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Matto regiert

 
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 22.07.2014, 08:46:16    Titel: Matto regiert Antworten mit Zitat

Hi,

lese gerade Friedrich Glausers "Matto regiert".

Matto, ital., heißt auf deutsch "toll" und das Ganze spielt im Tollhaus. Der olle Studer muss in diesem großen, unübersichtlichen Kasten ermitteln. "Matto" ist der Geist, der wie ein Irrlicht hie und da erscheint, überall und nirgends ist, wie ihm ein recht behender, schrecklich kriegsverstümmelter Insasse versichert. Der alte Direktor ist verschwunden, ein anderer Insasse abgängig und eine sehr junge Schwester noch nicht wieder aufgetaucht - der Stellvertreter aalglatt, nicht recht durchschaubar, ein Fenster zerbrochen, ein paar Bluttropfen verspritzt, der angeblich niedergeschlagene Wärter hat eine Beule, die, wie Studer erkennt, kaum von einem Schlag stammen kann, merkwürdige Beweise beweisen alles oder nichts - nur eines ist sehr, sehr deutlich: Das Personal ist genauso bescheuert wie die Insassen.

Wunderbare Lektüre. Und so aktuell!
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 24.07.2014, 09:35:58    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für den Tip! Deine Schilderung macht Appetit auf das Buch. Ist Glauser nicht kürzlich verstorben? Jedenfalls ein Kandidat auf der Leseliste,

LG
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
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BeitragVerfasst am: 10.08.2014, 12:22:22    Titel: Antworten mit Zitat

Als Einstieg in die Glauser-Lektüre ist vielleicht "Wachtmeister Studer" oder auch "Der Chinese" besser geeignet. In dem Irrenhausroman mögen einem gewisse Gespräche über Psychologisches und -analytisches ein wenig länglich vorkommen, sind aber nie ohne tieferen Bezug auf das Geschehen. Und, dieser Stoff war noch frischer, als das geschrieben wurde. Zudem: Glauser schreibt aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Richtig heftig ist hingegen der Studer-lose Fremdenlegionsroman "Gourrama". Auch hier hat Glauser seine persönlichen Erfahrungen. Das Buch erspart einem die Lektüre mindestens des halben Klaus Theweleit. Der Sense, dessen Fähigkeit, sich an leidvoller Lektüre zu ergötzen, nur recht mangelhaft entwickelt ist, hat sich allerdings beides halbwegs erspart.

Der Glauser schrieb auch allerlei Betrachtungen, z.B. über den Kriminalroman. Von diesen weiß ich im wesentlichen nur noch, dass ich sie gerne gelesen habe. Während beispielsweise die Werke Friedrich Dürrenmatts als höchst exakt und kunstvoll durchkomponiert erscheinen, ist Friedrich Glausers Werk wohl deutlich näher am literarischen Rohstoff angesiedelt. Man hat beobachtet, (ich habe das beim Lesen nicht gemerkt) dass beispielsweise Handlungen Brüche wie schlecht geschnittene Filme aufweisen, Personen schon mal unter anderem Namen weitergeführt werden etc.

Glauser hat seine Werke in den kurzen Hoffnungs- und Ruhephasen seines Lebens in unglaublichen Kraftakten runtergeschrieben. Das diese Unvollkommenheiten bedingen, das macht aber vielleicht auch die unglaubliche Dichte seiner Romane aus. Was mir immer wieder besonders gefällt ist, wie mit der Vielsprachigkeit der Schweiz gespielt wird. Da lässt Glauser seinen Fahndungswachtmeister mit einm etwas versockten Menschen sprechen - wenn der Wachtmeister ins Italienische, Französiche oder in einen Gaubündener Dialekt wechselt, fließt plötzlich das Gespräch, entsteht Vertrauen, kommen aufgestaute Emotionen und Informationen zum Vorschein.

