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David Foster Wallace

 
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 14.09.2008, 09:23:25    Titel: David Foster Wallace Antworten mit Zitat

Als ich heute die Nachricht gehört habe, der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace sei am 12. September gestorben (Selbstmord), habe ich mich sehr erschrocken, denn vor langer Zeit habe ich seinen Kurzgeschichtenband "Kurze Interviews mit fiesen Männern"sehr gerne gelesen.

In einem Referat über "Empathie" (2003) habe ich eine Textstelle aus den Stories verwenden können:

M. de Josilin zitiert David Foster Wallace in einem Referat hat Folgendes geschrieben:
Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace erzählt in einer short story von einer Frau, die in die Gewalt eines Sexualverbrechers gerät. Mit fast übermenschlichem Einsatz von Empathie gelingt es der Frau, ihr Leben zu retten. Sie schlüpft in die Rolle eines psychologischen Beraters.

"Sie zwingt sich, nicht zu weinen oder zu flehen, sondern nur ihre durchdringende Fokussierung zu gebrauchen, um zu versuchen, sich empathisch in die Psychose des Sexverbrechers, seine Wut und Angst und seine psychischen Qualen einzufühlen, und sagt, sie stellt sich vor, wie ihr Fokus bei dem Mulatten den Schleier der Psychose durchdringt und mehrere Schichten von Wut und Angst und Selbsttäuschung durchbohrt, um unter dem ganzen psychotischen Zeug auf die Schönheit und das Edle der wahren menschlichen Seele zu stoßen und so eine auf Mitgefühl basierende Beziehung zwischen ihren Seelen aufzubauen, und sie fokussiert ganz intensiv das Profil des Mulatten und sagt ihm leise, was sie in seiner Seele gesehen hat, und sie besteht darauf, dass das die Wahrheit sei."

In solch einer lebensbedrohlichen Situation seinen evtl. Mörder empathisch ins Gesicht zu sehen, verlangt ungeheure Kräfte ab, die nur wenige aufbringen könnten, und in einer solch akuten Situation einen therapeutischen Gang bei solch einem Verbrecher zu bewirken ist aüßerst bedenklich, weil dazu viel mehr Zeit erforderlich wäre. In geraffter Form vermittelt uns aber der Autor sehr schön den Weg des gesprächspsychotherapeutischen Prozesses. Die Frau in der Rolle des Beraters lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die Gefühle des Klienten (durchdringt mehrere Schichten von Wut und Angst) und wirft einen Blick auf das therapeutische Ziel, die volle Entfaltung des Verbrechers, damit er die Schönheit und das Edle seiner wahren Seele erkennen kann.
Die erste Reaktion des Verbrechers ist folgende:

"...der Mulatte hinterm Lenkrad hörte nach und nach auf mit seinem dämlichen Gequatsche und verfiel in angespanntes Schweigen, als ob seine Gedanken mit irgendetwas beschäftigt waren...er fühlte die zarten Anfänge jener Beziehung zu einer anderen Seele, nach der er sich stets gesehnt und die er natürlich im tiefsten Innern seiner Seele gleichzeitig gefürchtet hatte". - An dieser Stelle beginnt der Verbrecher ganz sachte, seine eigenen Gefühle zu reflektieren.

DieTaktik der Frau ist auf die Kernschwäche des Psychopathen gerichtet, der unfähig ist, auf jede konventionelle seelenentblößende Beziehung einzugehen. Dieser Verbrecher kann nur durch Gewalt und Mord eine Beziehung zu seinem Opfer herstellen, er will die absolute Kontrolle über sein Opfer haben, Macht über dessen Ängste und Schmerzen wie ein Gott. Das einfühlende Verstehen der Frau bringt ihn sehr ins schleudern, weil sie ihm seine einzige Möglichkeit, eine Beziehung herzustellen, wegnimmt. Er verliert seine gewaltbereite Macht über sie, gerät in innere Konflikte, bekommt selber Angst und Weinkrämpfe, er fällt in die Rolle des Opfers. Foster Wallace erzählt von der Frau, es hätte ihr fast das Herz gebrochen wie sie gemerkt hat, dass ihr Fokussieren und ihre Beziehung dem Psychopathen viel größere Qualen bereitet haben als er ihr jemals hätte zufügen können. Hier hat Empathie über rohe Gewalt gewonnen.

