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Ulrich Holbein

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 31.10.2017, 21:47:16    Titel: Ulrich Holbein Antworten mit Zitat

Ulrich Holbein

Seit ein paar Tagen laufe ich nur noch mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht herum, welches beinahe so aussehen mag wie jenes, welches frisch Verliebte an sich tragen. Während dieses aber eher vom Bauch her aufsteigt, rührt mein aktuelles Vergnügen vom Kopfe her. Es ist ein literarisches und ein intellektuelles, ein Lesevergnügen voller Überraschungen, Wendungen und Aha-Effekte, serviert in einer Sprache, einem Stil zum Niederknien - wenn ich denn eine Neigung zum Niederknien hätte.

Zunächst lief mir, in einer Bücherschütte, das Suhrkamp-Büchlein "Ozeanische Sekunde" (von 1993) über den Weg. Es brauchte nur wenige Sätze, und ich war weg, eingetaucht in die Ulrich-Holbein-Welt. Schon der Anfang "Bevor alles richtig losgeht" mit einer Frage: "Wo sind wir hier? Hier nicht." verblüfft und macht neugierig. Die weitere Lektüre offenbart, dass wir uns in einer Art virtueller Ursuppe befinden, in der es wabert, stöhnt und strömt. Sind es Seelen, Umrisse, Negative, Blaupausen? - jedenfalls ein üppig bestückter Pool von Möglichkeiten. Paarungen deuten sich an, Koalitionen, Abneigungen, alles ist überaus undeutlich, Schemenhaft und gerade darum so eindringlich. Erste Individualitäten kristallisieren aus und lösen sich wieder auf. Wir befinden uns in "Pränatalien", und es "fühlt sich schön an", wie das "Umrissgewimmel der Männchen" und das "Umrissgewimmel der Weibchen“ pulsiert und sich "Phantomgefühle", Nobodys, Wesenheiten, Astralleiber“ in der Schwebe halten. Dann konkretisiert sich das allmählich, und Eigenschaften, Namen, Beziehungen entstehen.

In weiteren Kapiteln findet die medusenhafte Geburt, das Abstoßen der Individuen von den dahinscheidenden Staatsquallen statt, und wir landen schließlich in einem literarischen Wunderland, einem gewaltigen literarischen Abenteuerspielplatz, betrieben von einem einzigen großen Medienmogul. Insznierung, wohin man schaut; selbst die fortwährenden Attentate auf diesen Literaturmogul sind von ihm selbst inszeniert. Existiert er überhaupt noch oder nur seine Company? Wir besuchen Platons Höhle, machen in ein paar Minuten Heines Harzwanderung und auch Goethes Italienreise dauert kaum länger. Natürlich sind auch Besuche in Kafkas Schloss, auf dem Zauberberg und das Warten auf Godot im Programm, und zu alldem winkt Handke von seinem Elfenbeinturm herunter. Verdammt, schon wieder ein Satz von Böll geschrieben, dabei sollte es doch wie Arno Schmidt klingen bzw. von ihm sein und nun rutscht auch noch die Jelinek dazwischen!

Immer, wenn ich (also P. S. jetzt) dachte, das Ganze sei nicht zu steigern, findet dieser Holbein einen Dreh, noch einen Zahn zuzulegen, noch verrückter zu werden und dabei doch völlig schlüssig zu bleiben. Ich weiß nicht, wie groß der Anteil der von mir erkannten literarischen und philosophischen Anspielungen ist, aber selbst, wer nur die zur Kenntlichkeit verdrehten Werbesprüche erkennen würde hätte seinen Spaß. Jedenfalls habe ich noch nie solch eine Freude an literarischem Name-Dropping gehabt, denn noch nirgendwo habe ich so viele treffende, ätzend respektlose und wunderbar verkürzte Charakterisierungen vom Who is Who im Literatruzirkus gelesen.

Für mich der Höhepunkt ist eine große Podiumsdiskussion, wo die neueste Erfindung aus dem Reiche der Technischen Reproduzierbarkeit vorgeführt wird, der Aura-Kopierer. Eine vergilbte, verknitterte Seite aus Walter Benjamins Werk über diese wird kopiert und – Whow, was dann passiert!

Vielleicht ist aber der Höhepunkt auch ein eher privater, als nämlich der Autor mit seiner Liebsten Liebe macht und dies nicht nur in eigener Gestalt sondern gleichzeitig mit einer ganzen Gruppe von Figuren. Eifersucht bleibt da nicht aus, vor allem wenn die fiktionalen und die echten Personen gleichzeitig noch zugucken und sich darüber streiten, wer wen erfunden hat bzw. was wem wohin gesteckt hat. Ist das nun literarische oder erotische Eifersucht? Ist ja auch nicht ganz Neu die Erkenntnis, dass in Wahrheit die Protagonisten ihre Autoren suchen und finden müssen und nicht etwa umgekehrt – höchstens mal versuchsweise, und dann schauen, wie das passt, aber das genau werden wir nie erfahren, da inzwischen schon eine wieder neue, unerwartete Wendungen stattfinden.

