L I T       C A F E - Forum Foren-Übersicht L I T C A F E - Forum
Literatur im Cafe und zum Kaffee - http://www.litcafe.de
 
 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste   BenutzergruppenBenutzergruppen   RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 

     Intro     Portal     Index     
Thomas Bernhard

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    L I T C A F E - Forum Foren-Übersicht -> Lese-ECKE
Das Thema drucken | Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Knabe
Zweitbuchinhaber/In


Offline

Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 47
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 26.08.2008, 22:02:05    Titel: Thomas Bernhard Antworten mit Zitat

Thomas Bernhard (1931-1989), österreichischer Autor.

Ein Einsamer, Enttäuschter, Betrogener, Deprimierter, der über die Welt und vor allem über Österreich schimpft, über deren Niedertracht und Gemeinheit usf. - vor allem im Frühwerk sehr düsterer, nach und nach immer heiterer und gleichzeitig niederdrückenderer Autor, der im Spätwerk eine unglaubliche Formvollendung gefunden hat, dass sich "Holzfällen" z. B. so fließend lesen lässt, dass der Roman nur so dahinrutscht.

"Holzfällen" ist meiner Meinung nach sein bestes Werk. Es ist ein guter Einstieg zu Th. B.! Bei Th. B. lacht man einmal laut auf, und drei Seiten weiter ist man erschüttert und es ist einem zu weinen zumute.

Ich hoffe auf Meinungen, Anregungen, Diskussionen, Fragen, Stänkerungen, Lobeshymnen, Vergöttlichungen etc. etc.

Gruß
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
morelli
Kaffeekasseneinzahler/in


Offline

Anmeldedatum: 07.01.2008
Beiträge: 9
Wohnort: 50° nördl. Breite

BeitragVerfasst am: 12.10.2008, 23:00:59    Titel: Frost Antworten mit Zitat

Ich lese gerade "Frost" und kann nur sagen: nach all dem Wortmüll, der ansonsten in einem (Lese)leben auf einen niederprasselt, hat Bernhard bei mir jedesmal wieder die befreiende Wirkung eines Rohrreinigers. Nur ohne die Ammoniakdämpfe.
Wann immer ich das Gefühl habe, nur noch gegen eine zähe Masse anzulesen, greife ich zu einem seiner Bücher. Und zum Glück habe ich noch einige ungelesene Werke von ihm vor mir (wobei: wenn ich einmal "durch" sein sollte, dann ist Bernhard einer der Autoren, bei denen man gerne auch mal eine zweite Runde dreht).

(Beitrag abzulegen unter: "Meinungen", Unterpunkt "Lobeshymnen")
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Knabe
Zweitbuchinhaber/In


Offline

Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 47
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 13.10.2008, 13:58:05    Titel: Re: Frost Antworten mit Zitat

Lobeshymne eingelangt!

"Frost" ist das griesgrämigste und unzulänglichste Buch, das ich bisher von Bernhard las.

Übrigens sagt Josef Winkler in einem Interview mit der Wiener Zeitung (Sa, 11. Okt 2008):

"Ich erinnere mich an eine witzige Situation vor einem Jahr im Literaturhaus in Frankfurt auf einer Gedenkveranstaltung für Thomas Bernhard. Da war auch sein Bruder Dr. Fabjan dabei. Ich habe in einer Diskussion gesagt, dass von Bernhards allerbestem Buch kein Mensch mehr spricht, nämlich vom Roman 'Korrektur'. Das ist ein Prosaungeheuer, das wahrscheinlich größte Prosaungeheuer, das er jemals geschrieben hat. Hinterher ist der Bruder zu mir gekommen und hat mir gesagt: 'Wissen's Herr Winkler, der Thomas hat dasselbe gesagt.'"

