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Erich Mühsam "Tagebücher 1910 - 1924"

 
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Madge
Flohmarktbuchabstauber/In


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Beiträge: 340
Wohnort: Berlin

BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 13:07:18    Titel: Erich Mühsam "Tagebücher 1910 - 1924" Antworten mit Zitat

Erich Mühsams „Tagebücher 1910-1924“ lesen sich sehr spannend. Eine anarchische Lebensführung, linksanarchistische Bestrebungen und ständige Geldnot sowie ständiger Clinch mit dem Vater, der Geld hat, aber nicht bereit ist, die aus seiner Sicht sinnlosen und zeitverschwendenden künstlerischen Ambitionen seines Sohnes zu finanzieren. Die heimliche Hoffnung Mühsams ist der Tod des Vaters und ein halbwegs auskömmliches Erbe. Diese Hoffnung aber wird enttäuscht.

Mühsams Ende war tragisch. Er wurde im KZ Oranienburg im Jahre 1934 ermordet. Vorher brutal gequält und gedemütigt.

Ganz verrückt, aber andererseits in sich von einer gewissen anarchistischen Logik ist sein Verhältnis zu Frauen. Ständig beklagt er den den Mangel an sexueller Betätigung beinahe in jedem Tagebucheintrag. Er hat gerade einen Tripper und die dadurch erzwungene Enthaltsamkeit macht ihn schier wahnsinnig vor Geilheit. So habe ich das auch noch nicht gelesen. Es klingt dramatisch, aber manchmal auch komisch.
Ganz herrlich ist aber die folgende Einlassung
Zitat:
„... ich mache mir (Sorgen) um Jenny (seine damalige fast Verlobte). Dabei sind diese Tage gerade solche besonders herzlichen Gedenkens. Vor genau einem Jahr waren wir zuletzt beisammen, in Berlin bei Mutter Stern am Gendarmenmarkt. Das waren Tage – und Nächte! – Ach Jenny wann werden wir das wieder miteinander erleben?. Ich bin sehr traurig und will jetzt mal nach der lieben Frau sehn, die mir seit dreiviertel Jahren nun die Geliebte ersetzt – nach Zenzl Engler, die sich auch seit vier, fünf Tagen nicht mehr gezeigt hat ....“


Das weitere Leben wird voller Tragik sein. Zenzl Engler wird später Zenzl Mühsam. Sie flüchtet nach Mühsams Verhaftung in die Sowjetunion. Dort wird auch sie immer wieder verhaftet, verbringt lange Jahre in Verbannung und im Lager. Sie gilt als trotzkistische Spionin und als verdächtiges Element. Erst im Jahre 1956 wird sie in die DDR entlassen und lebt hier zum Jahre 1962 in einer bescheidenen Wohnung in Pankow, wo sie an Lungenkrebs stirbt. In diesen beiden Leben spiegelt sich der Wahnsinn des ganzen vergangenen Jahrhunderts.

Man wollte in der DDR natürlich nicht, dass diese lange Lagerhaft in der SU bekannt wird, aber sie bekam wenigstens eine Ehrenpension als Verfolgte des Naziregimes. Das war ja nicht ganz falsch.
Erich Mühsams Texte waren den Mächtigen viel zu anarchistisch und linksabweichlerisch, sie waren ihnen verdächtig, solche unkontrollierbaren Existenzen. Darum wurde damals nur ein Gedichtband veröffentlicht.


Aber die Gedichte sind nicht von Pappe.

Fleischeslust
Küsse mich! Gieb mir die lüsternen Lippen,
himmlische, wilde Hetäre!
Glaubst du, daß sich an unsern Gerippen
Gottes Liebe bewähre?
Glaubst du, es könnte zu ewiger Gnade
jemals die Seele schreiten,
stählt sich der Leib nicht im zeitlichen Bade
ewiger Seeligkeiten?
Liebet einander! Der Herr hat's geboten.
Tu seinen Willen, du Fromme!
Liebe für Liebende! Tod für die Toten!
Wirf ab deine Hüllen – und komme!
Küsse mich! Eine Nacht soll uns schaffen
ewigen Himmels Beglücktsein.
In meine Arme! – Laß' Nonnen und Pfaffen
Gott lästernd keusch und verrückt sein!
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2405

BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 20:55:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Madge,

der Sense nun wieder. Also vom Mühsam, Erich, kannte ich neben dem unsterblichen "Revoluzzer, dem Attentatterich an Prosa eigentlich nur die "Erbtante" - mehrmals mit größtem Vergnügen gelesen. Es scheint daß ich mir die Tagebücher ganz schnell besorgen muss. Bin sowieso, so scheints, gerade etwas in autobiografischer Stimmung. Was macht Silvia Bovenschen? Eigenen Thread dazu aufmachen?

