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Josef Winkler

 
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Cut&Paste
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Anmeldedatum: 08.01.2008
Beiträge: 30
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BeitragVerfasst am: 11.03.2008, 23:23:35    Titel: Josef Winkler Antworten mit Zitat

In der inzwischen verstorbenen Leserunde zu Arno Schmidts "Die Gelehrtenrepublik" hat Costa folgende Verbindung zu Josef Winkler gezogen:

Costa hat Folgendes geschrieben:
Zwar erfreut sich Schmidt an seinem lockeren Umgang mit der Sexualtiät, meiner Meinung nach, aber nicht mehr als einfacher, natürlicher (und auch schon pervertierter) Teil des Lebens - er drängt mit seinem Fokus nicht so extrem auf das Thema wie etwa Josef Winkler in "Natura Morta".

Was ist "Natura Morta" für ein Buch, diese Trias von "Blut, Sperma, Kruzifix"? Ich habe den Namen Josef Winkler das erste mal gelesen, als seine Novelle Roppongi letztes Jahr herauskam. Diese habe ich inzwischen gelesen, ob ich aber jemals etwas anderes von ihm lesen werde oder gar möchte: ich weiß es nicht, die Chancen sind eher gering.

"Roppongi" ist, finde ich, ein einzigartiges Buch: schlechte Literatur mit der Wirkung von guter.

Schlecht, weil schlampig, fehlerhaft, spannungsarm geschrieben über Dinge, die mich im Detail überhaupt nicht interessieren oder neugierig machen (schon klar: mein Fehler).

Von guter Wirkung, weil sie, die Novelle bzw. einige ihrer Stellen, in mir gewisse Gedankengänge angeregt, bestimmte Erinnerungen an Orte und Tode wachgerufen haben, winklersche Antworten gaben auf Fragen, die sich auch mir so gestellt aber anders beantwortet haben; weil sie, die Novelle bzw. einige ihrer Stellen bzw. die dadurch angeregten mentalen Vorgänge, mich getroffen haben weil sie mich betroffen haben - so wie es gute Literatur kann und soll, wie schlecht sie handwerklich auch sei.

Hat jemand von Euch "Roppongi" gelesen?

Ärgerlich fand ich zum Beispiel und beklagte es bereits in der Gelehrtenrepublik-Leserunde, dass ich nicht verstehe, warum Winkler es mit dem Alter seines Sohnes Kasimir nicht so genau nimmt, trotz der ansonsten über die Novelle verstreuten, sehr präzise aussehenden diversen Alters- und Jahresangaben. Hat es vielleicht damit zu tun, dass seine Altersberechnungen systematisch um ein Jahr von der "bei uns" üblichen Zählweise abweichen? Auf Seite 95 sagt er, dass er kurz nach dem Tod von Papst Johannes XIII. elfjährig gewesen sei: Winkler ist am 03.03.1953 geboren, der Papst starb am 03.06.1963. Winkler war also 10, nach alter japanischer Zählweise allerdings in der Tat 11 Jahre alt. Wer weiß - aber selbst dann geht die Rechnung nicht ganz auf.

Ärgerlich ist auch, dass Winkler sich nicht einmal bei seinem Sohn erkundigt, wie die Karten, die er ihm in einem Spielzeugladen auf Seite 61 gekauft hatte, denn nun wirklich heißen: angeblich waren es "Yogyo-Karten". Selbst Google hat davon nie gehört. Waren es vielmehr Yu-Gi-Oh!-Spielkarten? Hat er ein so gestörtes Verhältnis zu seinem Sohn, dass er sich nicht mal seine Karten zeigen lassen und ihn nach seinem genauen Alter fragen kann? Liegt es an seinem gestörten Verhältnis zum eigenen Vater?

