ähnliche Themen

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