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Utopia

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 03.02.2015, 14:16:39    Titel: Utopia Antworten mit Zitat

Utopie

I. Die Begriffsverwirrung

Das Wörtchen Utopie schillert in vielen Farben.

Dem einem gilt es als Schimpfwort, dem anderen leuchtet es auf dem Weg zur endlichen Versöhnung der Menschen, ja der Menschheit voran.

Utopien wird zugesprochen, zugemutet oder zugetraut, dass sie sich jenem stinkenden ideologischen Mainstream, welcher sich, von fähnchenschwenkenden Intellektuellen umsäumt, deren schäbige Transparente zwar verschiedenfarbig, aber völlig gleichlautend die je aktuellen Totschlagparolen verkünden, durch alle öffentlichen Gassen wälzt, entgegenstellen und ein Moment der Vernunft, der Wahrheit und der Entlarvung des Wahnhaften behaupten, auf dass nicht alles komplett verloren sei.

Selbst im naiven religiösen Kinderglauben, der im Jenseits paradiesische Belohnung für das Durchleiden diesseitigen Elends verspricht, scheint noch das Utopische auf. Es versteht sich von selbst, dass diese Glaubenshoffnung, wie jedes falsche Bewusstsein, auf das schmählichste missbraucht, betrogen und ausgenutzt wird - die Mechanismen und die Profiteure dieses Missbrauchs sind wohlbekannt und brauchen deshalb hier nicht benannt zu werden.

Leicht ist zu erkennen, dass nur eine Utopie, die ohne Ansprüche und ohne allzuscharf die miese Wirklichkeit beleuchtend vor sich hin scheint, als eine gute betrachtet wird. Auch sind diejenigen, die versucht haben, die freie Assoziation freier Menschen unter dem schönen Namen Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft und von dort zur Wirklichkeit zu führen, dermaßen auf die Schnauze gefallen und diskreditiert, dass man ihnen nunmehr ganz allein anlastet, diese wieder zurück zur einer nunmehr noch ferneren und noch utopischeren Utopie gebracht zu haben. Aber auch, als sie noch nicht falliert hatten und sich noch sicher auf den richtigen Wegen, ja, Schienen wähnten, sahen sie die Taumlaterne der Utopie als unnütz beim harten und zähen Kampf um die bessere Zukunft an.

Somit galt und gilt, wenn jemand Vorschläge macht, die wirklich etwas, und sei es auch nur in höchst bescheidenem Umfange, zu ändern versprechen, der Vorwurf, dieses sei aber - leider, leider, "Krokodilstränen ausquetsch" - utopisch, als völlig hinreichendes Gegenargument. Utopien - das sind Spinnereien, damit muss man sich nicht ernsthaft befassen. Dennoch hat das Wörtchen Utopie weiterhin eine gewisse Konjunktur, vor allem mit dem Beiwort „negativ“. Eine große Anzahl solch negativer Utopien begleiten uns seit langem und malen akribisch aus, welche Schrecken uns noch erwarten.

II. Back to the roots

Gehen wir somit zur Quelle des Wortes, zum Ort Nirgendwo, zu Thomas Morus´ Staatswerk „Vom besten Zustand des Staates und der Insel Utopia“.

Ich hatte diese alten Schwarte bislang auf Abstand gehalten und habe sie nun doch gelesen. Es war mir eine seltsam anregende Lektüre. Zunächst fällt auf, dass der Erfolgsschriftsteller, Diplomat, königliche Berater, Lordkanzler, Familienvater, Heilige und Märtyrer Morus seinen utopischen Gesellschaftsentwurf recht vorsichtig plaziert. Obwohl das Buch auch als Kritik am den gesellschaftlichen Zuständen des damaligen England gelesen werden kann, (Wikiwissen) gab es nicht den Anlass zu Morus´ Verurteilung und Hinrichtung. Dafür war sein spät aufgebrochener Dissens zur - öhem - Familienpolitik Heinrich des VIII verantwortlich.