Dass es so etwas gibt, dass jemand so etwas bringt, ein so artifizielles Spiel in hocherotischer Sprache zu servieren, von feinsten Gefühlsverästelungen bis hin zu geradezu pornografischer Drastik nichts auslassend! Ja, da muss sich das Personal schon mal bitter beschweren: „Wir sind alle nur Rohmaterial seiner fragwürdigen Kreativität !“ „Nur Spielbälle sind wir!“ „Wandelnde Kopien unserer selbst!“ Und die größte Unverschämtheit: „Das nennt er dann höhere Wahrheit.“

Will jetzt mal Schluss machen, bevor ich versehentlich eine komplette, aber notwendig dünne, blässliche und völlig unzureichende Nacherzählung abliefere.

Das alles wäre vermutlich gar nichts ohne den unglaublichen sprachlichen Einfalls- und Erfindungsreichtum, der sich nicht nur in einer barocken Fülle von Neologismen austobt, sondern auch in mimikrystarken Dialogen (falls man das mal so nennen darf) und einem höchst eleganten Stil, der viel mehr ist als nur elegant.

Als ich durch war, habe ich sofort einen kleinen Stapel seiner Bücher geordert, antiquarisch. Als nächstes Holbein-Werk las ich eine kleine Broschüre mit dem Titel „Zwischen Liquid Sounds, Spirituallekt und Zwerchfellatio – Über den Globaltrottel und Ozeanosophen Micky Remann“

Das Werk ist eine fast hymnische Würdigung dieses Menschen, seiner Reisen und Werke. Dieser „Kanadadaist mit Vorliebe für Zwerchfellatio, BonsaiGiganten und Wal-Purgisnächte lobt sich Paradick und Paradünnn, statt Hochkultur Subkultur und Okkultur und ist ein Erleuchtungskönig.“ Und so geht das weiter. Diese Erleuchtung wurde auch mit Pilzen beheizt, und es folgt ein brieflicher Erfahrungsaustausch Holbein – Remann über Happy- und Horror-Trips und anderen Ungeheuerlichkeiten auf den Reisen in die Innerlichkeit. Natürlich gespickt mit Anspielungen auf Castaneda, Leary und Hoffmann.

Da Holbein ja gern mit Pseudonymen spielt, war ich zunächst geneigt, hier solch ein Spiel anzunehmen. Nun gut, dieser Remann ist im Internet auffindbar, aber was heißt das schon, schließlich sollen ja schon ganze Ortschaften den Weg ins Internet gefunden haben, den sie auf der Landkarte leider verfehlten.

Als weiteres Werk Holbeins habe ich mir „Werden auch Sie ein Genie! - 66 Tips“ (Das Buch ist ‚97 erschienen, das schrieb man die Tipps wohl noch so) vorgenommen. Ich muss sagen, da stehen durchaus probate Tipps, schade nur, dass diese sich auf höchst vertrackte Weise gegenseitig ausschließen, was natürlich in folgenden Tipps, wie es grad passt, keinesfalls verschwiegen wird.
Natürlich ist das Ganze wiederum mit lit. Anspielungen gesättigt und gelegentlich fragte ich mich, wie der Holbein es geschafft hat, so viele genietipprelevanten Details aus den Lebensläufen so vieler Autoren herauszufischen.

Sorry, wenn das jetzt ein wenig länger geworden ist, aber Tipp Nr. 41 lautet:

„Reitet tot!“

… Lobt euch Schmalspurgenialtät“ Monomanie! Da kann man Kräfte sammeln und geballt kanalisieren. Da könnt ihr in Kürze zum Leuchtturm werden, der tausend Universalisten und Neunhundertneunundneunzigsassas überstrahlt“

Wieder mal ein Wort, das mir hinfort unverzichtbar erscheinen wird, die Neunhundertneunundneunzigsassas! Richtig erstaunt aber war ich, als ich in „Tip Nr. 49„ auf einen gewissen „Horst Streugöbel“ traf, ein allhier sicherlich unvergessener Name. Egal wofür dieser jetzt herhalten muss – Hat Holbein den Streu? Oder umgekehrt?

Tja, manche Rätsel verdienen es durchaus, unergründet zu bleiben.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 01.11.2017, 09:06:08    Titel: Antworten mit Zitat

Bei Holbein handelt sich offensichtlich um einen Autor, der Sprachwitz, sprudelnde Einfälle, Belesenheit und Zitatenfestigkeit zwischen zwei Buchdeckel zu bringen vermag. Selten heute, wo entweder ängstliche PC-Korrektheit, Schreibschulenstil und akademische Langweiligkeit die literarische Betriebstemperatur bestimmen.

