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Uwe Timm, Von Anfang und Ende

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 10.06.2012, 11:58:03    Titel: Uwe Timm, Von Anfang und Ende Antworten mit Zitat

Ein besonderes Lesevergnügen hat mir "Von Anfang und Ende" von Uwe Timm bereitet.

Normalerweise mache ich ja einen Bogen um Theoriewerke und lese lieber die "eigentliche" Literatur, aber bei Timms Frankfurter Poetik-Vorlesung "Über die Lesbarkeit der Welt", so der Untertitel, lohnt sich die Ausnahme.

Die Vorlesung beginnt mit dem schön selbstbewussten und angenehm ironiegewürztem Vergleich der Schöpfungsgeschichten mit dem literarischen Schöpfungsprozess. "Die Kosmogonie des Alten Testaments findet ihre triviale Entsprechung im weißen Blatt, das in der Vorstellung der Schreibenden ... eine geradezu mythische Bedeutung hat. Was dort Dunkelheit, ist hier das unschuldige Weiß ... Ein kleiner sprachlicher Kosmos, so die selbstherrliche Vorstellung, etwas ganz Neues soll entstehen, ... wenn man diese Megalomanie zulässt ... Urknall nämlich, aus dessen Energiebrei sich die Materie gebildet hat."

Dann geht es auch gleich mit Ungereimtheiten und Fehlern weiter, sowohl die Gott unterlaufenen sowie die literarischen. Der Schöpfer wollte die Welt wieder zugrunde gehen lassen. "Alles Leben sollte ersäuft werden ... Wie kann es sein, dass Gott, ... nicht sogleich eine richtige, eine gute Schöpfung hinbekommt?" (S. 10f)

Es sind einfache, klare Bilder, die Timm herausarbeitet: Er wolle nicht literaturkritisch an der Bibel herumkritteln, sondern strukturell zeigen, wie schwer Anfänge sind, "wie Brüche entstehen, die dann durch den Glauben gekittet werden müssen. ... Wie auch der Leser weltlicher Literatur den guten Willen haben muss zuzulassen, dass die Fiktion Realität wird. ... Etwas von Hexerei steckt immer noch darin." (S. 16)

Von Gott geht es zügig zu Goethe über, und ich hätte nie geglaubt, was dem Anfang der "Wahlverwandtschaften" alles abzugewinnen ist, dazu der herzerwärmende Hinweis auf einen moderneren Meister der der Beziehungkiste, auf Woody Allen, von da aus ein Zitat von Walter Benjamin, dann geht es weiter zu Albert Camus' Pest. Das hat mir Lust gemacht, dieses Buch noch einmal zu lesen.

Was sich hier in meiner Darstellung vielleicht anhören mag, als sei das alles ganz beliebig und ein wenig an den Haaren herbeigezogen, ist aber bei Timm eine unaufdringliche und beinahe vergnüglich zu nenennede Reise durch die literarischen Landschaften, geführt von einem, der seinen Stoff meisterhaft beherrscht. Er hat ja auch, wie wir unter anderem erfahren, zwei Dissertationen angefertigt; die erste, eine heideggernahe beim Beginn seiner Politisierung verworfen. Auch hier also eine Problematik mit mehreren Anfängen. Heute sei er eher ein weltanschaulicher "Freibeuter", bekennt er weiter. (Was ganz sicher nix mit den "Piraten" zu tun hat, denke ich mir mal)

Es steckt so viel in dem schmalen Bändchen, und es hat gar keinen Sinn, hier noch mehr davon zu berichten, ich habe nur den Anfang des Anfangs angerissen.

Wir erfahren auch wieder ein Menge Persönliches von Timm. Mir scheint, dass dieser Autor im Laufe seiner Entwicklung immer stärker die biografischen und familiengeschichtlichen Wurzeln seines Werkes enthüllt; er gehört zu den wenigen, die das ohne einen Anflug von Eitelkeit können. Aber auch die Nachricht interessiert, welche Jazzmusik Timm immer wieder gehört hat, als er um den Anfang des Romanes "Rot" nun ja: rang. Welch ein Zufall, daß ich diese Musik auch mag. Hier im Forum hatte ich zum Roman geschrieben, daß vielleicht manches etwas "überdeterminiert" sei, und nun weiß ich auch, was ich da gespürt haben mag..

Für mich erschien die Lektüre wie Nachricht von einem Freund.
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Verfasst am: 10.06.2012, 11:58:03    Titel: Ähnliche Themen

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