Wie gesagt, Morus ist vorsichtig, geht nicht direkt auf Utopia los, sondern legt zwischen sich und das sagenhafte Inselreich eine nicht unkomplizierte Rahmenhandlung, in der etliche Gesprächspartner allerlei sittliche, politische und geografische Diskussionen führen. Demnach kennen wir Utopia nur vom Hörensagen. Als Gewährsmann für die Existenz dieses überaus vorbildlichen Reiches tritt ein reisender Mönch auf, der sich dort lange aufgehalten haben soll; das Buch erscheint als nachträgliche Aufzeichnung seiner Erzählungen, übermittelt von einem weiteren Gewährsmann und Ohrenzeugen, dessen Glaubwürdigkeit allerdings dermaßen über jeden Zweifel erhaben ist, dass seine, Morus' Beteuerungen dagegen so unbedeutend erscheinen, als wolle man "mit der Blendlaterne die Sonne zeigen"

Das alles ist mit feinem Witz konstruiert und mit autobiografischen Details über Morus´ diplomatische Tätigkeit garniert, was den authentischen Anschein weiter verstärkt. Nebenbei berichtet Morus, wie über dem interessanten Bericht aus Utopia bedauerlicherweise vergessen wurde, zu fragen, wo das Inselreich sich eigentlich befindet. Auch betont er, wie wenig Arbeit er eigentlich mit diesem Buch hatte, da er ja nur die fremde Erzählung zu Papier bringen musste, dass deren Aufzeichnung aber dennoch recht lange dauerte, da er als ein von Ämtern und Familie stark in Anspruch genommener Mann sich die Zeit dafür vom Schlafe und von den Essenszeiten abknapsen musste.

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habe vor, meinen Lektürebericht fortzusetzen.

Grüße, Peter Sense
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Ignaz Zwirngiebel
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BeitragVerfasst am: 03.02.2015, 20:10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Peter,

erstmal Hut ab vor dem Mut, sich solch einer Lektüre zu stellen!

Zweitens, ja bitte weiter berichten, schließlich will ich wissen, was es mit Utopia so seine Bewandtnis hat und vielleicht gibt es doch noch einen klitzekleinen Hinweise auf die Geographie des Ortes. Dann nichts wie hin.

Drittens zu deinem Einleitungsessay über Utopien im allgemeinen und besonderen. Es ist bezeichnend, dass die Utopie heute zu einem Schimpfwort verkommen ist. Daran mag das klägliche Scheitern der Utopie Sozialismus beigetragen haben. Mehr noch könnte es die Visionslosigkeit unserer heutigen herrschenden Klassen sein, die alles, was nur nach einer Veränderung oder Verbesserung der gegenwärtigen, bleiernen Alternativlosigkeit riecht, sofort als utopisch, soll heissen krankhaft und verabscheuenswürdig denunziert.

Ein österreichischer Kanzler sagte einst, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Egal ob er zitierte oder es auf seinem Mist gewachsen war, der Mann brachte unfreiwillig die pathologische Angst der Herrschenden vor jeder Veränderung zum Ausdruck. Er demaskierte sich und seingesgleichen, ohne dass er es merkte.

Von der Visionslosigkeit zur Alternativlosigkeit ist es nur ein Schritt.

Utopische Grüße
Ignaz.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 23.02.2015, 17:11:26    Titel: Antworten mit Zitat

Manchmal dauert es eben, bis es weiter geht mit der Utopie. Aber, mein lieber Ignaz, zur Lektüre dieses Buches bedarf es keinerleil besonderen Mutes. Der Text ist in klares einfaches Deutsch übersetzt, leider ist nicht klar von wem; meine Amazon-Gratis-Ausgabe geht auf das Gutenberg-Projekt zurück, welches sich seinerseits bei Reclam Leipzig bedient hat, wo eventuell ältere Übersetzungen von einem Redaktionskollegium bearbeitet wurden.

