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Silvia Bovenschen "Älter werden"

 
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Madge
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BeitragVerfasst am: 30.07.2008, 13:11:03    Titel: Silvia Bovenschen "Älter werden" Antworten mit Zitat

Also ich habe es fast durchgelesen.
Aber ich will nicht als Erste. Fang Du an peter sense.
Wie findest Du es denn? Ich bin ein bisschen gespalten.
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 30.07.2008, 18:21:37    Titel: Antworten mit Zitat

Das Büchlein hatte sich im Urlaub bei mir neben dem "Nikotinbaum", neben vegilbten 50-Jahre-Krimis und einem Küsten-Krimi von Sandra Lüpkes aus den Beständen des Appartements hervorragend behaupten können. Jetzt, bei der zweiten Lektüre (sowas mache ich eigentlich selten, vor allem nicht so schnell hintereinander) kommt mir manches nicht mehr ganz so glänzend vor, die Selbstreflexionen und die Bezüge zu ihrer Krankheit nicht mehr ganz so völlig unwehleidig. (Nicht, daß ihr das nicht zustünde!)

Ihr jugendliches intellektuelles Coming-Out bei Gelegenheit einer Adornovorlesung scheint mir letztendlich auch weniger greifbar zu sein als vielleicht eine jahrzehntelange Lektüre der "Süddeutschen" und der "Zeit". Wenn man denn unbedingt was zum Kritteln finden will.

Nach wie vor gefällt mir sehr die Art und Weise, wie hier ein Abschnitt der Zeitgeschichte, die ja auch meine ist, durch das Medium des eigenen Lebens, der eigenen Biografie betrachtet und dargestellt wird. Ich wette sie hat früher genau wie ich auch gerne mal Jürgen Becker gelesen.

Es gibt so viele Schreiber gerade aus dieser Generation, die ihren Lesern und vielleicht auch sich selber die Hucke vollügen und Geschichte nicht schreiben, sondern entsorgen, (ich denke da nicht nur an den Schlink) daß jemand, der sich so ernsthaft um Wahrhaftigkeit bemüht wie hier Bovenschen, dabei auch noch tatsächlich das Zeug zum Reflektieren hat und das Ganze auch noch mit der Priese Ironie serviert, die es erst erträglich macht, daß so jemand also gar nicht genug zu schätzen ist.
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Madge
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BeitragVerfasst am: 02.08.2008, 13:50:06    Titel: Antworten mit Zitat

Also ich hätte gedacht, Du bist eine andere Generation – eigentlich ist sie ja mein Jahrgang, die Silvia Bovenschen und zwar haargenau. Leider leider, aber auch tröstlich, denn sie ist ja – trotz der schlimmen Erkrankung – auch noch mitten in den Zeitströmen.

Und - es ist wohl mehr als ein Jahrgang, der ein bestimmtes Zeitgefühl teilt.
Es ist wirklich ein intelligentes, geistreiches Buch, das man mit Respekt und Eifer liest. Andererseits berührt es am allermeisten da, wo auch eigene Erfahrungen getroffen werden. Und man muss es – sonst hat es keinen Sinn – wirklich richtig langsam alles ordentlich lesen. Das ist immer mein Problem. Der Anfang mit den alten Filmen hat mir da schon gefallen, weil ich das auch kenne. Wir – im Osten gucken deshalb manchmal strohdoofe alte DDR-Krimis. Weil die Szenerie noch so ist, wie sie uns über viele Jahre vertraut war, manchmal auch grimmig-vertraut.

Es gibt auch eine Erwägung auf S. 34 über das Gedächtnis der Gefühle. Es stimmt vollkommen, wie ich vor zwei Jahren im Umgang mit an Alzheimer Erkrankten gespürt habe. Die wissen am nächsten Tag nicht mehr, wer Du bist, aber sie erinnern - gefühlsmäßig - noch genau, ob man ihnen gut getan hat oder nicht. Das war mein erster Eindruck, ich bin momentan etwas langsam.
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 07.08.2008, 20:51:51    Titel: Antworten mit Zitat

In dieser Gegend des Buches etwa bin ich bei meiner überaus langsamen, sehr nebenbei betriebenen Zweitlektüre gerade angekommen.

