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Alice Munro

 
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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Anmeldedatum: 29.12.2007
Beiträge: 340
Wohnort: Morhiban/Oberpfalz

BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 15:46:24    Titel: Alice Munro Antworten mit Zitat

Alice Munro: Himmel und Hölle

Diese Erzählungen, auch wenn sie um ähnliche Themen wie Krankheit, Tod und zwischenmenschliche Beziehungen kreisen, sind auf mich in völlig unterschiedlicher Weise angekommen. Da gab es einige zu denen ich den Draht nicht gefunden habe, die mich schier zur Verzweiflung getrieben haben, und es gab andere mit Szenen oder einzelnen Sätzen, die hier und da aufblinkten und mich ermutigt haben, in der Lektüre fortzufahren. Zwei Erzählungen, zufälligerweise die erste und die letzte des Bandes, strahlen in aller Herrlichkeit, in allem literarischen Glanz hervor und bezeugen, dass die Autorin zu Großem fähig ist.

Warum ich mich in einigen stories nicht zurecht fand, mag mehrere Gründe haben. Zu einem mag es daran liegen, dass sie einfach zu schwer waren und sich darum vor mir verschlossen. Man stolpert in eine Szenerie hinein und muss erst einmal aus diversen Andeutungen heraus kombinieren, worum es überhaupt geht und wie die Personen zueinanderstehen. Zusätzlich erschwerend sind gewaltige Zeitsprünge. Wenn man diese Fallen gemeistert hat, ist man auf den richtigen Dampfer, wenn nicht, dann wird die Geschichte zur Qual.

Die erste und die letzte, „Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit“ und „Der Bär kletterte über den Berg“ sind sehr lesefreundlich, weitgehend chronologisch geschrieben. Hier erlesen wir herrliche Andeutungen, erahnen ungeschriebene Zwischenräume, und hier kann ich auch den Humor erkennen, für den die Autorin gepriesen wird, auch wenn ihre Themen sehr ernst sind. Die stories haben etwas bitteres und etwas süßes.

Die erste Story: Die schon in die Jahre gekommene Haushälterin Johanna kauft sich ein neues Kleid, verschickt ihre Möbel mit der Bahn und reist ihnen hinterher. Denn sie will den Witwer Ken heiraten. Johanna hat nämlich einige Liebesbriefe von ihm erhalten, die allerdings nicht von Ken geschrieben, sondern von Ken's Tochter und ihrer Freundin gefälscht sind. Johanna wird quasi in die Irre geführt. Dass diese Geschichte trotzdem gut ausgeht, grenzt an ein Wunder. Schön frech mit Humor gewürzt fand ich die Tatsache, dass Johanna eben nicht gerade der Typ zum Heiraten ist.

Munro hat Folgendes geschrieben:
Sie mochte noch keine vierzig sein, aber was half das? Sie war eben keine Schönheit.


Die letzte Story: Eine Geschichte um das Irresein, eine bezaubernde Story einer demenziellen Entwicklung einer Frau, die schließlich in ein Heim kommt. Da man in den ersten 30 Tagen die Insassen dort nicht besuchen darf, weil sie sich an die neue Umgebung gewöhnen müssen, besucht Grant nach dieser Gewöhnungszeit seine Fiona, mit der er jahrzehntelang verheiratet ist, muss aber erkennen, dass seine Frau mit einem anderen Heimbewohner angebändelt hat und ihren geliebten Grant nicht mehr erkennt. In all dieser Tragik liegt auch Witz, den Munro feinsilbig auskostet.

Munro hat Folgendes geschrieben:
„Das Problem ist, wie sie sicher wissen, dass wir Bettlägerige nicht auf längere Zeit im Erdgeschoss pflegen....“
Er sagte, seines Wissens sei Fiona nicht oft im Bett geblieben und noch nicht bettlägerig.
„Nein. Aber wenn sie nicht bei Kräften bleibt, wird sie es. Im Moment ist sie ein Grenzfall.“
Er sagte, er habe gedacht, der erste Stock sei für geistig völlig Verwirrte.
„Das auch“, sagte sie.


Diese Story erschien auch einzeln als Hörbuch und wurde unter dem Titel "An ihrer Seite" verfilmt.

