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Bernhard Schlink und Christian Klar

 
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Madge
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BeitragVerfasst am: 19.07.2008, 15:02:25    Titel: Bernhard Schlink und Christian Klar Antworten mit Zitat

"Ein Wochenende“ von Bernhard Schlink
und mit Christian Klar


"Marko ließ nicht locker. "Ich will nicht, dass du dich auf alles und jedes einlässt. Aber wir brauchen Dich. Wir wissen nicht, wie wir gegen das System kämpfen sollen. Wir streiten und streiten, und manchmal machen ein paar von uns eine Aktion, und es brennt vor der Bundesanwaltschaft oder gibt einen Alarm im Bahnhof, und die Züge haben Verspätung, aber das ist Kinderkram. Dabei könnten wir zusammen mit den muslimischen Genossen wirklich was reißen. Die mit ihrer Power und wir mit dem, was wir über dieses Land wissen - gemeinsam könnten wir da zuschlagen, wo's echt weh tut. Aber dann kommen die, die sagen doch nicht mit denen, dann können wir genauso gut mit den Rechten, und ein paar sagen, genau warum nicht auch mit den Rechten, und dazu gibt's die alten Diskussionen.“ S. 58


Ein bezeichnendes Zitat aus Bernhard Schlink „Das Wochenende“ Es handelt – ist ja klar - von dem Wochenende, an dem der Ex-Terrorist Jörg aus dem Gefängnis entlassen wird. Er soll es mit ehemaligen Freunden und Sympathisanten auf dem von der Schwester in Brandenburg erworbenen Anwesen verbringen. Die ehemaligen Freunde aber sind sich und ihm fremd geworden. Ein junger neuer „Revolutionär“ hingegen will eine Erklärung , mit welcher der - vielleicht auch mit „muslimischen Genossen“ - weitergehende Kampf inspiriert werden könnte. Aber es stellt sich heraus, dass der Entlassene an Krebs leidet, sein Leben eigentlich nur noch eine Frist in Freiheit ist. Dafür aber kommen sich andere Menschen nahe in diesem Haus in Brandenburg – zum Beispiel sein ihn verachtender Sohn mit der Tochter des arrivierten mittelständischen Unternehmers. Oder ein Karrierejournalist – bislang immer liiert mit eleganten, dünnen, Frauen, entdeckt seine Neigung zu einer rundlichen, warmherzigen, gänzlich unauffälligen Frau.

Es ist so: Dort wo Schlink Mitmenschliches beschreibt, da geht es an, da hat er ein Gefühl für Situationen und Sehnsüchte und da passiert sowohl Überraschendes als auch Rührendes.
Dort wo er Politisches abhandelt, da ist er ein - in der politisch so umworbenen Mitte - beheimateter kleiner Geist.

Die Debatte unter den Protagonisten rankt sich um die – auch in der veröffentlichten Meinung im Zusammenhang mit Christian Klar - abgehandelten Themen.
Wie man Unschuldige habe töten können?
Warum man nicht bereut?
Warum man die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns nicht sehen wolle?
All diese sattsam bekannten Diskurse werden auch hier abgehandelt. Im Grunde ist dieser Jörg ein erledigter Mann: Die Sache mit dem Krebs ist aus meiner Sicht aber auch so ein Kotau vor dem Zeitgeist – die Terroristen „gehen ein“. Na, Gott sei dank. Ein Lehrstück, ein pädagogisches Werk mit einigen kleinen Preziosen darin, wenn es eben nicht um Politik geht.

Immer und immer wieder macht Schlink deutlich, wie „uncool“ Debatten gegen die Ungerechtigkeit der Welt heute sind. Jedenfalls sind sie es in dem Milieu, in dem sein Roman angesiedelt ist. Da sind sie „peinlich“ oder „vorgestrig“. Das mag sein, da sind die einstmaligen Aktivisten in der globalisierten und desillusionierenden Gegenwart angekommen, haben anderes im Kopf. So zum Beispiel das eigene Dentallabor, die eigene unheile Befindlichkeit, die Karriere.