Toll, wie sie das aufbaut. Als Paukenschlag und Einleitung das Angstwort "Alzheimer" Dann die sehr seriösen Gedanken zur "Historizität" des eigenen Lebens (sowas lernt man, glaube ich, als Germanist) und dann diese Geschichte mit dem kirschroten Lippenstift. An den sich jemand ganz sicher erinnert - nur sie, die Autorin, die ihn doch angeblich getragen haben soll, meint: niemals.

"Man selbst hat von dem Behaupteten, das zu unwichtig scheint, als daß es auch nur bestritten werden müsste, keine Erinnerung, schnurrt aber im Moment dieser Aussage, die jemand für eine Kennzeichnung hält, auf das Format eines Kirschmündchens zusammen. Da kann man nichts machen."

Ein feiner Witz, und im nächsten Absatz dann das "Gedächtnis der Gefühle",
das Madge angesprochen hat. Das ist literarische Komposition vom Feinsten, gekonnt eben. Es steigert sich noch, bleibt beim Thema, und gleitet etwa ab S. 39/40 ganz unaffällig ins Allgemeinere, Gesellschaftliche.

Ich muss sagen, ich habe selten was gelesen, was das allerpersönlichste - ohne peinliche Selbstentblößung freilich - so nahe an die Erkenntnis der Welt, in der wir leben, heranbringt. Meist ist ja dieser sozusagen öffentliche Bereich der Erkenntnis fein säuberlich abgetrennt von der Person - muss es letztlich auch, oder? - Naja, kein richtiges Leben im Falschen, Adorno eben + so, und der Sense hört jetz auch auf.

Grüße, P. S.
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Madge
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BeitragVerfasst am: 08.08.2008, 12:10:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
ich grase eher so hin und her. Wobei - es ist sicherlich so, dass man dabei die Gesamtkomposition aus dem Auge verliert oder gar nicht würdigen kann, dass es die ja auch noch gibt.

Es gibt schon sehr schöne Apercus:
Beispiel: "Ich überlege, ob die Abwägung zwischen dem Altersgemäßen und de Zeitgemäßen nicht die wahre Artistik des Alterns ist. Das ist ein Können, das wir vorübergehend noch können können."

Und für meine wesentlich jüngere Freundin habe ich auch eine schöne Anmerkung und Beobachtung gefunden. Die kann ich verwenden, wenn sie mal wieder jammert:

"Wenn eine gute Fee käme und du dir ein beliebiges Alter aussuchen könntest, welches würdest du wählen“, frage ich meine Freundin F.G. (achtundachtzig). „Anfang vierzig“ sagt sie ohne zu zögern. Ja, das wäre auch mein Wahlalter. Ich starte eine kleine Umfrage unter denen, die älter als fünfzig sind. Alle, wirklich alle, Männer wie Frauen, nennen diese Altersstufe. Auch die Begründungen sind identisch. Man habe die gröbsten Verklemmungen und Verwicklungen hinter sich, und noch eine geräumige Zukunft vor sich (wenn alles gut gehe). Betrifft diese beste aller Altersmöglichkeiten nicht genau das Alter, in dem die quälende Midlife-crisis angesiedelt wird? Uns ist selbst unter dem Einsatz einer guten Fee nicht zu helfen.“

Und dann noch so ein schöner Satz über die 68er zu denen sie ja eine distanzierte Beziehung hat:
„Was mich ärgert: Daß sie in ihrem Renegatentum vergessen, dass nicht alles dumm oder falsch war, dass nicht alle sich damals in allem irrten, nein falsch gedacht, sie vergessen es gar nicht, sie müssen es zum Verschwinden/Vergessen bringen und das Ganze denunzieren, um ihren individuellen Irrtum zu verwässern – es allgemein in einer pauschalen Irrtumsbezichtigung vergessen machen. Verallgemeinerter Selbsthass.
Ach, würden sie sich doch weniger lieben. Ach würden sie sich doch weniger hassen.“

Und ganz herrlich ein Satz über die befreite Sexualität, aber der ist schon ziemlich weit hinten:

„Zu den von Wilhelm Reich inspirierten, vermeidbaren Irrtümern der siebziger Jahre zählte die Annahme, dass ein Spießer, den man sexuell enthemmt, etwas anderes sein könnte, als ein sexuell enthemmter Spießer.“