Zu den besonders schönen stories zählt auch „Trost“. Es geht um einen Mann, der an einer Krankheit leidet, die ihn nur in den Tod führen kann. Er begeht Selbstmord und lässt seine Frau Nina beunruhigend zurück. Denn Nina sucht verzeifelt seinen Abschiedsbrief, den ihr Mann vielleicht doch nie geschrieben hat. Sie durchsucht das Zimmer und dreht jeden Quadratzentimeter um, sie sucht ihn in abgelegendsten Stellen. Wo soll sie den Trost nur finden? Jedenfalls nicht in der Religion. Wo sie ihn findet, lese man bitte im Buch.

Wegen diesen drei Geschichten lohnt sich die Anschaffung des Bandes „Himmel und Hölle“ auf jeden Fall. Es ist durchaus möglich, dass ich den anderen Geschichten noch mehr abgewinnen kann, wenn ich irgendwann einen reread mache, denn manchmal, so auch hier, gebe ich mir gerne die Schuld, wenn ich mit einem Text nicht klar komme. Schlussfolgernd ist es ein Buch mit sehr schönen Höhepunkten und persönlichen Niederlagen. Mr. Green

Hat jemand von euch Leseerfahrungen mit dieser Autorin? Würde mich nämlich sehr interessieren. Inzwischen ist kein Geheimtip mehr. Jonathan Frantzen verglich sie rühmend mit Tschechow usw. Nobelanwärterin u.ä. Ist dieses hochgradige Lob gerechtfertigt?

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Patmos
Gast





BeitragVerfasst am: 05.04.2009, 15:00:16    Titel: Re: Alice Munro Antworten mit Zitat

Marquis de Josilin hat Folgendes geschrieben:
Jonathan Frantzen verglich sie rühmend mit Tschechow

Liebe Grüße
Marquis de Josilin


Schon allein aus diesem Grund werde ich mir die Erzählungen gönnen!

Danke für die inhaltsreiche und sehr interessante Rezension, Martin.

Grüße

Patmos
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Sam
Sätze-Schachtel-Huber-Bube /Bübin


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Anmeldedatum: 20.12.2007
Beiträge: 130

BeitragVerfasst am: 07.04.2009, 06:26:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Martin,

vielen Dank für deine sehr gute Besprechung!

ich habe Alice Munro vor einigen Jahren für mich entdeckt (Roger Willemsen hatte sie in einer Sendung auf 3Sat sehr empfohlen). Seit dem kämpfen Annie Proulx und Alice Munro in mir um die Vorherrschaft, was Nordamerikanische Erzählerinnen angeht. Die Entscheidung ist schwierig. Da, wo Proulx einem in ihrer Bildhaftigkeit das Hirn bestempelt, lässt die Munro einen leichten Wind durch den Kopf ziehen, der die Synapsen aber sehr lange vibrieren lässt. Wo die eine beobachtet, begleitet die andere. Rodoeoreiten versus einer stillen Unterhaltung bei einer Tasse Tee.

Ob man Munro den Nobelpreis wünschen sollte - ich weiß es nicht. Aber viele, viele Leser (und die hat sie eh schon), das wünsche ich ihr auf jeden Fall.

Liebe Grüße

Sam
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2407

BeitragVerfasst am: 03.05.2009, 07:56:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Martin,

mich hat Deine Besprechung veranlasst, das Buch zu kaufen. Ich muss aber gestehen, daß das Buch überhaupt nicht "an mich geht". Normalerweise habe ich keine Probleme damit, wenn die Lektüre nicht so glatt reingeht wie Fastfood, aber es muss mir dann auch lohnend erscheinen. Hier sehe ich vor allem eine grau-deprimierende Grundstimmung und keine Dynamik; die Menschen in dem Buch vermögen mein Mitgefühl, aber nicht mein Interesse erwecken.

Es mag sehr vermessen sein, dieses Statement aufgrund meiner wenig ausdauernden Lektüreversuche abzugeben, andrerseits - warum eingentlich nicht.

Grüße, Peter Sense
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Verfasst am: 03.05.2009, 07:56:52    Titel: Ähnliche Themen

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