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J. M. Coetzee

 
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 09.07.2008, 22:06:55    Titel: J. M. Coetzee Antworten mit Zitat

Hallo,

gibt es hier begeisterte (oder nichtbegeisterte Wink ) Leser von Coetzee? Also, ich meinerseits habe gelesen "Warten auf die Barbaren" und war begeistert. Auch von seinem Romanerstling "Im Herzen des Landes" war ich sehr angetan.

Hier meine Gedanken zu "Im Herzen des Landes":

„Im Herzen des Landes“
- das ist „in der Mitte von Nirgendwo“, ein Ort, wo Magda, die Tochter eines Farmers, zur Bedeutungslosigkeit verkümmert. Niemand entstammt der Steinwüste, kein Mensch, nur Insekten leben dort. Selbst Magda vergleicht sich mit einem Käfer mit Atrappenflügeln. Die Einsamkeit der unfruchtbaren Steinwüste spiegelt sich in Magdas Seele, die sich selbst als „vertrocknete alte Jungfer“ bezeichnet, die glaubt, schon in ihrer Jugend, Spuren ihrers Alterswahnsinns entdeckt zu haben.

„Dies ist ein Land, das für Insekten gemacht wurde, die Sand fressen und ihre Eier in Insektenkadaver legen und keine Stimme zum Schreien haben, wenn sie Sterben".

Da es sich um Südafrika handelt, ergibt die die Frage, warum überhaupt Menschen dieses Land besiedelt haben, warum überhaupt Weiße sich als Kolonialherren festgesetzt haben, die glauben, hier in diesem „Nirgendwo“ das sagen zu haben, sich Schwarze als Leibeigene halten, obwohl das Land nur für Insekten heimisch ist. Das stimmt nachdenklich.

Der herrische Vater, Angst und Schrecken verbreitend, missachtet seine Tochter. Für ihn ist sie nur das Aschenbrödel am Herd.

„Mein Vater erzeugt Abwesenheit.Wo er auch hingeht, er hinterläßt Abwesenheit. Vor allem Abwesenheit seiner selbst – eine so kalte, so düstere, so verschlossene Abwesenheit, daß sie eigentlich eine Abwesenheit ist, ein sich bewegender Schatten, der sich wie Mehltau aufs Herz legt.“

Magda, ungeachtet,von sexuellem Fantasien besetzt, rächt sich blutig, als ihr Vater die junge Frau eines Vorarbeiters ins Bett holt.

„ ...vielleicht ist die Wut auf meinen Vater einfach Wut über die Verletzungen der alten Sprache, der korrekten Sprache, zu denen es kommt, wenn er Küsse und Pronomen der Intimität mit einem Mädchen tauscht, das gestern die Fußböden schrubbte und heute die Fenster putzen sollte.“

Eine unmögliche Tat, die sämtliche Rassenschranken verletzt. Auch in Doris Lessings Roman „Afrikanische Tragödie“ geht es um Verletzung von Rassenschranken und Rache. Bei Lessing ist aber alles in realistischer Weise erzählt. Im Roman von J.M. Coetzee können wir uns nicht sicher sein, ob Magdas Blutrache wirklich geschehen ist, oder ob sie nicht unter Gewaltfantasien steht. Auf jedenfall bleibt dem Leser nichts erspart. Starke Nerven sollte er schon haben, wenn die Axt blutig auf das Opfer saust. Denn Coetzee ist nicht zimperlich, und schreibt detailliert. Das großartige ist, bei Coetzee lässt sich das lesen, nicht so wie ein billiger Horrortrip. Die Distanz bleibt doch gewahrt, ein Blutrauschroman ist es nicht, auch wenn Coetzee den Leser schockieren kann wie in diesem Vergleich:

„Auf dem Fußboden sind Spritzer von getrocknetem Blut, und der Vorhang ist verklebt von Blut. Ich bin nicht zimperlich bei Blut, ich habe gelegentlich Blutwurst gemacht,...“

Die Frage, wer im Roman die Bestie ist, wird gestellt. Ist es Magda mit ihren Gewaltfantasien, der schrecken- und angstverbreitende Vater, oder Hendrik, „der beleidigte Ehemann, der vom Stiefel seines Herrn niedergetretene Leibeigene, der sich erhebt, um nach Rache zu schreien?“ Das Böse lauert überall.

„Im Herzen des Landes“
ist nichts anderes als ein innerer Monolog einer alternden Jungfer, eine Art Seelenbekenntnis. Schonungslos, verstörend, hinreißend erzählt.

