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Ödön v. Horváth: Jugend ohne Gott

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
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BeitragVerfasst am: 14.04.2016, 21:55:02    Titel: Ödön v. Horváth: Jugend ohne Gott Antworten mit Zitat

Ödön v. Horváth: Jugend ohne Gott

Schon klar, was mich so lange von dieser Lektüre abgehalten hat: Der Titel. Obwohl der mir schon vor Jahren von einem Literaturfreund empfohlen wurde; das sei eine richtig spannende Geschichte, hieß es - und das stimmt auch, ein richtiger Krimi.

Tagebuchartig berichtet der Protagonist, Gymnasiallehrer, gerade 34 geworden, der erste seiner Familie, dem solch eine Laufbahn sich eröffnet, von seinen letzten Wochen als Lehrer. Er möchte zwar diese Position unbedingt halten, schon seiner alten Eltern wegen, die doch so stolz auf ihn sind, und will alles tun, was von ihm verlangt wird, aber er eckt dennoch an. So kann er sich zum Aufsatz eines Schülers die Bemerkung nicht verkneifen - der Lehrer hatte brav, im von ihm verlangten Sinne, das Thema Kolonialismus abgehandelt - dass die Neger doch schließlich auch Menschen seien. Leider passt diese Bemerkung so gar nicht in die neue Zeit. Der kritisierte Schüler schickt seinen Herrn Papa, und man wird pampig: "Erlauben sie", brauste ich auf, "das steht doch bereits in der Bibel, dass alle Menschen Menschen sind!" Doch es nützt ihm, der selbst gar nichts mit Gott am Hute hat, nichts, sich auf dieses Buch zu berufen: Hebel werden in Bewegung gesetzt, diese Humanitätsduselei muss aufhören - auch, wenn der Herr Direktor beim Verweis ein wenig mit dem Auge zwinkert, man ist schließlich auch Humanist.

Literarisch vom Feinsten sind Dialoge wie der sich zwischen dem Herren Direktor und dem Herrn Geschichtslehrer (-Professor genannt, natürlich) entspinnende, mit seinen raffinierten Untergründigkeiten. Man verachtet gemeinsam die "plebejischen Horden" und hat doch qua "Geheimerlass" unbedingt in das "Kriegshorn" zu blasen. Wie in vielen anderen seiner Dialoge spielt auch hier das sorgsam Ausgesparte eine große Rolle.

Es folgt eine regelrechte, wie man heute sagen würde, Mobbingkampagne gegen den Lehrer, der doch so sehr gerne das Schöne und Gute in seinen Schülern wecken möchte, aber nur Hohn, Spott und Ablehnung erntet. Auch diejenigen seiner Schüler, die eher auf seiner Welle schwingen, schließen sich an, weil sie sich nicht entziehen können. Die Folge: Innere Zweifel, Einsamkeit, Besäufnis, Zusammentreffen mit obskuren Existenzen.

Auch in den glücklich erreichten Ferien gibt es keine Ruhe. Für die Jugend nicht, die wird im Camp mit der bewährten Mischung aus Lagerfeuerromantik, Waldlauf und Wehrsport für die kommenden Großen Zeiten ertüchtigt, unter Aufsicht eines abgehalfterteten Unteroffiziers - und eben: unseres Lehrers.

In so einem Waldlager kann so mancherlei passieren - und es geschieht auch. Da gehen nicht nur staatstragende Wehrsportler und Nachwuchskrieger um, sondern auch entlaufene Fürsorgezöglinge - und wir wissen ja, was solche Institutionen aus jungen Menschen machten und machen. Eine - zumindest von der einen Seite - schmelzend zarte Jugend-Liebschaft und ein grausamer Mord geschehen, auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft. Und unser Lehrer macht sich, getrieben von höchstem pädagogischen Ethos und tiefster menschlicher Neugier - schuldig. Hat das nur den Anschein, hat er wirklich Schuld, ist er Ursache, Anlass oder doch nur zufällig in die Quere gekommen? Wir wissen es lange nicht. Woran wir ausführlich teilnehmen, das sind die Gewissensqualen dessen, der es doch immer nur gut gemeint hat und der nun als Knotenpunkt verhängnisvoller Verwicklungen erscheint.

Der Mord kommt vors Gericht. Der Lehrer begeht die Heldentat, sich schlussendlich mitsamt seiner Feigheit zu offenbaren und vernichtet damit seine Existenz.

Ihm bleibt der Weg nach Afrika, zu den Negern: Als Atheist in die Missionsstation.

Meine Darstellung mag eine etwas eigenwillige Interpretation darstellen, und unterschlägt viel, vielleicht auch wichtigeres. Es gibt zahlreiche kleinere Handlungsstränge und diverse, prägnante Charaktere in dem Buch zu entdecken. Auch kleine Hoffnungsschimmer wie verstohlene (und verspätetete) Solidaritätsbekundungen seitens einiger seiner Schüler gibt es - die dann allerdings die Misere in umso trüberes Licht tauchen.

Ich habe lange keinen Text gelesen, der ein solch situatives Pathos, so möchte ich es mal nennen, auftürmt und dennoch so locker damit jongliert, dass es nicht nur erträglich, sondern in jedem Satz spannend bleibt. Zu manchem wäre auch heftiger Widerspruch anzumelden, aber: Es ist Literatur, und als Ganzes heute (leider) wieder sehr aktuell.

Ein weiteres Buch von Horwáth, das ich angefangen habe, über einen Kleinbetrüger in Großer Zeit, ist längst nicht so dicht wie die "Jugend ohne Gott" (Der Titel stimmt, und er stimmt auch wieder nicht - wie das eben so ist bei Literatur, die sich kunstvoll in der Schwebe hält.)
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Verfasst am: 14.04.2016, 21:55:02    Titel: Ähnliche Themen

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