Es ist ein reiner aber segensreicher Zufall, dass es kürzlich im Feature von Deutschlandradio Kultur eine lange, höchst interessante Sendung über Christian Klar gab, der ja – im Gegensatz zum Helden des Buches von Schlink – noch immer unbegnadigt in der JVA Bruchsal einsitzt und jetzt erst Hafterleichterungen bekommt. Ein Journalist hat ein längeres Interview mit ihm geführt.

Es hört sich schon seltsam an, dieses in gemütlichem baden-württembergischen Dialekt klassenkämpferische Theoretisieren.
Er wende sich dagegen, die Geschichte der RAF als Kriminalfall zu behandeln, sagte er. Heute sieht er in der Gewalt kein Mittel des Kampfes mehr sagt er. Seine Argumente sind aber nicht von Mitmenschlichkeit bestimmt, sondern vom brutalen Realismus der Gegenwart. Brutalität und Gewalt sind heute überall. In Zeiten, da die Verlierer der Modernisierung ihre kleinen Stadtteil oder Gebietsterritorien mit hohem Gewalteinsatz gegen andere Gangs verteidigen, ist Gewalt nicht Spektakuläres.
Mag er altmodisch reden, er hat trotzdem in vielem so Recht und das ist das eigentlich Schlimme. Diese Welt - dieser auftrumpfende krankhafte und brutale Kapitalismus - das ist genau das, was wir in den 60er Jahren im Osten nicht erkennen wollten - wir hatten andere Ziele und fanden die westlichen linken Kräfte egozentrisch und wirrköpfig. Aber andererseits: Es ist alles genau so, wie Klar es sagt.

Mein Gefühl wird immer stärker, dass dieser kapitalistische Sieg auch ein Pyrrhussieg sein könnte, für den noch ein hoher Preis zu zahlen sein wird. Alle Bemühungen, das Ende der Geschichte einzuläuten, sind vergebens. Gerade jetzt wird den Menschen immer deutlicher, wie repressiv das gegenwärtige System ist. Auch die ständigen Aufarbeitungskampagnen, die vergangene DDR betreffend, lassen die Menschen nicht den Blick von den Ungerechtigkeiten der Gegenwart abwenden. Es nützt alles nichts.
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peter sense
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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 19.07.2008, 20:58:01    Titel: Antworten mit Zitat

Der Schlink ist nicht nur Rechtsprofessor und Autor, sondern auch Bundesrichter, Co-Autor eines Lehrbuchs über Polizeirecht, mit dem sich quasi jeder Jurist im Grundstudium herumschlägt, er hat ein paar schmuddelige Krimis mit leicht braunem Hintergrund geschrieben, Geschichten zur deutsch - jüdischen sexuellen Unvereinbarkeit, sich aber vor allem mit dem "Vorleser" sehr verdient gemacht, welches Buch nicht nur noch in der letzten Dorfbücherei, sondern auch auf den offiziellen Empfehlungen des Kumis, also dem Lehrplan steht und vermutlich unzähligen Gymnasiasten die Augen geöffnet hat über die Leiden und eigentliche Unschuld (wegen Bildungsmangel, nämlich Analphabetismus) einer KZ-Wächterin, die noch auf dem Todesmarsch der Auflösung 500 überlebende Häftlinge, die in einer brennenden Kirche eingeschlossen waren, hat verbrennen lassen, obwohl sie den Schlüssel zum Öffnen der Tür in der Hand hatte. (Und niemand weiter da war)

So ein Mann ist natürlich bestens als Juror des Heine-Preises der Stadt Düsseldorf geeignet und, wie ich jetzt von Dir erfahre, darf auch beim Aufarbeiten des "Deutschen Herbstes" nicht fehlen.

Also, wenn irgendjemand glaubt, daß Ideologie, falsches Bewußtsein und historische Lüge quasi naturwüchsig, zufällig und im Grunde unfassbar und unpersonal entstehen, der mag sich mit diesem deutschen Ideologen befassen und eines Besseren belehren lassen.
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Verfasst am: 19.07.2008, 20:58:01    Titel: Ähnliche Themen

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