Na, herrlich

Mit Grüßen
Madge
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Madge
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BeitragVerfasst am: 15.08.2008, 10:44:33    Titel: Antworten mit Zitat

Vor kurzem gab es einen langen Fernsehabend über den Prenzlauer Berg und vor allem über die Schönhauser Allee. Ich musste gleich an die ersten Passagen von Silvia Bovens Buch denken. Da schreibt sie über die alten Filme, die sie sich ansieht, weil die Straßen, wie man sie von früher kannte, noch einmal zu besichtigen sind. Wie man – sich tröstend – auf die Autos, die Straßenbilder der Vergangenheit blicken kann.
So etwas konnten wir bei diesem Fernseh-Themenangebot in Hülle und Fülle genießen. Da gab es eine noch aus DDR-Zeiten stammende Sendung mit dem Titel: „Rechts und links der Schönhauser“, moderiert von einem jugendlichen Jaecki Schwarz. Sie stammte aus dem Jahr 1983. Kein Westauto zu sehen. Es fuhr die alte Straßenbahn Linie 46 oder 49. Es fuhren Trabi, Wartburg und Lada.

Die Häuser sahen aus – wie sie eben so aussahen – schäbig, alt und die Menschen bescheiden gekleidet. Die Läden ein bisschen öde, die Menschen verhalten im Auftreten, zurückgenommen. Sie besahen sich eine kleine Theateraufführung schweigend und lächelnd.

Eine Stunde zuvor hatten sie einen Bericht über die Schönhauser und Umgebung mit den jetzt ganz schicken, neuen Bewohnern. Da war alles ganz anders.
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Verfasst am: 15.08.2008, 10:44:33    Titel: Ähnliche Themen

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peter sense
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BeitragVerfasst am: 17.08.2008, 20:36:47    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, diese Berichte, Reflexionen, was immer, über alte Fotos, Mode, Autos, Filme, Musik, über diese ganzen Assesoires der Erinnerungslandschaften gehören sicherlich zu den Stärken des Buches. Es gibt ja auch einen Haufen solcher "Erinnerungsbücher", ganz trivial, für beinahe jeden Jahrgang hält der Buchhandel das Passende bereit, und wenn man sie aufschlägt blickt einen nur das gleiche Zeug wie aus dem eigenen Fotoalbum entgegen.

Und, Madge, daß sie nach Berlin gezogen ist, hat dich doch sicherlich gefreut ...

Dein Zitat über über die 68-Renegaten mit ihrer "Selbstliebe" und ihrem "Selbsthass" habe ich noch nicht (wieder) gefunden. Aber zeigt diese moralische Interpretation nicht auch die Grenzen der S. B. selber?

Richtiger- (und letzlich auch trivialerweise) hätte sie nämlich etwa so schreiben müssen: "Wenn diese 68 schrieben: "Selbstverständlich sind grundlegende Aussagen über die Funktion, die Struktur und den Charakter von Imperialismus und Kapitalismus völlig zutreffend gewesen und heute weiterhin gültig " - dann würde kein großes Medium sie veröffentlichen. Somit bleibt diesen Leuten nur die fortwährende Vermarktung ihres Kniefalls." Und dann könnte das mit Selbsthass und -Liebe kommen.

Richtig gut gefielen mir auch die Äußerungen zu Adorno (S. 92), man kann da sehr fein nachvollziehen, wie ein großer Mann kleingeredet wird.

Vor Jahren hat mir jemand, dem ich von einem Buch vorschwärmte, gesagt: "Da stand wohl viel von dir drin?" Diese Beschreibung, wie sie ans Lesen kommt. Diese Kinderspiele. Wie der Fernseher auftauchte. Gewiß, sie war ein Mädchen, und ihre Strumpfgürtelerinnerungen teile ich nicht, aber es sind immer noch genug dabei. Und gerne wandeln wir auf Nebenwegen, sozusagen den Nebengeleisen und Kleinbahnen der Erinnerung.