Dem Leser wird diese Vielslprachigkeit natürlich nicht abverlangt, aber wer das Kolorit mag und sich gerne einmal dialektale Ausdrücke erschließt, der wird seine helle Freude daran finden.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 11.08.2014, 05:39:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Peter,

danke für die Tipps. Bin momentan noch mit einem anderen Schweizer beschäftigt. Lese den Stiller von Frisch. Und weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll. Stilistisch, schreibtechnisch und textarchitektonisch sicher erste Klasse - kein Wunder der Frisch war ja Architekt, aber was will er mit so vielen Worten sagen? Aber ich bin noch nicht zu Ende, also weiter im Text.
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Verfasst am: 11.08.2014, 05:39:30    Titel: Ähnliche Themen

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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 21.08.2014, 14:52:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ignaz,

hast Du den Stiller geschafft? Vor xx Jahren hatte ich ganz bestimmt auch einmal den "Stiller" in der Hand, aber entweder habe ich ihn bald wieder weggelegt oder bin dermaßen im Halbschlaf durchgetrottet, dass ich mich an nichts mehr erinnere. Ähnlich ging es mir mit "Homo Faber". Gut möglich, dass es mir heute damit anders ginge. Neulich bin ich bei der Sound-Suche im Autoradio auf eine interessante und angenehme Stimme gestoßen. Sie, die Stimme, erzählte, dass er, der Sprecher sich in New York und in einer Lebens- und Sinnkrise befunden hatte, und dort eine Therapie begonnen hatte. Dann sah er zufälligerweise in der U-Bahn seinen Psychotherapeuten, wie der, klein und verhutzelt, mit einer abgenuzten Lederaktentasche dort sehr unbedeutend herumsaß - und lachte innerlich laut auf und dachte bei sich: Was, von diesem Männchen erhoffst du dir Hilfe? Also beschloss er, einen Film zu "Homo Faber" zu machen. Somit stellte sich heraus, dass es sich um Peter Schamoni handelte, der sich in einem langen, ruhigen und ausführlichen Interview zu seiner Verfilmung des Romanes befragt wurde.

Das schien mir sehr interessant und passte irgendwie, fand ich. (Die Eindrücke von Max Frisch, der am Drehbuch mitarbeitete, die zeitgeschichtliche Dimension des Romans, die Schwierigkeiten, ihn ins Bild zu setzen, usw.)

Beim "Gantenbein" ging es mir anders. Der ist wohl auch lustiger, beispiesweise als die Badewanne überläuft und der vorgeblich blinde Protagonist sich entscheiden muss, den Schaden immer größer werden zu lassen oder seine gespielte blinde Hilflosigkeit aufzugeben. Aber alles im allem: wir wissen doch nun von der Moderne längst, z.B. "je est un autre", dass das Individuum eine äußerst wacklige Konstrukion wenn nicht gar Fiktion ist.

Trotz des Versuches einer Erinnerungsauffrischung mittels Wikipedia bleiben meine Eindrücke verwaschen. Einen neuen Eindruck habe ich aus dem Wiki-Artikel allerdings gewinnen können: Man kann den Stiller gar nicht nacherzählen.

Nun kann der Frisch es ja auch kräftig peppen lassen, man denke nur an die Radikalkuren des Grafen Öderland mit dem Hackebeilchen. Ich hatte damals die Kurzform in den Tagebüchern mit großem Erstaunen und Vergnügen gelesen. Irgendwann habe ich dann auch "Montauk" gelesen, es wohl auch ganz gelesen, denn es ist recht kurz, glaube mich aber zu erinnern, dass dieser gewisse Vollständigkeitswahn, alle Möglichkeiten der Selbstreflexion auch komplett abzuarbeiten, mich schon etwas nervte.

Richtig informativ und sehr beachtenswert fand ich dann wieder das "Dienstbüchlein". Frisch hatte während / unittelbar nach seiner Militärzeit wohl eine Art unkritischer Version davon geschrieben, viel später dann eine deutlich distanzierte und verschärfte. Es wird klar, dass die Typen in der schweizer "Volksarmee" auch nicht symphatischer sind als andere Kommissköppe. Und einige richtig bitteren Erkenntnisse aus der Nazizeit - wobei es von den anderen Neutralen wie den Schweden allerdings ähnliche Geschichten zu erzählen gibt.

Das hier sind aber nur persönliche Eindrücke ohne Anspruch und ohne Gewähr.

Grüße, Peter Sense
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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BeitragVerfasst am: 21.08.2014, 16:48:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Peter,

also mal vorweg, mit dem Stiller bin ich noch nicht fertig, aber fast und ich werde es jetzt zu ende führen, das Projekt.

