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Felicitas Hoppe: Paradiese, Übersee

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 26.03.2015, 22:56:07    Titel: Felicitas Hoppe: Paradiese, Übersee Antworten mit Zitat

Von einer dieser Bücherschütten, wo die Grossisten ihr Unverkauftes hinmachen, habe ich ein Buch errettet, das mir viel Spaß bereitet hat. Die Autorin heißt Felicitas Hoppe, und der wunderbar altmodische Vorname erinnerte mich an Bücher von Felicitas Rose aus dem Bücherschrank meiner Eltern, die ich schon als Kind komplett unlesbar fand. "Unpolitischer" Bestseller in der Nazi-Zeit.

Aber jetzt, nicht diese unerträgliche Rose nach Felicitas, sondern schlicht und ergreifend - "Hoppe" - da kann man doch nur "hoppla" sagen und zugreifen. Ich habe es nicht bereut.

Das Büchlein heißt "Paradiese, Übersee" und handelt - tja, wovon? Auf jeden Fall vom Reisen und Suchen. Sein Personal wird von einer Handvoll Menschen gestellt, die unterwegs sind, zwischen Wilwerwitz, Troisvierges und Kalkutta, in schrecklich triviale und gleichzeitig sehr geheimnisvolle Beziehungen verstrickt, und allesamt sind sie gründlich bei Don Quixotte und Sancho Pansa in die Lehre gegangen. Und vielleicht auch bei Kafka.

Wir haben da den Pauschalisten, der immer sein Diktiergerät zwischen Hemdkragen und Hals trägt und es auch immer wieder zurückspult, um gerade Vergangenes ungeschehen zu machen, einen Ritter, der erst in nachgemachter Leichtmetallrüstung gegen kleine Trinkgelder in einer kaum von Touristen frequentierten Burg Führungen macht, dann aber mit seinem alten Pferd auf Reisen geht. Und natürlich ist auch der Kleine Baedeker mit von der Partie, welcher aber eine Person ist.

Mal röstet man auf dem Bahnhof von Kalkutta Esskastanien, mal reitet man durch einen schier endlosen Wald auf der Suche nach der geheimnisvollen Berbiolette. Die Schwester nämlich, die mit ihrer Schürze aus Berbiolettenfell Zimmermädchen in den besten Hotels bedeutender Städte war, hat einen Handschuh des Ritters im Koffer und sucht sehnsüchtig den edlen, zugehörigen Herren. Auch Briefe, Köche, Schiffsreisen, Hunde sowie Familienväter, die andauernd neue Häuser bauen, aus denen sie schnell wieder aussziehen, spielen eine großer Rolle. Teilweise sind die Personen identisch, und man müsste wohl das Buch viel genauer lesen, als ich es getan habe, um herauszubekommen, ob das alles "stimmt" oder nicht.

Sprachlich ist der Text zu einer klingenden und duftenden Leichtigkeit zusammengeklöppelt, die sich durch ständiges Erwecken, Nichterfüllen und überraschendes Belohnen von Leseerwartungen auszeichnet. Der Erzählfluss mäandert mächtig hin und her. Das mag alles schrecklich manieriert und gekünstelt klingen, ist es aber nicht. Denn es bleibt in seinen überraschenden Wendungen immer spannend.

Ich habe gerade ein wenig geblättert, um ein Stück für ein Zitat zu finden. Das ist nicht leicht. Vielleicht dieses: Der kleine Baedeker (welcher in Wirklichkeit vermutlich der Bruder des Ritters ist) sieht sich auf der Schiffsreise den bedrohlich misstrauischen Matrosen gegenüber, und während der Ritter gleichgültig an der Reeling steht und sein Pferd striegelt, welches der Koch allerdings schon auf seinen Nährwert hin für die Küche taxiert hat (Der Hund hat das schon gleich spitz gekriegt und hält sich fern) - der Kleine Baedeker also erzählt den Matrosen Geschichten: "Denn die Matrosen kannten sich längst nicht mehr aus. Seit Monaten hatten sie keine Dame mehr von innen gesehen. Sie kannten weder die geltenden Kleiderordnungen noch die Schärpen und Wappenzeichen, sie kannten nur sich selbst und hatten nicht die geringste Ahnung von Verbeugungen und Verzierungen, von Liedern und Versen, die man im Zweifelsfall singen und sprechen muss, um ein Begleiter von Damen zu werden. Mit einem Wort, sie hatten nicht die geringste Ahnung vom Brettspiel ... "

Und anschließend erklärt der Kleine Baedeker den thumben Matrosen ausführlich und höchst anschaulich die Schachfiguren und deren Züge. "... genau genommen kommen die Könige überhaupt nicht voran. Wie in Holz gehauene Tote stehen sie in der hintersten Nische des Brettes und warten darauf, dass sich eines Tages das Schicksal ganz ohne ihr Zutun erfüllt, weshalb sie auch nicht den geringsten Begriff davon haben, was es mit Entfernungen auf sich hat."
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 30.03.2015, 10:01:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

inzwischen habe ich auch die letzten Seiten des Buches gelesen - es gibt eine lustige Pointe am Schluss.

Man kann das Ganze als eine Art von ernsthaftem Kinderspiel, als eine kindlich-distanzlose Sicht auf die Wunder der großen Welt sehen, denke ich. Als eine respektlose und unbekümmerte Reflexion, die gesetzte, ältere, verständnislose und längst desillusionierte Erwachsenenpersonen gerne "altklug" nennen.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2539
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BeitragVerfasst am: 30.03.2015, 17:50:28    Titel: Antworten mit Zitat

Scheint ja ein köstliches Lesevergnügen zu sein. Die Autorin ist ja keine Unbekannte, eine vielfach preisgekrönte und in viele Sprachen übersetzte Schriftstellerin, Jahrgang 1960. Sagt Wiki.

Jedenfalls irgendwie schön, dass es heute in der Postpostpostmoderne noch Leute gibt, die Lust am Fabulieren haben und diese Lust auch ausleben. Very Happy

Gruß Ignaz.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 30.06.2015, 15:50:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

als ich neulich auf einer Bücherschütte F. Hoppes Werk "Hoppe" erblickte, griff ich sofort zu. Eine fingierte Autobiografie oder etwas in der Art, mit schön mäandernden Erzählströmen, das kann doch nur vergnüglich sein, dachte ich.
"Georg-Büchner-Preis 2012" prangt stolz auf dem Einband - was indes nichts bedeutet, wenn man bedenkt, wer den schon alles bekommen hat.

Nun aber stagniert die Sache. Auf Seite 47, von 350. Es hat sich ausgehoppt. Interessiert mich einfach nicht mehr. Und der Sense ist so einer, der liest nicht alle Bücher fertig, isst nicht alle Teller leer und geht auch aus dem Kino, wenn es nicht mehr gefällt. Und bei der Hoppe ist anscheinend mein Hoppe-Sättigungsgrad erreicht.

Könnte sein, dass, wenn ich eines ihrer früheren Bücher in der Wühlkiste antreffe, dass ich dann wieder zugreife.
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Verfasst am: 30.06.2015, 15:50:54    Titel: Ähnliche Themen

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