Ist es Winklers Schlampigkeit, die des Suhrkamp-Verlags oder die des dort allzufrüh hinwegrationalisierten Lektors, dass bei ihm der Regisseur des Films "Im Reich der Leidenschaft", den er sich auf Seite 141 eines Mitternachts in einem Berliner Kino im japanischen Original angeschaut hatte, "Nagisha Oshima" heißt?

Was soll ich davon halten, wenn jemand, der nicht einmal den Namen eines ihm bekannten Regisseurs richtig schreiben kann, auf Seite 113 behauptet, dass die in den indischen Beerdigungsritualen auf dem Ganges eine bedeutende Rolle spielenden Tagetesblüten, die er auch als "Marygold" bezeichnet (hieß es nicht "Marigold"?), bei den Azteken "Cempazuchitl" genannt würden? Mein Schulaztekisch reicht leider nicht aus, um das beurteilen zu können. Der Eine ist halt gebildet und belesen, der Andere nicht.

Dafür beherrscht er die Landessprache am Ganges nicht, wie er in "Roppongi" immer wieder bekennt, obwohl er sich monatelang vor Ort aufhält. Zeit genug zum Vokalbellernen hätte er gehabt, aber offenbar nicht genug Platz für ein hindisch-österreichisches Wörterbuch, zumindest nicht in seiner ledernen Umhängetasche, mit der er Tag für Tag sein "gleich hinter dem Goldenen Tempel bei den Buchbindern" auf Seite 121 gekauftes rotes indisches Notizbuch, sein ebenso indisches Tintenfässchen und seinen Pelikanfüllfederhalter von Ghat zu Ghat trägt, um mit deren Hilfe seine Gedanken zu verschriftlichen. Die Ghats definiert er auf Seite 112 als "die steinernen Treppen" am Ganges, nachdem er ebd. sich pleonastisch "auf die steinernen Treppen des Assi Ghats" gesetzt habe. Er scheint - ob zu Recht oder nicht kann ich nicht wissen, da in dem für meine Allgemeinbildung verantwortlichen Bundesland die Steuermittel für den Sanskrit-Unterricht mal wieder nicht gereicht haben - er scheint unter "Ghat" weniger die Treppen als die Orte dieser Treppen zu verstehen, denn wie könnte er auf Seite 156 "durchs Assi Ghat gegangen" sein, ohne bislang unerwähnt gebliebene übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen. Aber, schon zu meiner Kindergartenzeit, als meine älteren Geschwister mit Gehapatronenfüllern zu schreiben lernen sich mühten, schienen mir Kinder mit Pelikanfüllern irgendwie anders zu sein.

Nicht gerade ärgerlich aber doch irritierend finde ich die folgende Beschreibung der Familienverhältnisse, in denen Winklers Frau als Kind in Indien auf Seite 19 aufwuchs:

Zitat:
Kristina war als Kind vom vierten bis zum achten Lebensjahr mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in Indien, in Rourkela, in einer eisenerzreichen Gegend des indischen Bundesstaates Orissa, wo in den Sechzigerjahren ihr Vater als Ingenieur am Bau eines der modernsten Stahlwerke der damaligen Zeit mitarbeitete, das unter der Oberaufsicht der "Hindustan Steel Limited" von 35 großen deutschen und indischen Firmen errichtet wurde.

und weiter auf Seite 22:

Zitat:
In den vier Jahren ihres Indien-Aufenthaltes mit Eltern und Geschwistern ging Kristina in den indischen Kindergarten, später in die deutsche Schule. Einmal, so erzählte sie, als während eines heftigen Monsunregens die ganze Familie auf der überdachten Terrasse des Bungalows saß, näherte sich ihnen eine lange schwarze Kobra, die sich aber, als ihr Vater einen Korbsessel aufhob und mit den Stuhlbeinen voran auf die Schlange zuging, sofort verzog, in Sekunden verschwunden war und nie mehr wiedergesehen wurde. Eine Brillenschlange soll sich an einem warmen Nachmittag zwischen zwei im Bett schlafende Zwillinge gelegt haben. Als sich die beiden Kleinkinder beim Aufwachen bewegten, biß die Schlange zu und tötete sie. Die Familie reiste mit ihren toten Kindern nach Deutschland und kehrte nicht mehr nach Indien zurück.