(Wallace-Zitate kursiv)

Viele Stories haben ihre Wurzeln in der Psychologie (auch die Geschichten mit besonders fiesen Männern).

Sehr zu empfehlen. Man muss sich aber daran gewöhnen, dass der Autor lange Fußnoten setzt.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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Beiträge: 340
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BeitragVerfasst am: 24.09.2008, 15:00:04    Titel: Antworten mit Zitat

Kleines Mädchen mit komischen Haaren, stories

Durch den niedlichen Titel „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ solle man sich lieber nicht aufs Glatteis führen lassen, eher vergesse man, was man bisher gelesen hat und taucht ohne Ballast in diese stories ein. Es lohnt sich, denn hier begegnen wir etwas völlig Neues, was wir in der Literatur vielleicht nirgendwoanders gelesen haben. Man könnte auch sagen, wir erleben eine neue Literaturtaufe. David Foster Wallace gehort zu den Literaten der Postmoderne (was auch immer das so genau bedeuten soll, denn eine Definition dieses Begriffes ist schwierig).

Ein spezieller sprachlicher Stil lässt sich nicht ausmachen. Wallace scheint in diesen frühen stories experimentiert zu haben. In jeder Geschichte entwirft der Autor einen neuen Stil, der zum Personal und zum Geschehen passt.

Die Geschichte, die dem Erzählband seinen Namen gibt, spielt in der Pukerszene. Ein Anwalt, der sich unter Punkern wohl fühlt, aber wegen seiner Herkunft sich keinen Irokesenschnitt oder ähnliches antuen will, wird hier Sick Puppy genannt, denn unter Punkern legt man sich einen neuen Namen zu. So zieht er mit Gimlet, Big und Mr. Wonderful in die Irvine Cocert Hall, um ein Konzert mit Keith Jarret zu hören. Sick Puppy, der das nötige Geld für die Karten besorgt, leidet, seitdem sein Vater mit einem Feuerzeug ihm seinen Penis versengt hat, weil er mit acht Jahren seine Schwester verspielt zum Geschlechtsverkehr führte, an pyromanischen Ideen, Körperteile anderen Menschen zu versengen. Die komischen Haare eines kleinen Mädchens, die in eine der vorderen Reihen sitz, locken seine Fantasien hervor. Bisher ist nur Gimlet bereit, sich von Sick Puppy versengen zu lassen. Wo Punks sind, ist LSD nicht weit, so ist die Geschichte auch eine Geschichte über psychodelische Halluzinationen, und weil die Sprache so herrlich im Punkersound melodiert, war es ein Lesegenuss.

Wallace schreibt über die Zeit unserer Tage, genauer die um1990 herum, als der Storyband erstmals in Amerika erschien, d.h. über eine Welt, die (zumindest in den USA) täglich sechs Stunden vor dem Fernseher verbringt und sich mit Werbung vollgedröhnen lässt. Auch in der Geschichte des kleinen Mädchens hellt der Einfluss von Fernsehwerbung für einen kurzen Moment auf. Und es ist wirklich so, das Sehen an sich wird in den stories oftgenug thematisiert, dabei formt sich das Gesehene nie so wie es uns erscheint. Da gibt es die (ausnahmsweise) sehr linear konventionell erzählte story von einer Schauspielerin, die in die Late Night Show von David Lettermann zum Interview eingeladen wird. Schon in den ersten Sätzen spielt der Autor anhand von einer Schauspielerin damit, wie sie sich selber sieht, und wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird:

