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Leben ohne Ende

 
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 04.03.2013, 22:32:31    Titel: Leben ohne Ende Antworten mit Zitat

Mein lieber Freund U.F. ist ein sehr kenntnisreicher und vielseitig interessierter Mensch. Doch die sog. "Schöne Literatur" ist ihm unwichtig. So wunderte es mich, bei ihm ein etwas zerlesenes SF-Paperback herumliegen zu sehen, das er als sein Lieblingsbuch bezeichnete, welches er immer mal wieder zur Hand nähme. Also lieh und las ich es und fand es recht bemerkenswert. Das war vor vielleicht 20 Jahren.

Da mir bestimmte Momente aus diesem Buch nicht aus dem Kopf gingen, habe ich jetzt von meinem Freund den längst vergessenen Titel und Autor erfragt, das Werk antiquarisch erstanden und erneut gelesen. Es heißt "Leben ohne Ende" und ist von George R. Stewart. Das Buch ist 1949 in den USA erschienen, der Autor war Englisch-Prof in Berkeley.

Es geht um nichts weniger als den Untergang der zivilisierten Menschheit. Eine plötzliche Seuche rafft sie blitzschnell und komplett dahin - fast komplett.

Das Buch ist eigentlich nur literarisches "good food", linear erzählt, weder Firlefanz noch formalen Extravaganzen, kein besonders ausgefeilter Plot, keine raffinierte Spannungserzeugung, nichts Besonderes eben. Auch die Sprache - zumindest in der Übersetzung - angenehm und angepasst.

Was ist es dann? Der Protagonist, ein Wissenschaftler, der irgendwo einsam in den Bergen Feldforschung betreibt, dort einen Schlangenbiss und eine heftige Erkrankung überlebt, kommt zurück und merkt erst allmählich, dass ihm die Menschheit abhanden gekommen ist. Nur wenige Autoren könnten der Versuchung widerstehen, so etwas effektvoll zu inszenieren. Hier kommt das ganz unspektakulär daher.

Unser Held nimmt sich ein Auto, reist quer durch Amerika. Die letzten großen Todesstätten - ganze Stadtteile wurden zu Lazaretten - meidet er, er erkennt sie am Geruch. Aber im Allgemeinen hat die Disziplin bis zuletzt funktioniert. Er trifft auf seiner Reise doch noch einige wenige Überlebende, die meisten davon zutiefst traumatisiert, demoralisiert oder sie saufen sich gerade zu Tode, jedenfalls niemanden, mit der er sich zusammentun will.

Dann - die Geschichte fängt ja erst an - begegnet er einer Frau, die zu ihm zu passen scheint. Man tut sich zusammen, sammelt noch ein paar andere Menschen auf und gründet einen "Stamm". Der vermehrt sich, trifft später sogar einen anderen, ähnlichen Stamm und das Leben geht weiter. Freilich sind die Vorstellungen unseres Helden, die Zivilisation, wenigstens in Kernbereichen, zu retten, komplett zum Scheitern verurteilt. Beispielsweise kommen die Kinder zwar brav, wenn er Schule hält, aber sie lernen nichts - Lesen und Rechnen ist entbehrlich. (Freilich, die Zahlen unter 10 sind schon wichtig, aber dafür braucht man keine Schule, sondern nur die Finger) Obwohl das Leben immer härter wird, haben wir hier - in den nachwachsenden Generationen - einen Haufen fröhlicher Wilder.

Spätestens hier merkt der Leser, dass dem Werklein auch ein gewisse maliziöse Ironie innewohnt, die ihm hilft, etwa einer romantisch verklärten Zivilisationskritik zu entgehen.

Stewart schildert immer wieder realistisch und datailliert, wie die allgegenwärtigen Zeugnisse der Zivilisation zerfallen, ihre Dienste aufkündigen, von der vordringenden, alles überwuchernden Natur zerstört werden. Eindrucksvoll, wie erst die Elektrizität ausfällt und dann die Trinkwasserversorgung. Ich habe mich bei der Lektüre ernsthaft gefragt, warum sie überhaupt so lange funktioniert haben - eventuell waren ja 1949 die automatischen Regelkreise primitiver, aber robuster als heute. Aber das ist vielleicht der eigentliche Reiz des Werkleins. Es lädt zu geradezu naiven Betrachtungen darüber an, ob das, was da geschildert wird, auch tatsächlich so passieren würde - aktiviert sozusagen einen bodenständigen Realismus.

Natürlich bieten die gewaltigen Warenbstände der Handvoll Überlebender zunächst ein problemloses Auskommen, aber das Zeug verdirbt, wird angefressen, wird unbrauchbar, und man kann nach Jahrzehnten auch nicht mehr nur von faden Konserven leben. Autos sind nicht mehr in Gang zu bekommen, selbst die Gewehre versagen irgendwann. So bleibt es denn eines der weitsichtigsten Taten unseres Helden, dass er seinem Stamm - als Kinderspielzeug - Pfeil und Bogen geschenkt hat, direkt nach Aufgabe des Schulunterrichts.

Es gibt noch weitere interessante Dinge in dem Büchlein, beispielsweise die Hinrichtung eines Menschen oder die allmähliche Herausbildung eins Aberglaubens. Das Buch endet mit dem von einem Waldbrand verursachten Aufbruch des Stammes zu neuen Gefilden und dem Tod des Protagonisten - als letztem der "alten" Generation - der von seinem Stamm als eine Art von senilem Halbgott behandelt wird.
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Ignaz Zwirngiebel
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 15.12.2007
Beiträge: 2539
Wohnort: ja

BeitragVerfasst am: 05.03.2013, 10:11:32    Titel: Antworten mit Zitat

Erinnert mich stark an Lord of the Flies von William Golding, das ich als 18-jähriger in der Schule auf Englisch lesen durfte, damals: mußte.

Eine Schulklasse Halbwüchsiger stürzt mit eine Flugzeug auf einer unbewohnten Insel ab. Kein Erwachsener überlebt. Die Jungs (ich glaub, es gab nur Jungs) sind auf sich allein gestellt.

Es bildet sich nach und nach eine üble Rangordnung heraus mit Willkür der Stärkeren, ein Anführer destilliert sich heraus, am Ende gibts Gewalt und Unterdrückung, Aberglaube und irrationale Gebote wie in der wirklichen Welt.

Sollte ich vielleicht nach all den Jahren wieder mal zur Hand nehmen.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 05.03.2013, 19:30:11    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für den Kommentar!

Ja, für eine Robinsonade braucht man nicht unbedingt eine ganze Menschheit krepieren zu lassen. Und Robinsonaden gibt es etliche, wozu ich auch überlebende / isolierte Kleingruppen zähle. Der "Herr der Fliegen" ist mir vor allem von "Henry Wilt", dem intellektuell gut bestückten, aber durchsetzungsswachen Berufsschullehrer aus den Romanen von Tom Sharpe bekannt. Schullektüre halt. Bei Fleisch I oder Fleisch II kam sie nicht an. Was aber nichts weiter besagt.

Grüße, Peter Sense
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Verfasst am: 05.03.2013, 19:30:11    Titel: Ähnliche Themen

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