"Zwei schlafende Zwillinge" klingt so, als ob es auch drei oder vier hätten sein können, als ob es noch andere Zwillinge in der Familie gegeben hätte (was nicht sein kann, da Kristina genau 2 Schwestern hatte, wenn sich in Indien nicht noch Nachwuchs eingestellt hat), oder als ob es sich um irgendwelche Zwillinge irgendwelcher Familien gehandelt hätte - so unbeteiligt, so beiläufig dahererzählt, so unbestimmt artikuliert, wo doch ein bestimmter Artikel mir Leser Klarheit verschafft hätte. Überhaupt macht Winklers Sprache mir einen schlaffen Eindruck. Die Sätze sind oftmals lang und ohne Spannung. Allein schon der erste Satz oben, direkt am Anfang des zweiten Kapitels: "Kristina war als Kind ... in Indien Komma dies Komma das." Wenn man am Punkt angekommen ist, merkt man, dass der Satz bei jedem Komma ohne Weiteres hätte enden können, da nur noch bedeutungsarmes Beiwerk folgt. Wenn der Satz mit "Kristina lebte als Kind in Indien" begonnen hätte, wäre von vorneherein nicht so ein Spannungsbogen aufgebaut worden wie mit "Kristina war als Kind in Indien ...", den ich nach allem Gekomma durch ein "... aufgewachsen und tat noch dies und erlebte noch das" aufgenommen und weitergespannt zu lesen gehofft hatte. Aber der Satz verpufft einfach so: was soll's? Und später dann nimmt ein einzelner Satz fast die gesamte Seite 100 ein, ohne überhaupt einer zu sein:

Zitat:

Und wenige Tage nach dem Begränbis, als in Kärnten Schnee fiel und die Blumenbuketts und Blumenkränze von einem Schneesturm zugedeckt wurden, die Blätter der Rosen und Nelken zusammenklebten, die Blumenkelche vom Gewicht der Flocken nach unten gedrückt wurden und man im Firn des frischen Neuschnees die Fußabfrücke der Witwe und ihrer Tochter vor dem Grabhügel sehen konnte, die gemeinsam jeden Tag über den lotrechten Balken des kreuzförmig gebauten Dorfes in den Friedhof hinuntergingen, eine Kerze anzündeten und beteten für den frisch Verstorbenen, während wir, Tausende Kilometer von Kärnten entfernt, auf einem anderen Kontinent, um fünf Uhr morgens Roppongi verlassen hatten, mit der Ubahn in ein anderes Stadtviertel gefahren waren und in einer riesigen Fischhalle Hunderte große Thunfische sahen, die mit elektrischen Sägen zerschnitten und filetiert wurden, und abends, als es schon finster war, in Tokio in einer Bar des Park Hyatt Tokyo, in der Nishi-Shinjuku saßen, in der auch Szenen des Films "Lost in Translation" von Sofia Coppola mit Scarlett Johansson und Bill Murray gedreht worden waren, den wir ein paar Monate vor unserer Abreise nach Japan im Klagenfurter Wulfeniakino angeschaut hatten, auch die zweijährige Siri und der neunjährige Kasimir waren dabei.

In ihrer Essenz besagt diese kommaseparierte Satzteilkette:

Zitat:
Und wenige Tage nach dem Begränbis, als in Kärnten man Witwe und Tochter sehen konnte, die gemeinsam beteten, während wir morgens Roppongi verlassen hatten und abends in einer Bar saßen, in der Szenen des Films gedreht worden waren, den wir im Wulfeniakino angeschaut hatten, auch die Siri und der Kasimir waren dabei.