Es wird wohl noch etwas eine Rolle spielen. Ihre Krankheit stellt sie ja nie in den Vordergrund, aber sie ist doch präsent genug, um einerseits bewundernd zu denken: ganz prima, diese tapfere wackere Frau, und sich andrerseits heimlich zu freuen: welch ein Glück, daß es mir trotz allem doch noch viel, viel besser geht. Ich meine, sie hat das ja letztlich alles, fast ihr ganzes Leben, der Krankheit abgetrotzt - eine Leistung, die man, selber das Altern langsam aber sicher spürend, um so mehr würdigen muß!

MfG,
Peter Sense


Zuletzt bearbeitet von peter sense am 22.08.2008, 17:16:59, insgesamt einmal bearbeitet
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 22.08.2008, 17:09:03    Titel: Antworten mit Zitat

Beim zweiten Mal ist alles anders. Naja, manches. Was als komponiert empfunden wurde, erscheint nur noch als eine eher zufällige Folge aus dem Kasten der abzuarbeitenden Zettel; und dieses und jenes gekonnt servierte Apercu ist in der Wiederholung auch nicht mehr so amusant.

Dennoch, es erschließt sich auch Neues. Wie es etwa ab S. 123 ff von der Pille zur Sexualität (dort auch die schöne Bemerkung über die "enthemmten Kleinbürger" (Und es wäre heute wieder, nebenbei berkt, absolut angebracht, den dort genannten Wilhelm Reich wieder zu lesen! (natürlich den vorm Abdrehen in Esoterik und vielleicht Schizophrenie)), - wie es dann also weiter zum Theater, von dort zur Philosophie (Adorno-Erlebnis), von dort zum Beruf, der akademischen Laufbahn und dann zum Feminismus geht - das ist einfach eine Verkettung, eine Abfolge, der man gerne nachgeht.

Diese feinen Beobachtungen, z. B. über die historischen Zäsuren, die die Weltkriege in die Menschen geschnitten haben (143 f) Wie ihrer Eltern mit ihrer eigenen Jugend in die Vorkriegszeit vor WK 1 hineinreichten und was sie damit ganz zwanglos mitbekommen hat. Wie viele ältere Menschen heute den 2. großen Krieg eben auch als kulturelle Zäsur noch im (Alltags-)Bewußtsein haben.

S. B´s Mutter war ausgebildete Sängerin - aber wenn sie sang, wehrte sie das Kind dagegen. Sie habe ihr mit "aller Kraft auf die Brust geschlagen, um der Singerei ein Ende zu machen. Das habe die Erwachsenen erheitert. Was mag die kleine Spießerin dazu veranlaßt haben? Ich ahne es. Es war die künstliche Exaltation und die erotisch eingefärbte flutende Emotionalität, die in solchen Musiken zum Ausdruck kommt und die im verwirrenden Kontrast zur bürgerlichen Verläßlichkeit meiner Mutter stand." (S. 114 f) Allein für diese Passage lohnt sich das ganze Buch.

Ich bin ja nicht immer ganz gerecht mit dem Büchlein umgegangen. Manches kommt mir vor wie der (vermeintliche) Feinschmecker, der ausruft: "Wie kann man denn nur italienischen Thymian an diese Speise machen - da gehört doch unbedingt südfranzösicher dran!" (Worauf der Koch dann antworten mag: "Hm, eigentlich ist ja gar keiner dran ...)
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 28.12.2008, 20:06:21    Titel: Silvia Bovenschen - Schlimmer machen, schlimmer lachen Antworten mit Zitat

Silvia Bovenschen - Schlimmer machen, schlimmer lachen

Gekauft hätte ich mir nach "Älter werden" ja kein weiteres Buch von S. B., weil: Besser kann's nicht werden, dachte ich, und an wissenschaftlicher Essayistik bin ich nicht interessiert.