Liebe Grüße
Josilin
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Rulaman
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BeitragVerfasst am: 10.07.2008, 08:02:49    Titel: Antworten mit Zitat

Vor Jahren habe ich "Schande" von Coetzee gelesen, zu lange ist es her, als dass ich detailliert meine Meinung dazu kund tun könnte, allerdings erinnere ich mich daran, dass es mich literarisch zumindest nicht so sehr begeistert hat, als dass ich sofort weitere Bücher von ihm gelesen hätte. Jedoch ist natürlich die Thematik nicht uninteressant gewesen. Ein alternder Professor muss wegen seinem Verhältnis zu einer Studentin die Uni verlassen (oder tat er es schließlich freiwillig?, ich weiß nicht mehr) und zieht zu seiner Tochter aufs Land, wo sie in den Wirren nach Ende der Apartheid Opfer exzessiver Gewalt werden, mit der beide auf unterschiedliche Art und Weise versuchen umzugehen.
Das Buch ist in jedem Fall lesenswert! Auf Preise sollte man zwar nicht unbedingt etwas geben, aber für "Schande" hat er immerhin den "Booker Prize" erhalten. 16 Jahre zuvor bekam er ihn bereits schon einmal für "Leben und Zeit des Michael K."
Grüße
Rulaman
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 10.07.2008, 08:42:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rulaman,

"Schande" steht als nächstes auf meinem Programm. "Das Leben des Michael K." möchte ich erst nach einer Kafkalektüre ("Der Proceß") lesen. Interessant finde ich, das gerade schon die ersten beiden Romane hervorragend sind.

Sein zweiter Roman "Warten auf die Barbaren" hat wohl dazu beigetragen, dass er den Nobelpreis bekam. Auch hier geht es, wie "Im Herzen des Landes", darum, dass das Böse überall zu finden ist, sei es in den brutalen Kolonialherren, die mit aller Brutalität gegen die (angeblichen) Barbaren vorgehen, oder in dem "guten" Magistraten, der am liebsten das alles gar nicht mehr erleben möchte, sich nur ein ruhiges Rentenleben wünscht, aber eben auch nichts gegen die brutalen Kolonialherren unternimmt, bzw. unternehmen kann.

An der Figur des Magistraten zeigt J.M. Coetzee in erschütternder Weise, wie schnell ein Mensch durch Folter und Schmerzen gebrochen werden kann. Alle Menschlichkeit gebrochen, wie ein Hund vegetiert, der in irgendeinem Winkel vielleicht bedeutungslos zu Tode kommt.

Hier noch ein beeindruckendes Zitat aus dem Roman:

"Ich starre den ganzen Tag lang die leeren Wände an, weil ich nicht glauben kann, dass die Spuren der in diesen Mauern zugefügten Schmerzen und Demütigungen sich unter einem Blick, der eindringlich genug ist, nicht offenbaren werden; oder ich schließe die Augen und versuche, mein Gehör zu schärfen für die unendlich leisen Töne, die von den Schreien aller, die hier gelitten haben, stammen müssen und noch von Wand zu Wand wiederhallen. Ich bete, dass der Tag kommt, an dem diese Mauern eingerissen werden und die ruhelosen Echos schließlich entweichen können; obwohl es schwer ist, das Geräusch von Ziegel zu Ziegel beim Mauern ganz in der Nähe zu ignorieren."

Es sind eben auch solche Passagen, die mich beeindrucken.

Liebe Grüße
Josilin


Zuletzt bearbeitet von Marquis de Josilin am 11.07.2008, 08:47:29, insgesamt einmal bearbeitet
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Rulaman
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BeitragVerfasst am: 11.07.2008, 08:25:49    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen Marquis de Josilin,
hast Du heute schon die Süddeutsche gelesen? Wie der Zufall es will, wird dort heute von Ijoma Mangold das neue Buch von Coetzee, "Tagebuch eines schlimmen Jahres", besprochen. Am Ende weiß man allerdings nicht recht, was man davon halten soll. Neugierig jedoch wird man in jedem Fall.
Grüße
Rulaman
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 11.07.2008, 13:31:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

vor allem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, warum man den Roman wie eine Partitur lesen muss. Die Rezensenten von der "SZ" und "Die Zeit" stehen beide vor der unbeantwortbaren Frage, wie man den Roman nun lesen soll. Mr. Green

Hier die links, die zu den Rezensionen führen:

SZ

Die Zeit

J. M. Coetzee, der Erfinder des Partiturenlesens im Roman. Interessant und experimentiell. Übrigens vorgenommen, ab Sonntag "Schande" zu lesen. »Tagebuch eines schlimmen Jahres« muss noch warten....

Liebe Grüße
Josilin
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Verfasst am: 11.07.2008, 13:31:30    Titel: Ähnliche Themen

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