Es ist zwar kein Satz, aber man versteht ihn.

Befremdlich ist hier auch, dass bei Winkler der Stadtteil Nishi-Shinjuku weiblich ist. Ist Nishi-Shinjuku für ihn die Reeperbahn, die ihm angesichts der Huren und Zuhälter in den Sinn kommt, an denen er auf Seite 99 vorbeikommt, wachskerzensuchend durch Roppongi irrend, weil er Shinjuku in seinem Reiseführer als Tokyos Rotlichtviertel kennengelernt hat?

Da sitzt also der Poet am oder im Ghat, auf einem von der letzten Einäscherung noch warmen Stein, und beobachtet das Treiben am und im Ghat vor und bei und nach den Einäscherungen und denkt sich seinen Teil und schreibt davon einen Teil in sein Notizbuch - und später dann davon einen Teil ins Suhrkamp-Bändchen -, Tag für Tag, Monat für Monat, immer wieder aufs Neue. Dabei wiederholen sich die Aufzeichungen der Erinnerungen an das vergilbte Photo über dem elterlichen Telephon, an die 16-stufige Stiege hinunter in die Küche zur Mutter, vor allem an die häufigen heimatlichen Beerdigungen der Verwandschaft. Bei den vielen Wiederholungen der Erinnerung bleibt es nicht aus, dass diese sich ändert, in Details. Mal erinnert sich Winkler daran, dass die zwei auf dem Photo abgelichteten Zugpferde auf Seite 35 "auch Namen hatten, das eine hieß 'Fuchs', den Namen des anderen Pferdes weiß ich nicht mehr", mal erinnert er sich auf Seite 71 an "Zugpferde, die schwarze, schon alte Onga und der braune Fuchs". Vielleicht ist es wie bei der schwarzen Kobra, die nicht die Brillenschlange war, oder bei den Zwillingen, die nicht die Zwillinge waren, dass der Fuchs gar nicht 'Fuchs' hieß und dass Winkler den vergessenen Namen der alten 'Onga', die vom Vater auf Seite 78f nach dem Anger des heimatlichen Totenliedes "Trog mi ause übern Onga ..." benannt worden war, doch nicht vergessen hat. Wie das Gedächtnis eben so spielt. Das erklärt auch Kasimirs Altersunterschiede.

Die vielen Erinnerungen - das indische Notizbuch mit indischer Tinte und nicht-indischem Füller, das Telefon mit dem mal vergilbten mal braunstichigen Photo vom Vater und den Zugpferden, die 16-stufige Stiege in die Küche, die Blumen auf den Särgen der heimatlichen Toten - und die Art, die Erinnerungen zu wiederholen, erinnerten mich wiederum an die Wiedererkennungsmelodien im thematisch ohnehin naheliegenden "Spiel mir das Lied vom Tod" und an die Schlüsselworte in den "Buddenbrooks" beim Auftreten einiger Romanfiguren und an die Wirkung auf den Zuschauer bzw. Leser. So wie Ennio Morricone jedem Hauptdarsteller - und auch Claudia Cardinale - im Spiel vom Tod ein musikalisches Motiv ankomponiert, an dem ihn der Zuschauer wiedererkennt noch bevor er ins Bild kommt, lässt Thomas Mann seine Figuren mit immer wiederkehrenden stichwortartigen Beschreibungen von Haltungen, Redensarten, Gewohnheiten auftreten: Tony, die versucht mit zurückgelegtem Kopf das Kinn auf die Brust zu nehmen, dabei versichernd keine Gans mehr zu sein; die mit einem leicht knallenden Geräusch auf Zehenspitzen stehend die Stirn ihrer Zöglinge küssende Sesemie Weichbrodt; die mager und ältlich dasitzende und alles in Reichweite Essbare behutsam verzehrende Klothilde - Stichworte, die dem Leser spätestens beim übernächsten Mal so bekannt vorkommen, dass er meint, er erinnere sich nicht an diese Worte sondern vielmehr an die betreffende Person. Leseerinnerungen an Worte werden zu Lebenserinnerungen an vertraute, persönliche Bekannte.

