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Der Prozeß

 
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 15.12.2007
Beiträge: 2539
Wohnort: ja

BeitragVerfasst am: 23.07.2013, 16:01:02    Titel: Der Prozeß Antworten mit Zitat

In der Hitze des Sommers ein Text zur Abkühlung.

Vor 40 Jahren zum ersten Mal gelesen, war ich damals gepackt und gefesselt, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Das ist jetzt nicht der Fall.

Was auch immer der Grund sein mag, ich empfand jetzt die Lektüre mühsam und musste mich überwinden, das Werk fertig zu lesen.

Zuerst die Sprache. Man merkt ihr die 100 Jahre an, die seit dem Verfassen der Erzählung vergangen sind. Herr K. ist in die Jahre gekommen. Sicher, die präzise Schilderung innerer und äußerer Vorgänge, die minutiöse Beschreibung der geringsten Nebensächlichkeiten, das hat was. Es wirkt aber auch sehr betulich und manieriert. Als Leser gewinne ich den Eindruck eines Marionettenstücks, zuckender, willkürlicher Bewegungen und Handlungsabläufe. Die Personen sind holzschnittartig zugerichtet, karikaturhaft gezeichnet. Da ist nichts Menschliches, Vertrautes, es wirkt alles wie durch ein Teleskop betrachtet, das der Beobachter auf einen fernen Planeten gerichtet hat. Na gut, das soll vielleicht so sein, soll die Absurdität des Geschehens verdeutlichen. Nahe bringt es mir den Protagonisten und seine Mitspieler jedoch nicht.

Das Gericht, das Verfahren, der Prozeß. Das Gerichtswesen ist eine unfaßbare Krake, die anscheind die ganze Welt umfasst, durchdringt, alle Wesen wie ein Virus befallen hat. Das Gericht ist ungreifbar, unangreifbar, allmächtig, allwissend, es drängt sich der Verdacht auf, das Gericht ist irgendwie das, was die Religionen Gott nennen. Das Verfahren ist undurchschaubar, die Anklage völlig unklar, undefiniert, nicht erklärlich. Der Leser erfährt nichts über den Gegenstand der Anklage, über das, was K. vorgeworfen wird. Dieser selbst scheint auch gar nicht sehr interessiert daran, Aufklärung zu erhalten. Er ahnt, dass es zwecklos ist? Der Prozeß - die Verhandlung - findet nie statt. Der Titel des Romans ist daher irreführend. Es gibt am Ende zwar ein Urteil, das vollstreckt aber nicht verlesen wird - zumindest kommt K. nie vor einen Richter, der ihn verurteilt. K. wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt und lässt sich exekutieren wie ein Schaf.

Die Zeichnung der Charaktere ist unheimlich. Das sind keine menschlichen Wesen, das sind allesamt Zombies, Roboter, menschliche Monster, deren Denkweisen und Gefühlsleben grauenhaft abstrakt, automatenhaft, zwanghaft, programmiert erscheint. So ähnlich muß es in einer Welt von Legomännchen und -weibchen zugehen. Oder vielleicht in einem Ameisenstaat. Wer weiß?

Also, für mich ist das Ganze aus meiner heutigen Sicht schwer verdaulich. Klar kenne ich die Interpretationsversuche und offiziellen Deutungen der Germanisten. Die anonyme Bürokratie, die allumfassende Bevormundung des Individuums durch eine staatliche, behördliche Krake mit schier unendlich vielen Armen und Tentakeln. Die Absurdität des modernen Lebensentwurfs, der Spagat zwischen Individualität und Herrschaft des Kollektivs. Ist ja alles richtig und ein Vergleich mit den späteren Greueln totalitärer Regims wie Nazismus und Stalinismus drängt sich förmlich auf.

Dennoch, so ganz erschließt sich mir der legendäre Ruhm dieses Werks nicht. Dazu ist es mir zu abstrakt. Es liest sich streckenweise wie die Beschreibung eines Film noir im Stil einer EU-Richtlinie zum Verpackungswesen von Computermäusen. Pardon.

Ich bin froh, den Text nochmal gelesen zu haben. Ein drittes Mal in diesem Leben werde ich das aber nicht tun.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 31.07.2013, 09:29:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Iganaz,

schön dass Du Kafka ins Spiel bringst.

Es ist beinahe selbstverständlich, dass Kafka auch für mich einst als ein ganz wichtiger Fixstern am literarischen Firmament leuchtete. Inzwischen neige ich eher zu der Ansicht, dass dieser Fixstern in dem Maße, in dem das Lebensalter des Lesers das vom Autor erreichte übersteigt, verblasst. Gründe dafür? Mag sein, dass das typisch kafkaeske, der Blick auf das Absurde, einerseits geradezu alltäglich und als ein völlig realistischer ins Leben integriert wird und andrerseits das zutiefst Beunruhigende und Verstörende dieser Erkenntnis zugunsten der mit halbwegs intakter psychischer Gesundheit zu absolvierenden Alltagsgeschäfte verdrängt wird.

Am ehesten mir noch zuträglich sind mir die Erzählungen, in denen man bei Bedarf verwirrende Verrätselung ebenso finden kann wie abgründigen Schwarzhumor. Von den Romanen habe ich noch einmal das "Schloss" zur Hand genommen, mal für eine kurze Lesestrecke, vor allem das Einnisten des Landvermessers im Dorf ist eine wirklich feine Untergeschichte. "Amerika" würde wohl auch noch einmal anschauen, habe so eine Art abgebrochene Bildungsgeschichte eines naiven Helden in Erinnerung. Die Tagebücher würde ich, obwohl darin natürlich immer wieder faszinierende sprachliche Finessen aufleuchten, wegen ihrer durchweg selbstquälerischen Belanglosigkeiten, eher meiden. Den "Brief an den Vater" zu lesen reicht, ist aber m.E. ein Muss.

Grüße, Peter Sense
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 15.12.2007
Beiträge: 2539
Wohnort: ja

BeitragVerfasst am: 31.07.2013, 14:22:39    Titel: Antworten mit Zitat

Du hast völlig recht, Kafka war aus heutiger Sicht ein Realist! Das Attribut kafkaesk ist heute alltäglich geworden und macht unter anderen Namen wie alternativlos, systemrelevant, rechtens, legal, korrekt usw. die Runde.

Was einen als 18-jährigen noch schockte, das entringt einem mit 60 kaum ein müdes Lächeln und was einen mit 20 noch die Reaktion 'absurd' entlockte, das qualifiziert man mit 60 als 'völlig normal'.

Tempora mutantur oder doch immer das Gleiche?

Danke für die Lesetipps,

Gruß Zwirn.
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Sonny Clash
Stammelga(ä)st/In


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Beiträge: 386
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BeitragVerfasst am: 02.11.2013, 00:46:00    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe Der Prozeß gelesen und durch Deine Beschreibung, Ignaz, ist es mir auch wieder sehr gegenwärtig.

Es ist kein Buch, das man ein zweites Mal lesen muss, denn schon beim ersten Lesen bekommt man diese Idee von einem Regelwerk, dass völlig abstrakt im Raum steht und von den Menschen im Buch befolgt wird wie ein buddhistisches Mantra. Der Glaube an die Unerschütterlichkeit des Staates, den König, die Religion, die Nation. Wir befolgen die Regeln, die wir uns selbst einst in Bücher schrieben und zahlen genauso "natürlich" Steuern, wie wir uns hinrichten lassen in einem Prozess, den Wir wie Unbeteiligte beobachten.

Kafkaesk.
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Verfasst am: 02.11.2013, 00:46:00    Titel: Ähnliche Themen

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