Du schreibst: "... und vielleicht gibt es doch noch einen klitzekleinen Hinweise auf die Geographie des Ortes. Dann nichts wie hin." Tja, das wird wohl definitv nichs. Der Bericht geht, so Morus, auf den "trefflichen Raphael Hythlodeus" zurück, welcher, aufgebrochen mit dem Weltreisenden Vespucci, sich von dessen Tross abgesondert habe und mit eingeborenen Führern abenteuerlich weiterreistend, in Utopia angekommen und lange dort gelebt haben will.

Doch schon bei der Geografie Amaurotums, der Hauptstadt Utopias, herrscht Unklarheit; man ist sich z.B. nicht einig, ob dort der "Fluß Anydrus 500 oder 300 breit ist"

Dass man nichts genaues weiß, wird aber bereits in der Vorrede klar:

Zitat:
Denn weder ist es uns in den Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern würde ich mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn erstens schäme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die Insel liegt, von der ich so viel zu berichten weiß; sodann aber gibt es bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die verheißungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu vermehren. Um dabei ordnungsgemäß zu verfahren, hat er beschlossen, sich vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den Utopiern sogar zum Bischof wählen zu lassen. Dabei stört es ihn durchaus nicht, daß er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben müßte. Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefällig, weil er nicht durch Rücksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rücksicht auf die Religion bedingt ist.


Man kann kaum umhin, in solchen Textstellen eine gewisse, feine Ironie zu erblicken. Sie macht die Lektüre vergnüglich.

Irgendwo habe ich den Hinweis aufgeschnappt, dass der Name des Gewähsmannes "Hythlodeus" sich in etwa, frei assozierend, mit "Dummschwätzer" ausdeuten ließe. Mag sein, jedenfalls kann Morus dem "Dummschwätzer" seine brisante Aussagen in den Mund legen und selber den Part des naiv Fragenden spielen.

Auch gibt es in einer frühen Ausgabe (nicht der Erstausgabe) einen Vierzeiler in der Sprache der Utopier, die als eine persisch-griechische Sprachmischung bezeichnet wird, und die in Etwa so zu deuten ist:

Zitat:
Herzog Utopos machte mich aus einer Nichtinsel zur Insel. Ich allein unter allen Ländern der Erde habe den Sterblichen, obgleich ohne Philosophie, den philosophischen Staat dargestellt.


Es gibt also einigen Spaß mit Mystifikationen und auch Anspielungen an Platon.

Nach der Vorrede wird im "Ersten Buch" vorgeblich erzählt, wie der Bericht aus Utopia überliefert wurde. Dabei ergibt sich in den Gesprächen wie nebenbei eine Darstellung des Ist-Zustandes der damaligen Gesellschaft, und wir können uns darüber wundern, wie wenig sich seither geändert hat.

Beispielsweise schlägt Morus dem Hythlodeus vor, mit seinem vortrefflichem Wissen und seinen Erfahrungen als Berater der Fürsten zu betätigen, was dieser ablehnt, denn es

Zitat:
beschäftigen sich die Fürsten selbst alle zumeist lieber mit militärischen Dingen, von denen ich nichts verstehe und auch nichts verstehen möchte, als mit den segensreichen Künsten des Friedens, und weit größer ist ihr Eifer, sich durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon erworbenen gut zu verwalten.


Zitat:

Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten, mußten sie jedoch einsehen, daß die Behauptung des Landes keineswegs leichter war als seine Eroberung, daß vielmehr ohne Unterlaß Auflehnungen im Inneren oder Überfälle auf die Unterworfenen von außen daraus entstanden, daß sie so dauernd entweder für oder gegen jene kämpfen mußten, daß sich niemals die Möglichkeit bot, das Heer zu entlassen, daß sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, daß ihr Geld ins Ausland ging, daß sie ihr Blut für ein wenig Ruhm eines Fremden vergossen, daß der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, daß der Krieg die Moral verdarb, daß die Raubsucht den Menschen gleichsam in Fleisch und Blut überging, daß die Rauflust infolge der Metzeleien zunahm und daß man die Gesetze nicht mehr achtete.