Den Homo Faber fand ich sehr flüssig, amüsant und teilweise auch spannend! Der Stiller ist da schon aus anderem Holz. Wäre Frisch nicht so ein begnadeter Stilist vom Kaliber eines Dürrenmatt (diese beiden Schweizer halte ich für ganz große Sprachkünstler, für mich ganz oben als Stilisten), hätte ich das Buch längst weggelegt. Trotz der bewunderunswürdigen Fülle an Einfällen, der Unmenge an Details, Stories, Anekdoten und Begebenheiten aus Stillers Leben und seinem Umfeld, wäre der Text zu unbeweglich, statisch, handlungsarm, als dass er einen für 400 Seiten fesseln könnte, wäre da nicht der wunderbare Fluß - heute sagt man Flow - der Sprache.

Wann ich fertig habe, dann rechne ich ab mit ihm.

Danke für den Hinweis auf Gantenbein, kommt unbedingt auf meine Leseliste ....

Leserliche Grüße
I.Z.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 15.09.2014, 20:00:53    Titel: Antworten mit Zitat

Habe nun die Romane von Friedrich Glauser durch - bedauerlich, dass es nicht noch mehr von diesem Stoff gibt. In den Romanen selber gibt es aber genug Stoff, nicht nur dass Studer andauernd seine Brissagos raucht und, zumeist in Gesellschaft, größere Mengen von Alkohol vertilgt - beim Kaffee mit Kirsch vergisst er schon mal, den Kaffee in die Tasse zu gießen - auch sonst sind die Drogen allgegenwärtig. Natürlich, die Psychopharmaka in dem oben bereits erwähnten Reich Mattos, wo die Patienten schon mal tagelang in einen "Heilschlaf" geschickt werden. Die meisten wachen wieder auf. Auch Studer widerfährt dieses, die Betäubung und das Wiedererwachen.)

Neben dem Irrsinn sind auch die Geister, die Hellseherei, Seancen, Tischerücken, Hexerei etc gut vertreten:

Der Roman "Die Fieberkurve" führt beispielsweise führt unseren wackeren Ermittler erst nach Paris, dann mit falscem Pass und angemaßter Identität als in die Illegalität, in die Fremdenlegion, (wobei in Marokko, nebenbei bemerkt, auch der Konsum massiver Khif-Dosen die Spur des Hellseher-Korporals nicht offenbart. Und auch die große Politik spielt mit, Spionage, historische Ereignisse, dazu Familiengeschichten über Generationen .. Ich weiß gar nicht, was ich hier noch herausgreifen sollte. Es ist ordentlich was drin und dran in und an dieser Literatur.

Beim "Tee der drei alten Damen" geht es noch verwirrender zu: Internationale Verwicklungen gemischt mit mit diesem spiritistischen Quatsch, der Hexerei, Tollkirschensalbe und sonstwas ... und irgendwo knallharte Interessen, Spionage, Ölquellen, und was weiß ich noch alles. Und ehe ich es vergesse: Jedem Roman ist auch noch eine kleine Liebesgeschichte beigemischt, die über mannigfaltige Verwirrungen mal ihr Happy-End sucht - aber nicht unbedingt findet.

Und immer - die Sprache. Verrät Studers schweizerisches Französisch, dass er nicht aus Lyon stammen kann? Oder: welch ein Glück, wenn im Amts-Französisch eines feindlich gesonnenen Amtsträgers in einer gottverlassenen Wüstenfestung der Legion plötzlich ein Berner Dialekt durchschimmert - da fasst man wieder Hoffnung, und dann wird plötzlich Menschlichkeit möglich.

Oder man sieht einfach nur den "rohseidenen Himmel" über Nordafrika, während ein pfiffiges, eigensinniges Maultier den frierenden und übermüdeten Studer zu einem geheimnisvollen Schatz-Versteck trägt. Unnötig, zu betonen, dass Berner Ermittler ein sturer Rationalist ist, ein rücksichtsloser Wahrheitssucher, der aber im Zweifelsfall der Menschlichkeit und nicht dem Gesetz sich verpflichtet fühlt.

Nun, es gäbe noch viel zu sagen ..

Vermutlich gefällt mir gerade, dass bei Glauser nicht alles bis in letzte durchkomponiert und geglättet ist, die Plots mögen durchaus ein wenig hanebüchen erscheinen, und die Menschen, die diese Geschichten bevölkern, recht knorrig und skurril erscheinen - aber nie langweilig. Es ist sehr erstaunlich, dass der Autor bei seinem zerrissenen und eher glücklos erscheinenden Leben ein derartiges Werk hinterlassen konnte. Entmündigung, Erziehungs- und Entziehungsanstalten, Kleinkriminalität, alles drin...
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