Aber letztendlich nutzt Winkler doch nicht diesen Mann-Morricone-Effekt, mit gezielten, sparsamen Wiederholungen den Leser mit dem Beschriebenen vertraut zu machen, ihn in das Beschriebene hineinzuziehen. Dazu sind die Wiederholungen entweder zu kurz oder zu lang. Von der 16-stufigen Stiege kennen wir nur die Anzahl der Stufen, nicht aber Winklers dortige Erlebnisse. Das vergilbte Photo ist Ausgangspunkt ausgedehnter Streifzüge durch die Erinnerung entlang ähnlicher, aber nie identischer Pfade, die meist zu irgendeiner Beerdigung führen.
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 18.06.2008, 00:08:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Cut & Paste,

"Roppongi" habe ich nicht gelesen aber gerne deine Ausführungen darüber.

Gestern las ich eine Meldung, Winkler bekomme den Büchner-Preis 2008.

Sehr erfreut war ich, las ich doch zufällig gerade erst von Winkler "Das Zöglingsheft des Jean Genet", eine herrliche Einführung zu Leben und Werk Genets.

Anlässlich des Büchnerpreises veröffentlichte"Die Zeit" einen sehr schönen Überblick zu Winkler. Siehe hier.

Lesebereit liegt "Natura morta" Very Happy

Liebe Grüße
M. de Josilin
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 19.10.2008, 13:57:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Cut & Paste,

du hast mal gefragt nach

Natura Morta, Eine römische Novelle

Ein Markt in Rom, auf der Piazza Vittorio Emanuele, dort zentriert sich die Novelle, wobei, wie der Titel schon verrät, die Aufmerksamkeit auf leblose Gegenstände gerichtet wird, wie sie in der bildenden Kunst seit dem Barock in Form von Stilleben üblich sind. Darstellung von Obst, Blumen, Fisch, Jagd -, Küchen – und Waffengegenständen u.a. So auch in der Novelle. Da kullern Granatäpfel die Ubahntreppe hinunter, als ob der Spaziergänger nur den Äpfeln folgen braucht, um auf den Marktplatz zu kommen, einem Bettler liegt ein Heiligenbild zu Füßen. Der Erzengel sticht am Höllenrand stehend mit einem Schwert einen Dämon nieder. Ein Knabe tastet seinen Hosen schlitz ab, ob er geschlossen ist, weil er sich von jemanden beobachtet fühlt. Mit der Ubahn an der Piatta, dem Marktplatz angekommen, lesen wir von einem Macellaio, der mit einem Hackebeil den Kopf eines Schafs auseinander spaltet, das Gehirn dem Schädel entnimmt, die Gehirnteile auf ein fettiges rosarotes Papier legt, es wird sogar erwähnt, das Papier habe Wasserzeichen. Diese ins Detail gehenden Blicke, die den normalen Marktbesucher entgehen, zeichnet der Autor wie in einem Stilleben nach.

Schon auf den ersten Seiten erkennen wir Zusammenhänge zwischen Heiligenfiguren, Eros und Tod. Die Sprache ist sehr markant visuell und alles erscheint uns sehr direkt. Übrigens ist es auffallend, das Körpersäfte eine große Rolle spielen. Da spritzt der Saft aus einer Zitrone, der Kittel des Fleischers blutverschmiert, verschmiert auch rostbraune Fischgalle auf einem Oberschenkel und Sätze wie diese:

Winkler hat Folgendes geschrieben:
Eine Biene saugte sich an weißen schleimigen Calamariringen fest,..

In den Löchern der tödlichen Schußwunde in der Stirn von zwei an Fleischerhaken hängenden, leichenweißen Kuhköpfen steckte das Preisschild.