Kommt uns das nicht alles sehr aktuell vor? Mit vorgetäuschten Kriegsgefahren wird Geld gescheffelt, das Volk in Angst und Schrecken gehalten usw. - alles historische Dauerbrenner, offensichtlich. Fürs Finanzwesen gilt: Wenn der Fürst Schulden hat, senkt er durch allerlei Manipulationen den Geldwert und "bezahlt eine große Schuld mit wenig Geld" und auch die Rechtspflege wird von den Herrschern an die Kandare genommen, Gesetze und Vorrechte werden verkauft, usw usw.

Zitat:

Wenn dann erst einmal bei Meinungsverschiedenheit der Richter über die an sich völlig klare Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich dem König die günstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil auszulegen, und die anderen würden sich aus Hochachtung oder aus Furcht seiner Meinung anschließen.


Und nun käme der redliche Berater zu denen, die nicht "Hüter eines Thrones, sondern Hüter eines Kerkers" sind:

Zitat:

Nun stelle dir wieder vor, ich stünde jetzt noch einmal auf und behauptete, alle diese Pläne seien für den König unehrenhaft und verderblich;


Wir sehen - das wird es nicht funktionieren. Deshalb:

Zitat:

Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gespräch, ist solches theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von Fürsten, wo mit gewichtiger Autorität über Fragen von Bedeutung verhandelt wird, ist für so etwas kein Platz.


Wenn ich (also P.S. jetzt) mal wieder Lust und Zeit dazu und darauf habe, werde ich etwas zum Zweiten Buch schreiben, dem eigentlichen Bericht von der Insel.
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Verfasst am: 23.02.2015, 17:11:26    Titel: Ähnliche Themen

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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 25.02.2015, 23:42:37    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Peter,

vielen Dank für die erhellenden und amüsanten Einblicke ins ferne Utopia. Tja, und manches dort scheint gar nicht so utopisch, sondern sehr gegenwärtig und irdisch zu laufen. So gesehen müsste Utopia doch auf unserem Erdball liegen und wird wohl demnächst von Google (wieder)entdeckt werden,

Gruß
Ignaz.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 07.03.2015, 21:05:41    Titel: Antworten mit Zitat

So, nun möchte ich abschließend noch ein paar Blüten aus dem "Zweiten Buch" vorstellen, welches auch das letzte ist, eine reisebericht- und fabelhaft ausformulierte Sozial Fiktion.

III. Endlich zur Insel

Schon die Topographie der Insel ist unglaublich schön, praktisch und zweckmäßig. Übrigens war das Inselreich nicht von Anfang an ein solches, es wurde erst durch gemeinsame Anstrengungen aller Utopier durch Ausheben eines Kanals vom Festland getrennt. Eine wahrlich utopische Leistung, wenn man die Anstrengungen und enormen Opfer früher, dennoch Jahrhunderte nach Utopia liegender Großprojekte wie dem Panamakanal oder auch nur dem Gotthardtunnel denkt. Wir werden also gleich auf eine gewisse denkerische Rigorosität und Unbekümmertheit des Textes eingestimmt. Die Sichelform der Insel eröffnet eine große Bucht, günstig für den Schiffsverkehr. Die Verteilung der Gebirge bietet natürliche Schutzwälle gegen Invasionen und beste Möglichkeiten der Verteidiger. Die Städte sind schön gleichmäßig verteilt, an Flüssen gelegen und jeweils in einem Tagesmarsch zu erreichen. Es ist allerdings nicht so recht einzusehen, warum man denn eine andere Stadt besuchen sollte, denn "wer eine Stadt kennt, kennt alle: so völlig ähnlich sind sie einander ..." Übrigens ist keine "keine Stadt ist auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer".

So ganz nebenbei und en passant wird eine verblüffende Aussage über das Immobilien-Eigentum getroffen: "Jedes Haus hat einen Eingang von der Straße her und eine Hintertür, die in den Garten führt. Die Türen haben zwei Flügel, lassen sich durch einen leisen Druck mit der Hand öffnen und schließen sich dann von selbst wieder, so daß ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie."