Zitat:
Ich bin eine Frau, die am 27. März 1989 in der Late Night Show von David Lettermann aufgetreten ist.
Oder wie mein Mann Rudy sagt: Ich bin eine Frau, die zwar der überwiegenden Mehrheit der statistisch erfassbaren amerikanischen Bevölkerung bekannt ist, einfach weil ihr Name in aller Munde und ihr Gesicht schon so häufig auf den Titelseiten der Zeitschriften und den Bildschirmen der Leute draußen im Lande zu sehen war, deren tiefstes Inneres aber unerreichbar im Verborgenen liegt. Weswegen mein Mann Rudy auch der Meinung war, der Auftritt könne mir letztlich nichts anhaben.


Rudy will seiner Frau während des Interviews über ein geheimes Mikrofon Anweisungen geben, damit alles glatt über die Bühne geht. „Keinen interessiert, ob du wirklich schlagfertig oder locker bist, es muss nur so aussehen.“ Um Differenzen zwischen Schein und Sein geht es.

Sehr beeindruckend ist „Tiere sehen dich an“. Eine Frau gewinnt über 700 Mal in einem Fernsehratespiel, eine Sensation, so etwas ist noch nie vorgekommen. Die Einschaltquoten sprudeln in die Höhe. Warum Julie Smith aber so ein einzigartiges Wissen hat, hat einen tragischen Hintergrund, der verständlicher Weise hier nicht vorab verraten werden soll. Nur soviel, Julie spendet ihren Gewinn für einen guten Zweck, die Fernsehleute wollen diese Sache „PR-mäßig ausschlachten.“

Die Story „John Billy“ ist sehr mysteriös, gleitet teilweise ins Surreale und ist in einem einzigartigem Slang gschrieben. Das ist auch der Grund, warum ich sie erst beim zweiten Durchgang genießen konnte. Es geht um den ungewöhnlichen „Chuck Nunn – der Mann, der alles kann“. Schon bei seiner Geburt hatte er

Zitat:
..ich sag mal kolossale Übergröße, die hat Momma Moma May innerlich so zerrissen, dass sie bis heute ohne Heizdecke und Opernmusik, laute Opernmusik, gar nicht mehr einschlafen kann, deshalb ist sie ja auch in dieser Anstalt.


Auf die abgedrehte Idee muss man erst einmal kommen, wie nämlich Chuck Nunn eine Ölquelle entdeckte. Ein Twister riss seine Fernsehantenne vom Dach und flog wie ein Speer hinfort, bohrte sich irgendwo in das

Zitat:
Nunn Land...wie beim Messerwerfen und es sage und schreibe aus diesem von Chuck Nunn Junior ex officio ererbten und TV-gesprießten Grund und Boden plötzlich zu sprudeln anfing, nämlich Rohöl, schwartes Gold, Texas Tea.


Auf diese Weise wird Chuck Nunn reich. Wieder ist das Fernsehen an allem Schuld und Chuck Nunns Reichtum führt zu einer erbitterten Auseinandersetzung mit dem Schafmogul T.Rex Minogue, der „diverse Anstrengungen unternahm, Chuck Nunn Junior seine Schafzucht abzukaufen beziehungsweise mit Gewalt sich feindlich einzuverleiben...“ Kurios, bei einem Unfall fallen Chuck beide Augen heraus, die an zwei Nervenenden herumbaumeln. Auch künftig fallen die Augen in verschiedenen Gelegenheiten heraus , wenn er niesen muss oder ihm jemand auf die Schulter klopft. Da bekommt man schon recht Furcht, was mit dem Sehorgan alles passieren kann.

Der Band enthält fünf stories, die aufgeschlossenen Lesern sehr bereichern und zum Nachdenken bringen können.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Verfasst am: 24.09.2008, 15:00:04    Titel: Ähnliche Themen

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