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Julian Barnes: England, England

 
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peter sense
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Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 05.10.2011, 20:51:26    Titel: Julian Barnes: England, England Antworten mit Zitat

Julian Barnes - England, England.

Das gleiche Urlaubsquartier, das mir die bereits geschilderten Leseerlebnisse bescherte, barg auch „England, England“. Die unter dem Pseudonym Dan Kavanagh erschienen Krimis mit dem Ex-Polizisten und Detektiv Duffy, dem Typen mit dem skupulösen Sexulalleben, der zu beiden Seiten des Flusses grast aber und mit seiner unerklärlich duldsamen Dauervelobten ein sehr scheues Verhältnis pflegt kenne ich schon lange. Dieser Duffy - wer einmal von ihm gelesen hat, wird ihn nicht vergessen. Auch sonst habe ich nicht viel von Barnes ausgelassen, aber „England England“ ist, glaube ich, einer besonderen Erwähnung wert. Und zwar vor allem Aufgrund der unglaublichen kommerziell-postmodern-zeitgemäßen Aktualität, die hier mit einer wunderbar geschmeidigen, tiefgründigen Ironie abgehandelt wird. Der Plot - naja. England wird, da das Original zunehmend selbstenfremdet für Touristen und auch sonst immer unattraktiver wird, als eine Art Disnyland-Kopie auf einer Kanalinsel neu aufgebaut.

Aber die Figuren, die Details! Mit leichter Hand fängt der Autor in seinem ironsichen Schmetterlingsnetz wesentliche Absurditäten unserer Zeit ein - sehr witzig und amüsant!
Allein wie der Finanz-Tycoon, von dem niemand weiß, ob er nun unendlich reich oder unendlich pleite ist, seinen intellektuellen Zuträgern, Beratungsfirmen, („die besten Köpfe, die man von der Steuer absetzen kann“), wie er Hof hält und seine Hofschranzen im Zaume hält - allein das wäre die Lektüre wert. Ein absolutistischer Herrscher der kapitalistischen Moderne.

Was aber wohl mit England (alt) passiert, wenn ihm die Kopie den Rang abläuft? Was passiert mit der Liebe im Schatten des kapital(en) Herrschers, wie wird er gestürzt (ich verrate das mal: mittels einer von ihm perönlich unter pikanten Umständen vollgeschissene Windel) (ja ja das Anale, Scheiße + Geld, wir kennen das ja spätstens seit Freud) und wie kommt er schließlich wieder auf seinen Thron? Oder was passiert mit Leuten, deren Job es ist, tagein tagaus Robin Hood und seine Mannen vom Sherwood Forest zu verkörpern? Wenn sie beginnen, wie viele andere in England II, ihre Rollen gar zu ernst zu nehmen? Im Buch stehts geschrieben.

Es gibt noch eine Menge weiterer Aspekte, ein Spiel mit Symbolen und Bedeutungen, ein Spiel mit dem ganzen selbstreferentiellen eitlen Wissenschaftsgeschwafel, der Barnes ist ja durchaus vom Fach, und er scheint das mit einer Art hämischen Freude zu dekonstruieren. (Oder wie immer man das nennt)
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2436

BeitragVerfasst am: 19.10.2011, 17:21:58    Titel: Antworten mit Zitat

Nun hat der J. Barnes, nachdem er schon mehrmals dafür nominiert wurde, dieses Jahr den "Booker Prize" erhalten. Die Novelle, "The Sense of an Ending", die noch nicht in Deutsch erschienen ist, sei "unglaublich konzentriert", und man könne sie nicht nur ein- oder zweimal, nein sogar dreimal lesen, wenn ich einen der Juroren richtig verstanden habe. Der "Sense, Peter" sagt dazu: "Das freut mich wirklich. Zeigt es doch, daß Barnes meinen Rat beherzigt hat, es mal etwas kürzer zu machen."

Zufällig habe ich in den letzten Tagen das Barnes-Werk "Als sie mich noch nicht kannte" ein zweites mal gelesen. Dabei bin ich, wie beim ersten mal vor Jahren, ab der Hälfte wieder ans Querlesen geraten - das Buch ist literarisch-inhaltlich auf eine gewissen Art und Weise peinigend (man könnte auch sagen: packend). Dieses retrospektive Eifersuchtsdrama bietet nicht nur die Zumutung einer unendlich vernagelten Beziehungskiste, sondern lockt auch mit wohlkonstruierter Krimi-Spannung. Dennoch: auf die Hälfte oder ein Drittel eingedampft, wäre das auch ein Meisterwerk geworden.

Wen Barnes jetzt interessiert: die Krimis, und auch die "Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" sind Spitze.

meint
der Sense.
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Verfasst am: 19.10.2011, 17:21:58    Titel: Ähnliche Themen

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