Die dörflichen Siedlungen liegen alle in einer optimalen Größe und zweckmäßiger Entfernung voneinander inmitten des ihres jeweiligen Ackerlandes. Niemand, der nicht unbedingt will, muss für immer auf der Scholle bleiben, denn es gibt einen festgelegten, regelmäßigen Personen-Austausch zwischen Land und Stadt. Landwirtschaft zu betreiben, ist ein Beruf, den jeder Utopier zu erlernen hat, darüber hinaus erlernt er mindestens ein weiteres Handwerk, nach Belieben auch mehrere. Selbstverständlich erlernen auch alle Frauen Berufe. Übrigens gibt es oft schon eine erstaunliche Technik, die Küken für die sehr umfangreiche Geflügelhaltung werden z.B. von Brutmaschinen erbrütet. Die Landwirtschaft ist auch nicht die elende Plackerei wie sonst überall, denn zum Ernteeinsatz rücken die Städter zur Hilfe an, und Ruckzuck ist die Sache erledigt.

Überhaupt, die Arbeit: Man arbeitet auf Utopia nur 6 Stunden, drei vor- und drei nachmittags, und das ist schon mehr als genug. "Diese Arbeitszeit genügt nicht nur, sondern wird nicht einmal ganz gebraucht zur Produktion eines Vorrats an allem, was zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehört."

Die Gründe dafür? Alle dürfen/müssen hier produktiv arbeiten.
"Dann die Priester und die sogenannten frommen Männer, was für eine große und faule Schar ist das! Nimm noch all die Reichen und besonders die Grundbesitzer dazu, die man allgemein als Standespersonen und Edelleute bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, jenen ganzen zusammengespülten Haufen von Raufbolden und Windbeuteln!"

Außerdem wird in Utopia ausgesprochen nachhaltig konsumiert. All der nutzlose Tand entfällt. Infolgedessen kann die "gewonnene Zeit auf die freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. "Die meisten treiben in diesen Pausen literarische Studien. Es herrscht nämlich der Brauch, täglich in den frühen Morgenstunden öffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher Arbeit namentlich ausgewählt sind. Aus jedem Stande aber strömt eine gewaltige Menge Hörer, Männer wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen zu diesen, die anderen zu jenen, je nach ihren persönlichen Neigungen." Die zur wissenschafltichen Arbeit speziell ausgewählten Utopier sind zwar von der Handarbeit freigestellt, die meisten machen aber davon keinen Gebrauch. Jeder kann bei entsprchender Eignung in diese Arbeit wechseln - die ganze Gesellschaft zeichnet sich gererell durch eine hohe Durchlässigekeit aus.

Morus legt auch ökonomisch schlüssig dar, dass und warum diese kurze der Arbeit in Utopia völlig ausreicht. "Da nämlich bei uns das Geld der Maßstab für alles ist, müssen wir viele völlig unnütze und überflüssige Gewerbe betreiben, die bloß der Verschwendung und der Genußsucht dienen. Würde man nämlich diese ganze Masse, die jetzt im Arbeitsprozeß steht, nur auf die so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener natürlicher Bedarf erfordert, so würde ein großer Überfluß an Waren entstehen, und die Preise würden notwendigerweise zu tief sinken, als daß die Handwerker ihren Lebensunterhalt davon bestreiten könnten." Eine schöne knappe Analyse eines Krisenzyclus, dessen Ursachen zu verkennen noch in unserer heutigen Gesellschaft ganze Battalione von Wirtschaftsweisen aufgeboten werden müssen.

Es versteht sich nach all dem fast von selbst, dass auch die politischen Funktionäre gewählt werden, in einem mehrstufigen Verfahren. Die Obrigkeiten haben so nette Namen wie Syphogranten, Traniboren oder Phylarchen. Der letzter Name ist in G...le bestens vertreten, denn die Autoren des Computerspiels "World of Warkraft" haben diesen Namen für eine Spielfigur übernommen, die anderen Funktionäre tauchen nur im Zusammenhang mit Utopia auf.