Sensationell allerdings wäre, wenn der Sense die sagenumwobene Herkunft des Horst Streugöbel entdeckt und freigelegt hätte. Der Streugöbelpreis wäre ihm sicher! Bloss lässt sich der feine Herr ja seit Jahren hier nicht mehr blicken. Ob es ihm gut geht? Wir hoffen es.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 20.11.2017, 18:34:05    Titel: Antworten mit Zitat

Habe inzwischen noch ein bisschen mehr Holbein gelesen. Recht amüsant sein SF-Versuch "Knallmasse. Ein kosmisches Märchen".

Knallmasse ist der Name eines Roboters im Lande DeziBel. Dort herrscht überall der herrlichste unaufhörliche Krach, wunderbarst lärmende Großbaustellen, durchzogen vom regelmäßigen GROSSEN SCHLAG, ambrosische Staub- und Gestankwolken in einer kantigen, verbeulten, schartigen Blech- und Eisenwelt, das alles unter allerschönstem düstergrauem Kunsthimmel.

Menschenähnliche blumige regenbogenfarbene Wesen werden im Biounterricht als abschreckendes, scheußliches Beispiel missratener Evolution gezeigt. Bedauerlicherweise erleidet Knallmasse im Sportunterricht einen Unfall beim Bockspringen über den rostigen, schartigen Gusseisenklotz, was seine Programmierung durcheinanderbringt.
Folglich findet er die widerlichen Weichlinge auf einmal unglaublich hübsch und liebenswert, verhilft ihnen zur Flucht. Das Abenteuer kann beginnen.

Ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass Holbein auch hier seine Einfälle fast zu Tode reitet, selbstverliebt durch sein barockes Sprachspiel stolpert. Wollte hier schon als Titel schreiben: Bekannschaft mit, Faszination durch und Abschied von einem Logomanen. Jedoch immer dann, wenn ich dachte: jetzt reicht‘s aber wirklich! - kommt eine überraschende Wendung, passiert was Neues, etwas, wird Interesse erweckt, und, obwohl ich ganz bestimmt kein Bedeutungshuber bin, erfreut es mich doch, wenn ein Text nach und nach seine (scheinbare?) Schlichtheit, ja Trivialität ablegt und sich in komplizierteren Schichtungen bewegt.

Habe dann das Werk "Warum hast du mich nicht gezeugt" mir vorgenommen. Dieses gleicht in Vielem der "Ozeanischen Sekunde", gleiches Personal, gleiche Situationen, Bezüge und Anspielungen, Fortsetzung und oft genug auch einfaches Noch-mal-Erzählen. Ist dann irgendwann nicht mehr besonders spannend, aber auch hier kommt immer wieder Originäres zum Vorschein, das mit dem Wiedergekäuten versöhnt. Ich bin noch mitten drin, muss man halt in kleinen Dosen zu sich nehmen, mal sehen, ob und wie es sich entwickelt.

Ganz anders dann die "Sprachlupe", fußend auf seiner gleichnamigen Kolumne in der "Zeit" von 1992 bis 1996, laut Klappentext.
Hier passiert genau das, was der Titel verspricht, und es ist viel, viel amüsanter als viele andere besserwisserische Sprach- und Stilbetrachtungen, die ja immer noch ein bisschen Konjunktur haben. Stilprobe?
Zitat:
Wieviel Nahrung braucht ein Doppelpunkt? Sobald ein Punkt homosexuell das Tier mit dem doppelten Fleck spielt, entsteht der Doppelpunkt, ein Suggestivling ersten Grades.

Und wie dieser Suggestivling funktioniert, wird, nach obligatorischem, aber augenzwinkerndem Name-Dropping von Adorno, Kraus und Ludwig Reiners, auf 4 1/2 Druckseiten wunderbar kurzweilig, abseitig und überzeugend abgehandelt. Abseitig z.B. dieses hier:
Zitat:
Wer sucht, wird immer fündig: in Werner Piepers Nasenbuch 'Ene Mene Mopel - die Nase & der Popel' findet sich, was sich nicht überall findet: ein wirklicher Leckerbissen, und der lautet so: 'wer kennt es nicht, das Objekt versteckter Begierden, die Belohnung des fleißigen Bohrfingers, den 'verdickten Nasenschleim', schlicht: den Popel.' Hier wird der Doppelpunkt kongenial in zwei Nasenlöcher umfunktioniert, und rund und säuberlich abgetrennt vom Organismus springt am Satzschluß die herrlich vorgepopelte Quintessenz als Kalorienbombe hervor: der Popel.

Die Verschachtelung der Zitierzeichen kann nur unzulänglich andeuten, wie spaßig wohlgefüllt und elegant dieser Autor auf seinem Holbein dahineilt.

Das ist natürlich auch eine Literaturseilschaft: Dieser Pieper als Autor, Herausgeber und Verleger betreibt auch die „grüne Kraft“, wo Holbein die anfangs erwähnte Studie zum „Globetrottel ...“ veröffentlicht hat.

Is schon 'ne ulkige Szene, das.
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Verfasst am: 20.11.2017, 18:34:05    Titel: Ähnliche Themen

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