- Mit besten Empfehlungen,
Knabe

(allerdings ist das eine Empfehlung aus zweiter Hand, da ich "Korrektur" selbst noch nicht gelesen habe...)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Cut&Paste
Zweitbuchinhaber/In


Offline

Anmeldedatum: 08.01.2008
Beiträge: 30
Wohnort: linksrheinisch

BeitragVerfasst am: 14.10.2008, 21:59:26    Titel: Antworten mit Zitat

Das macht mich neugierig auf "Korrektur", wenn mein Feund Winkler, offenbar latent suizidgefährdet, dieses derart lobt. Bernhard zeichnet sich in meiner Welt dadurch aus, dass er der einzige deutschsprachige Schriftsteller ist, von dem ich genau einen Roman genau zweimal gelesen habe: "Alte Meister", stilistisch gut gemacht, manchmal etwas nervend zwar, ist dieses "Wienern" - nicht als Dialekt, sondern als auf-der-Stelle-Putzbewegung gemeint. Er, also Bernhard bzw. sein "Held" Reger bzw. der diesen beobachtende und das Ganze erzählende Atzbacher, greift sich irgend Thema heraus (einen alten Meister, das Kunsthistorische Museum, die dortigen Toiletten, Wien, Österreich, die Politik, die Politiker, Museumsbesucher, Kunstkenner, Kunst, irgendwas), und wiederholt auf einer einzigen suhrkampschen Taschenbuchseite dutzendmal immer wieder irgendeine Aussage zu diesem Thema, tritt scheinbar auf der Stelle, bewegt sich aber in kreisend-wiederholenden Bewegungen langsam von einem Thema zum nächsten, immer wieder schlaufenziehend zurückkommend, bis er die ganze Fläche abgewienert hat; wieder ansetzt, neue, ähnliche, spiralförmig aus Mikrokreisen entstehende Kreise zieht, und so weiter. Das ganze Buch besteht nur aus einem einzigen, atemlosen Absatz (möglicherweise sind's auch zwei gleichlange Absätze, Seite 170 in st 1553 lässt das offen)

Stilistisch genial, dieses "bernhardinische Wienern"; inhaltlich: na ja, es geht, österreichisches Lokalgeschwätz halt (frei nach Arno Schmidt) ...
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Forenking






Verfasst am: 14.10.2008, 21:59:26    Titel: Ähnliche Themen

Nach oben
Knabe
Zweitbuchinhaber/In


Offline

Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 47
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 15.10.2008, 16:05:35    Titel: Antworten mit Zitat

Cut&Paste hat Folgendes geschrieben:

Stilistisch genial, dieses "bernhardinische Wienern"; inhaltlich: na ja, es geht, österreichisches Lokalgeschwätz halt (frei nach Arno Schmidt) ...

"Stilistisch genial": Stimmt, zumindest in seinem Spätwerk, also auch in Alte Meister. Die "Mikrokreise" vermisse ich im Frühwerk.

Inhaltlich: österreichisches Lokalgeschwätz? Das will ich nicht meinen. Natürlich ist es so, wenn er über die Toiletten des Kunsthistorischen Museums redet. Aber doch nicht, wenn der Protagonist nach Jahrzehnten so plötzlich einsieht, dass die Großen Meister keinen Menschen ersetzen, nämlich keinen.

Kann ich das so behaupten? Keinen Menschen? Ich habe mir, ehrlich gesagt, oft gedacht: Wie schön wär's, ein Buch zu lesen, statt jetzt in der Gegenwart dieses und jenes Menschen zu sein. Und: Tausende Bücher könnten ihn ersetzen! Also genau das Gegenteil. Ich mein's aber wohl auch nicht so ernst.

Und auch, was Bernhard dann über das ideale Sprachrohr sagt, das kein Mensch findet, oder über die Wichtigkeit der Gewohnheit, oder über den Staat, nämlich über die Staatskinder, die aus dem Staatsbauch geboren werden - ich halte das für Themen, über die man stundenlang nachdenken könnte, nicht für österreichisches Lokalgeschwätz.

Aber Holzfällen finde ich dann doch besser, dort gelangt Bernhard auch über das Alltäglichste zu philosophischen Themen und

er zeigt uns, dass alles Philosophische gar nicht so weit entfernt ist! Sondern dass es überall stattfindet und das Profanste erfüllt! Da kann er uns einige Augen öffnen.

Auch sprachlich steht meiner Meinung nach Holzfällen weit über Alte Meister.