Die Mahlzeiten nimmt man übrigens gemeinsam ein, und die Speisen werden in Großküchen zubereitet. Bei der Lektüre des entsprechenden Kaptitels gab es für mich eine fette Überraschung. Die Zubereitung wird reihum von den Frauen der einzelnen Familien besorgt. Und wer macht den Abwasch? "Sklaven verrichten alle schmutzigeren und mühsameren Arbeiten".

Wir erfahren später noch mehr von den Skalven. Sie sind auch bei Reisen für das Führen der Zugochsen zuständig und müssen auch andere unangenahme Arbeiten machen, wie z.B. im Schlachthof die Tiere töten. Man kann sich aber aus seinem Skalvendasein herausarbeiten. Es sind Missetäter. Kriegsgefangene werden keine Sklaven. Allerdings ist das Skalvendasein in Utopia immer noch so schön, dass es arme Einwanderer aus den Nachbarländern gerne auf sich nehmen.

Die Fremdarbeiter werden gut behandelt. "Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, die es als arbeitsame und arme Tagelöhner eines fremden Volkes vorziehen, aus freien Stücken bei den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln sie anständig und nicht viel weniger gut als ihre Mitbürger; nur haben sie ein klein wenig mehr Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewöhnt sind. Will einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der Fall ist, so hält man ihn weder wider seinen Willen zurück, noch läßt man ihn ohne irgendein Geschenk ziehen."

Erwähnt werden soll noch, dass Utopia zwar aufgrund seiner wirtschaftlichen Macht kaum kriegerische Angriffe zu befürchten hat. Aber wenn die Nachbarvölker doch mal nicht einsichtig sind - da muss man nicht selber zur Waffe greifen, da hat man analog zu den Skalven seine Söldner für.

So, hier möchte ich mal abbrechen. Mir wird es sonst zu lang. Zwei Dinge noch. Es gibt in Utopia werder Wein- noch Freudenhäuser. Allerdings ein paar nette Bräuche. So dürfen sich bei der Brautschau die Zukünftigen nackt begucken, damit es hinterher keine unangenehme Überraschung gibt: "Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt nämlich dem Freier das Weib, sei es ein Mädchen oder eine Witwe, nackt; und ebenso zeigt anderseits ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mädchen." Schließlich wird man auch beim Einkauf eines Füllens sich "nicht eher zum Kaufe entschließt, als bis der Sattel und alle Reitdecken abgenommen sind; denn unter diesen Hüllen könnte ja irgendeine schadhafte Stelle verborgen sein." Es war aber wohl nur Gucken erlaubt.
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Ignaz Zwirngiebel
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BeitragVerfasst am: 10.03.2015, 11:09:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Peter,

danke für den ausführlichen, anschaulichen und lebendigen Bericht. Ja, da würde unsereins auch ganz gerne mal für ein Jahr in Utopia hospitieren! Was du über Arbeit, Eigentum und Lebensunterhalt schreibst, könnte sich unsere Welt ein Beispiel nehmen. Aber ich fürchte, ganze Horden von VWLern und BWLern und Wirtschaftsweisen würden nicht begreifen, was das Revolutionäre an der utopischen Wirtschaft wäre. Schließlich gibts das Buch ja schon ein paar Jahrhunderte, ohne dass wir uns daran ein Beispiel genommen hätten ...

Ich fürchte auch, bei aller Sympathie für die Utopier, dass sie von einem anderen Stern sein müssen. Die Erdlinge haben ein Gen, das wohl verantwortlich ist für unseren Irrsinn. Sei es verantwortlich für Gier, Angst vor dem Verhungern, sei es das Neid-Gen oder das Konkurrenz-Gen, seien es gar ganze Sequenzen von Genen, die uns daran hindern, den utopischen Lebensstil in Erwägung zu ziehen, ich fürchte, Utopia ist nicht von dieser Welt ....

terrestrische Grüße
Ignaz.
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Verfasst am: 10.03.2015, 11:09:43    Titel: Ähnliche Themen

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