Im Markttreiben ist der Tod allgegenwärtig und macht auch vor der Kirche nicht halt. Josef Winkler kritisiert die katholische Kirche mit eindrucksvollen Bildern, da ist nicht nur der Sohn einer Feigenverkäuferin, der auf seinem Kruzifix herumbeißt und mit Speichel benetzt, wir begegnen in der Pilgerstadt Bilderchen von Heiligen, die im Umkreis von Ständen mit totem Rindschfleich und Fischkörpern ihren blutigen Mäytyrertod erleiden und ausgerechnet auf dem Petersplatz hängt dem Jungen (wohl versehentlich) sein Geschlechtsteil aus der kurzen Hose heraus. Es ist die Macht der Bilder, die ihre zielgerechte Wirkung zelebrieren. So ist mit Sicherheit die Dornenkrone Christi gemeint, wenn von den „irgelstachelartigen, aus dem Stirnfleich ragenden schwarzen Chirurgenfäden“ die Rede ist. Als das Unglück, der Plot der Novelle, hereinbricht, regnet es sturzbachartig, als ob die Natur mit ihrem Saft alles reinwaschen will, sogar das Märtyrium des Heiligen Sebastian, weches ein Straßenmaler auf dem Asphalt gemalt hat, wird weggespült.

Eine sehr interessante Rezension hat Stefan Wackwitz in der FAZ geschrieben. Er glaubt, >>Das wichtigste Stilelement der Novelle „Natura morta“ scheint Josef Winkler Kafkas Erzählung Der Jäger Gracchus entlehnt zu haben.<<

Josef Winkler erhält am 01.November 2008 den Büchnerpreis

Liebe Grüße
Marquis de Josilin
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 04.12.2009, 08:41:35    Titel: Antworten mit Zitat

Josef Winkler: Der Leibeigene

Mit der Romantrilogie „Das wilde Kärnten“ (Menschenkind 1979, Der Ackermann 1980, Muttersprache 1982) tritt Josef Winkler erstmals in die Öffentlichkeit und gewinnt 1979 mit „Menschenkind“ den zweiten Platz ders Ingeborg-Bachmann- Preises. Im Roman „Der Leibeigene“(1987) wird diese Thematik fortgeführt. Winkler schreibt von einem patriachalisch unterdrücktem Leben in Kamering, einem Dorf in Kärnten, gleichzeitig der Geburtsort Josef Winklers. Er schreibt und windet sich gegen den Erzkatholizismus, gegen Hetze und Vorurteilen gegenüber Homosexualität (nicht zufällig sind seine literarischen Vorbilder Jean Genet und Hans Henry Jahnn). In dieser bedrückenden Atmosphäre fühlt sich der Erzähler vom Tod magisch angezogen. In geradezu expressionistischen Visionen nähert sich Winkler dem Morbiden und richtet sich gegen den strengkatholischen Wahn, der das Leben an sich zunichte macht. Neben expressionistischen Blicken führt auch eine realistische Schau der Dinge zu erstaunlichen Erkenntnissen:

„Wie auf einer Bergspitze ist auf der höchsten Erhebung des Friedhofsabfallhaufens ein Kruzifix angebracht. Wenn die Klausnerliese die Kirche ausgekehrt hat und wenn am Kirchausgang ein Häufchen Sand, Staub, Ackererde und verdorrte Blütenblätter liegen bleibt und die Kehrichtschaufel an der Kirchenmauer lehnt, taucht sie ein Putztuch in einem mit Waschmittel und Weihwasser gefüllten Blecheimer. Mit Weihwasser wischt sie den Kirchenboden auf.“

Ausgehend von Winklers Schreiben steht der Selbstmord zwei homosexueller Jugendlicher:

„Robert erhängte sich gemeinsam mit Jakob an einem dreimeterlangen Kalbstrick im Pfarrhofstadl. Zehn Zentimeter über dem Erdboden hängend, ineinander verkrallt, mit steifen Ruten, reckten die Erhängten den Dorfbewohnern ihre Zunge.“

Mir gefällt es eben außerordentlich, wie Winkler hier beim Anblick der Toten noch eine sozialkritische Komponente einflechtet. Wunderbar sind auch die Szenen, wenn der Erzähler auf dem Friedhof streift.