Gruß
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
morelli
Kaffeekasseneinzahler/in


Offline

Anmeldedatum: 07.01.2008
Beiträge: 9
Wohnort: 50° nördl. Breite

BeitragVerfasst am: 15.10.2008, 16:25:52    Titel: Frost Antworten mit Zitat

Also dem Verdikt "griesgrämig" kann ich mich ja noch anschließen (wenn auch nicht unbedingt in Form des Superlativs), aber "unzulänglich" ist mir das Buch bislang (bin ca. auf S. 130) nicht vorgekommen.
Allerdings fühlt es sich auch für mich etwas anders an als spätere Werke, wie bspw. "Holzfällen", "Alte Meister" oder auch "Auslöschung". Das bernhardsche Monologisieren/Räsonnieren - für das cut&paste mit "Wienern" einen so schönen wie passenden Begriff gefunden hat, indem es insbesondere das Obsessive in Bernhards Figuren darstellt - ist hier noch nicht ganz so ungehemmt wie später (Stichwort "Mikrokreise", die zwar schon auftauchen, aber nur punktuell).
Vielleicht wird es hier noch etwas von der gewählten (Brief-/Tagebuch-/Berichts-) Form gebremst, die dafür sorgt, dass die Distanz zur Hauptfigur (der Maler Strauch) deutlicher hervortritt als etwa in "Alte Meister", das (obgleich es wie "Frost" einen Dritten als Erzähler/Berichterstatter hat) insgesamt dichter dran am Objekt seiner Betrachtung wirkt. Strauch reiht sich zwar ein in die Riege typisch bernhardscher Charaktere, aber die Figur des ihn beobachtenden Medizinstudenten ist (bislang) irgendwie blass und dabei gleichzeitig zu wahrnehmbar, als dass sie zur reinen Projektionsfläche würde. Nicht von ungefähr hat Bernhard in anderen Büchern ("Holzfällen", "Auslöschung", "Beton", als Werke, die ich gelesen habe) oftmals den Protagonisten selbst sprechen/schreiben lassen.
Die Form sorgt auch dafür, dass der ganze Ablauf "zerhackter", episodenhafter ist, weshalb sich das Buch vielleicht nicht gar so flüssig liest, wie etwa "Holzfällen". Trotzdem bin ich gefesselt von den Figuren, dem Plot (u.a. mit klaren, aber nicht aufdringlichen Bezügen zu Kafkas "Schloss" und Manns "Zauberberg") und - nicht zuletzt - dem Ort der Handlung, der mir klar vor Augen steht.

In meiner persönlichen Wertschätzung rangiert "Frost" derzeit leicht hinter "Alte Meister" und auf einer Stufe mit "Beton".
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Sonny Clash
Stammelga(ä)st/In


Offline

Anmeldedatum: 06.04.2008
Beiträge: 386
Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 07.01.2013, 12:43:25    Titel: Antworten mit Zitat

Der Thomas Bernhard, das ist ein Mensch der es gelernt hat zu denken. Nichts schwierigeres scheint es zu geben als selbst zu denken, sich eigene Gedanken zuzutrauen und zu wissen dass es eigene Gedanken sind und doch nicht nur ein lauwarmes Wiedergekäutes, dass man wie ein Hund, der die Kotze eines Fremden leckt, sich einverleibt hat.

Ein griesgrämiger Mensch war Th. Bernhard aber nicht. Die Menschen haben ihm nur zugesetzt, die Nazis, die Katholiken, dazu die Einsamkeit eines Menschen, der zu früh auf sich alleine gestellt war. Das hat die Sinne geschärft. Das hat ihn von den Fesseln der Familie freigeschnitten und alleine gelassen, das hat ihm zum größten deutschsprachigen Polemiker gemacht. Dieses sklavische, viehische Unterordnen der Menschen, die sich lieber auspeitschen lassen, als ihren eigenen Kopf einzuschalten war ihm zutiefst zuwider. Er war ein Menschenfreund, er hat die Menschen geliebt und gleichzeitig zutiefst verachtet.