Da nun aber "Schlimmer machen, schlimmer lachen" als Weihnachtsgabe auf mich gekommen, habe ich natürlich damit angefangen und (und die Einleitung des Herausgebers Düttmann schnellstens überschlagen; bloß so ein unverdrossen zwischen Nietzsche und Heidegger herumadornierender postmoderner Überbauklempner)

Der Titel ist übrigens einem Nietzsche-Gedicht entlehnt, dem ich hiermit mindestens einen gelungenen Vers zugestehe. (Unter Freunden, aus Menschliches, Allzumenschliches)

Und die Freundschaft behandelt auch der erste Essay des Buches, zeitgeschichtlich, historisch, psychologisch, politisch, alles drin. Allein die Literaturliste für diesen Artikel wird dem Bibliophilen als Leckerei allerersten Ranges erscheinen. Aber wie sie das macht, den Begriff und die Sache "Freundschaft" zu umkreisen und zu entfalten, das ist das Beste, was ich seit langem in dieser Art gelesen habe. Allein die paar Zeilen, die eine gewisse (strukturelle?) Gemeinsamkeit zwischen einer Freundschaft und einem literarischen Essay aufzeigen, klingen lange im Kopf des Lesers nach. Und die ganz fast nur angedeutete Überlegung, inwiefern ein Schreibender sein Werk den Lesern freundschaftlich anempfiehlt, mag beim Leser fruchtbare Überlegungen über das Wesen eines literarischen Kommunikationsprozesses anstoßen, beim Schreibenden die Welt seiner Hoffnungen und Wünsche umfassen.

Und das Buch hat noch viele Kapitel.

Grüße, Peter Sense
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 10.01.2009, 21:54:17    Titel: Antworten mit Zitat

Die ich inzwischen - teilweise nur quer - gelesen haben. Gründlich lohnt nicht, es sei denn, man möchte sich wirklich hier oder dort germanistisch weiterbilden. (Vor allem in generativer, repetitiver Essaystilistik) Thematisch finden wir vieles aus dem oben bespochenen Werk wieder. Es sind nicht die Themen, die ennuyieren, es ist ihre Hervorbringung.

In der Kurzfassung, durch die autobiografische Brille: 1a, wunderbar, überaus anregend.
In der "wissenschaftlichen" Langfassung: Lang halt. Es fehlt das Leben.

Allerdings - der 1. Aufsatz "Zur Freundschaft" lohnt wirklich. Das ist unaufdringlich und kenntnisreich serviert, originell, und geht auch weit über die Andeutungen im "Älter werden" hinaus.

Nun, vielleicht liest das ja hier jemand. Dann sollte nicht zu viel auf einmal kommen.

Grüße, Peter Sense
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 21.01.2009, 15:00:38    Titel: Antworten mit Zitat

Wer wird schon schlauer auf Dauer?

Nach den eher enttäuschenden, von der kleinen Münze des essayistischen Alltagsgeschäfts (und zuweilen auch mangelnden Widerspruchsgeist gängigen politischen Vorurteilen gegenüber) geprägten Aufsätzen in der Mitte des Buches wird es gegen Schluss noch einemal richtig spannend. Zum Beispiel in den Artikeln über das Lesen und in den zugehörigen Rezensionen. Da gehte es unter der Überschrift "Bibliomanie oder Wer wird schon schlauer auf Dauer" darum, was die Bücher mit uns machen, und über die "nahezu kritiklose" Hochschätzung der Bücher-Kultur.

Sicher, sie kommt nicht auf die Idee, das bereits stattgegefundene Verenden der Kultur im Spätkapitalismus zu benennen, wo sie doch ihrem Ziehvater Adorno die komplette Frühdiagnose hätte entlehnen können, aber ihre Symptombeschreibungen und sozusagen die Ableitung erster Stufe sind einwandfrei

"Das Buch zehrt von der Ideologie der Spontanität, der Vorstellung nämlich, daß die selbstentwickelten Bilder weniger an der allgemeinen Lüge teilhaben als präfabrizierte Ausdrucksformen. Was macht die Bücher so immun?"

Ein gescheite Frage. Sie bleibt auch dann noch offen, wenn man auf die Behämmerung der wichtigsten Sinneskanäle durch Film/Video hinweist, (was Bovenschen nicht tut) die die das zarte Pflänzchen kritischer Gedanken, das Begreifen im eingentlichen Sinne, oft genug von vornherein verdorren lässt.

Für diejenigen, die sich vielleicht selber ein bisschen von der Bücher- und Lesesucht befallen fühlen - naja, schlauer machen wird es sie vielleicht nicht, aber Spaß machen.
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Verfasst am: 21.01.2009, 15:00:38    Titel: Ähnliche Themen

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