„Ich ging auf Jakobs beschneiten Grabhügel zu und hörte jemanden schnaufen. Vielleicht steht ein Toter hinter einem rostigen beschneiten Eisenkruzifix und holt tief Atem?...Ich stellte mir vor, wie jemand mit einem Messer auf zuschreitet, mich tötet und ich über Jakobs beschneiten Grabhügel falle. Blut rinnt aus meinem Mund und sickert in den Schnee, in die Erde hinein, fällt auf Jakobs Sarg und rinnt in seine Nasenlöcher hinein. Jakob schlägt die Augen auf. Er hebt seinen Kopf und wirft den Deckel seines Sarges zur Seite. Er steigt aus seinem Grab und trinkt das restliche, noch warme Blut aus meinem Körper.“

Diese schon vampirmäßige Fantasie geht so weiter, dass Jakob dem Erzähler seine Totenmaske modelliert. Denkt der Leser zuerst, das literarische Ich wünscht, der sinnlose Tod Jakobs solle rückgängig gemacht werden, so wird der Erzähler aber von der magischen Anziehungskraft des Todes angesogen. Außerdem weist das Trinken des Blutes auf eine geschlechtliche Vereinigung hin.

Die Verbindung von Leben und Tod liegt auch im Kalbstrick selbst. Durch Strangulation mit dem Strick werden junge Menschen in den Tod geführt, bei der Geburt eines Kalbes verhilft der Strang aber zum Leben, in dem der Strick um die Waden des jungen Kalbes gespannt und das junge Tier anschließend aus der Mutterleibshöhle einer Kuh gezogen wird. Wenn der achtzigjährige Ackermann Kälber gebiert, trägt er „eine goldene Monstranz auf seinen kahlen Kopf.“ Auf der geweihten Hostie ist „nicht der Leib Christi, sondern der Wassserzeichenkopf seines leiblichen Vaters eingepreßt.“

„Die Stalltiere sind sein Heiligtum und der seit über zwanzig Jahren in der Friedhofserde modernde Leib seines Vaters ist sein Allerheiligstes.“ Hierauf gründet sich sein Famillienpatriachat. Der Patriarch, ürsprünglich der Führer eines Volkes, ist hier der erste Mann im Stall. Nach der Stallarbeit nimmt er eine Oblate, hält sie in seinen Händen und spricht ein Gebet, dann legt er das Geweihte auf seine Zunge.

„Der Leibeigene“ ist kein Roman mit einer Handlung, die zum Plot führt. Stattdessen umkreist Winkler seine Themen. Er kommt immer wieder auf die Hauptthemen zurück, die dann variiert werden. Hierin hat er Ähnlichkeit mit Thomas Bernhard. Im Grunde genommen schreibt Winkler sein Leben lang an einem Buch. Die Themen zirkeln im Gesamtwerk Winklers. Es ist die große Kunst, immer wieder anders von einem und demselben zu erzählen. Das ist keineswegs langweilig, weil Josef Winkler mit einer sehr bildhaften dichterischen Sprache erzählt, die einzigartig ist. Wer bei Winkler doch nach einem Plot sucht, dem sei seine wunderbare Novelle „Natura Morta“ empfohlen, welche als Einführung in das Werk Josef Winklers sehr zu empfehlen ist.

Liebe Grüße
Marquis de Josilin

PS: Hat noch jemand etwas von Winkler gelesen?
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Verfasst am: 04.12.2009, 08:41:35    Titel: Ähnliche Themen

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