Er soll ja nicht viel von Naturbeschreibungen gehalten haben, aber wie der Maler Strauch im "Frost" im Kapitel Viehdiebe die Szenerie beschreibt, ist ein Meisterwerk. Diese Szene hat sich mir eingebrannt wie nur wenige Dinge zuvor die ich las, das Besondere sind die expressiven dicken Pinselstriche die er verwendet. Es ist ja der Maler, der erzählt.

Th.B. hat die Grausamkeit der Menschen erkannt und ihre Möglichkeit zum Schönen und Guten. Er hat den Menschen gedacht, weiter gedacht als es die konventionelle Vorstellungskraft den meisten erlaubt, sein Denken war ein Kraftakt, eine Mammutaufgabe. Er war ein Medizinmann des Denkens.

Ich kann Morelli nur zustimmen, Thomas Bernhard hat die Wirkung eines Rohrreinigers, er wirkt befreiend und säubernd. Andererseits macht er es dem gewillten Leser auch nicht leicht. Die bernhardsche Lektüre ist oft ein Kampf und unfreiwillig geht etwas von der Erregung auf den Leser über und sorgt für einen Zustand kognitiver Dissonanz. Er fordert tieferes Eindringen, er schafft Zwischenräume von unendlicher Weite, die den oberflächlichen Zeitschriftenleser oft abstoßen und irritieren und ihm Ausschlag verursachen. Das macht ihn umso wertvoller, denn er verlangt etwas von seinen Lesern das mehr ist als ein Konsumieren, es ist ein Wissen um die Krankhaftigkeit des "Kunstzustandes" unserer Zeit. Das geradezu körperliche Unbehagen, dass er dabei im Leser verursacht, ist ein Symptom der Heilung.

Thomas Bernhard ist wahrlich ein ganz Großer seines Faches gewesen und wie wenige vorher hat er gezeigt, wozu Sprache fähig sein kann, zu welcher Tiefe und Größe die deutsche Sprache sich aufschwingen kann, auch wenn so mancher, der sich im Mittelmaß und Stumpfsinn häuslich eingerichtet hat, vor dem Flügelschlag seiner Worte erzittert. Ich bin ein großer Bewunderer.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


Offline

Anmeldedatum: 15.12.2007
Beiträge: 2497
Wohnort: ja

BeitragVerfasst am: 08.01.2013, 06:56:31    Titel: Antworten mit Zitat

Schriftstellrisch war er sicherlich eine Ausnahmeerscheinung in der braven Nachkriegslitratur. Er hat die ganze Wut und Enttäuschung, die Verletzung und das Gekränktsein eines Jungen, eingequetscht zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus, zwischen Heuchelei und physischer Vernichtung herausgeschriien mehr als geschrieben. Sein Haß auf das ewige Spießertum, die österreichische Abart(igkeit) des Schildbürgers und die geilen Pfaffensäcke war grenzenlos und ehrenwert. Der einzige unbeugsame Charakter in der verfilzten, verschwitzten, verpissten österreichischen Litratur zwischen 1930 und 1980, die erst den Nazis den Endsieg und nach dem Zusammenbruch die österreichsche Opferlüge schönschreiben wollte.

Aber er war auch ein sehr widersprüchlicher Charakter, schwankend zwischen Egomanie, Größenwahn und Depression. Die männliche Variante der Bachmann, ohne deren schwärmerischen Idealismus.

Vieles ist höchst lesenswert, vieles auch sehr zeitbezogen und lokalbezogen, sodass dem gemeinen Leser manche Verbindung zur damaligen Aktualität, manche Salve auf vergangene Prominenz oder einfach herrschende Zustände verborgen bleibt.

Einer der wenigen Aufrechten im Land, hinter all den Gebirgen aus Opportunismus, Nepotismus und auch in Künstlerkreisen unausrottbar gängiger Korruption.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Forenking






Verfasst am: 08.01.2013, 06:56:31    Titel: Ähnliche Themen

Nach oben
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    L I T C A F E - Forum Foren-Übersicht -> Lese-ECKE Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Impressum des Forums | Kostenloses Homepage Forum von Forenking.com | Powered by © phpBB Group