Gruß, Peter Sense4
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Madge
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 19.07.2008, 09:32:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo peter sense,
ja, das Tagebuch empfiehlt sich. Ich bin auf Mühsam nur gekommen, weil ich - ist ja klar - Tagebücher gern lese. So ein fremdes Leben, aber auch so ehrliche Bekenntnisse. Und von da erst fiel mir ein, dass mir eine Freundin kürzlich aus alten DDR-Beständen ein Mühsam-Lesebuch (herrlich) mit Texten und Gedichten von ihm und auch über ihn geschenkt hatte. Ein verrücktes Leben, ein herrlicher Stil, von dem man einiges lernen kann, ein Humor, der mir absolut "was sagt".
Übrigens, was der in seinem Tagebuch über die SPD - angesichts der Bewilligung der Kriegskredite - von damals sagt, könnte von heute sein. Es trifft es immer wieder. Aber man muss auch eingestehen, dass das die Überlebensgarantie dieser Partei bis heute ist. Sie leben so dazwischen - die Sozialdemokraten. Historische Leisetreter und wenn es ernst wird, dann rufen sie: Also, es darf ja nun nicht ausarten!!!!

Eine Mühsam-Glosse handelt vom Dichter Emil Brühwarm, Privatrevolutionär. Schon für dieses Wort müsste man ihn nobilitieren.

Ich denke auch, über das Bovenschen-Buch machen wir einen Thread auf, aber ich habe leider noch nicht angefangen. Ich muss mir gerade was zuverdienen, damit ich mir die Bücher überhaupt leisten kann. Rolling Eyes
Fange aber dieser Tage an.

Gruß
Madge
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Verfasst am: 19.07.2008, 09:32:49    Titel: Ähnliche Themen

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Knabe
Zweitbuchinhaber/In


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BeitragVerfasst am: 11.08.2008, 10:14:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, danke für diese Rezension!

Tagebücher / Briefe von Autoren lese ich gerne. Aber wenn auch noch die sexuellen Regungen so sehr ins Rampenlicht rücken, wird mir etwas mulmig, als ob ich da zu weit ins intime Leben hineingedrungen wäre. Auch bei Novalis beginnt zum Beispiel ein Tagebucheintrag mit: "Früh sinnliche Regungen." - Was geht es mich an? Das schreckt eher vor einem Kauf ab, aber das übrige vom Leben, das du erwähnt hast, machen Mühsams Tagebücher doch wieder reizvoll... ja, vielleicht erscheine ich etwas zu prüde!



Zitat:
Liebet einander! Der Herr hat's geboten.
Tu seinen Willen, du Fromme!
Liebe für Liebende! Tod für die Toten!
Wirf ab deine Hüllen – und komme!
Küsse mich!


Das Gedicht finde ich schrecklich.

Galaterbrief 5,13f: Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!
Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!


Judasbrief 4: Denn gewisse Menschen haben sich nebeneingeschlichen, die schon vorlängst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren




Aber verzeih', wir sind ja nicht in einem katholischen Forum Mr. Green



Gruß
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2405

BeitragVerfasst am: 26.09.2008, 19:44:19    Titel: Antworten mit Zitat

So, habe das Buch nun auch erhalten, nein, nicht vom Flohmarkt abgestaubt, sondern übers Internet bestellt. Und werde sicherlich bald mal davon berichten. Zwischenzeitlich bin ich noch auf eine Besprechung gestoßen, die ich recht lesbar fand + deshalb hier anführe:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7261&ausgabe=200407

An Knabe:
wollte ich mich eigentlich noch zum katholischem undsoweiter äußern, das hat sich aber durch einen anderen Beitrag von dir erübrigt. Aber eine kleine Empfehlung möcht ich mir dennoch nicht verkneifen: Nimm dir doch mal Wedekinds Tabebücher vor.

Grüße,
Peter Sense
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 08.09.2009, 21:40:01    Titel: Antworten mit Zitat

Lange hatte es gedauert, bis die letzte Seite des Buches gelesen war. Dieses Schicksal, ich wollte es auch nicht schnell runterlesen, nahm immer mal wieder das Buch zur Hand. Und ich konnte auch nicht, denn es ist einfach zu traurig.

Diese jahrelange Festungshaft, die ja als "Ehrenhaft" gelten sollte, aber zu immer neuen Verschärfungen und Schikanen führte. Dabei zu lesen, wie Mühsam immer politisch weiterdenkt, es jedenfalls versucht, unter den Bedingungen mangelnder Informationen. Wie Hoffnungen aufflackern, wieder enttäuscht werden, wie die Weltrevolution gleich neben der Tabak- und Kaffeeration steht - stehen muss.

Ich glaube, der Mühsam war ein ganz Großer, im eigenen Leben, in seiner Politik und in seiner Kunst.

Erstaunlich modern, der Mühsam. Hier ein 97 Jahre alter Artikel von ihm.
http://www.anarchismus.at/txt4/muehsam14.htm
Schöne Illustration des Churchill-Wortes: "Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten." Nur: der Mühsam ist nicht so zynisch.
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Forenking






Verfasst am: 08.09.2009, 21:40:01    Titel: Ähnliche Themen

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