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Friedrich Wilhelm Nietzsche

 
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Ripley
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BeitragVerfasst am: 15.02.2008, 14:50:40    Titel: Antworten mit Zitat

Interessanter und sehr philosophischer Ansatz.

Ich seh schon in eine weite Zukunft. Aufgerufen wird zum Protest gegen ein Wärmerückkopplungswasserkraftwerk mit angekoppelter Sonnen...ach egal. Es ist ungeheuerlich, mit welcher Leichtigkeit sich hier über ein Kulturdenkmal wie dem Braunkohletagebauloch hinweggesetzt wird! lautet eine Schlagzeile.

Aber egal Wink

Immer her mit FN!
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 16.02.2008, 23:31:38    Titel: Antworten mit Zitat

Gerne oute ich mich an dieser Stelle als ein großer Freund von Röcken.
Besonders, wenn sie schön kurz sind.
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Madge
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BeitragVerfasst am: 17.02.2008, 11:06:32    Titel: Antworten mit Zitat

Na, herrlich. Es gibt dort eine Art Nietzsche Trinität. Drei Orte: Röcken - Unterröcken - Bürsten.
Ansonsten war das zu DDR Zeiten immer völlig verwildert. Es gab wenige Leute, die sich engagiert haben für den Ort und das Pfarrhaus.
Aber - wenn ich mich recht erinnere - gab es so Ende der 80er Jahre einen sehr heftigen Nietzsche-Diskurs. Das war sensationell, denn bis dahin kannte man von ihm nur das "Wenn Du zum Weibe gehst..." usw.

Das Buch von Safranski fand ich sehr interessant, weil es Orientierung bietet und Nietzsche als Vordenker von Freud definiert. So ungefähr. Nehmt mich nicht beim Wort. Jedenfalls war Freud das Ei und Nietzsche die Henne.
Ansonsten: Mir ist die Sprache zu bombastisch. Irgendwo hat patmos vom Ekel gesprochen. Das geht mir zu weit. Aber - auf der einen Seite so ein andauernd kranker Mensch, der auch noch vom Pferd gefallen ist, gewissermaßen ein "Ritter Bleichenwang" der Philosophie. Und dann dieses Getöse manchmal , ich weiß nicht, ich weiß nicht.
Und dann war doch da noch dieses miese Schwesterchen oder schiebt man der jetzt wieder die Schuld in die Schuhe an allem?
Kurzerhand - mich interessiert an dem ganzen Nietzsche nur die Kolportage. Ach so und noch ein ganz guter Spruch: Christentum ist Platonismus fürs Volk.
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Roquairol
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BeitragVerfasst am: 17.02.2008, 12:17:30    Titel: Antworten mit Zitat

Zu bombastisch ist mir die Sprache der Werbung, mit der man in unserer Welt ständig bombardiert wird, aber nicht Nietzsche. Mir ist früher mal aufgefallen, daß Nietzsches Sprache manchmal so wirkt, weil man sich einen bombastischen Sprecher dabei vorstellt. Aber dieser Sprecher befindet sich nur im Kopf des Lesenden. Man stelle sich dieselbe Textpassage leise, in ganz ruhigem Ton vorgetragen vor: Die Wirkung ist eine ganz andere, sogar intensivere.

Und, nein, man hat der Schwester nichts in die Schuhe geschoben. Elisabeth Förster-Nietzsche war eine bekennende Antisemitin, die das Werk ihres Bruders in diesem Sinne manipuliert hat, Briefe von ihm gefälscht hat usw. - damit hat sie ein Bild von ihm in die Welt gesetzt, das erst vor ca. 20 Jahren durch die erste historisch-kritische Nietzsche-Ausgabe von Colli und Montinari zurechtgerückt wurde.
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Taxine
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BeitragVerfasst am: 17.02.2008, 14:56:40    Titel: Antworten mit Zitat

... nicht zu vergessen, dass sie besonders von seinem Wahnsinn profitiert hat, dass sie den armen Kranken wie ein lebendes Kunstwerk ganzen Horden Interessierter vorgeführt hat. Mich wundert zum Beispiel auch, dass "Der Wille zur Macht" heute sogar noch als sein Hauptwerk vorgestellt wird, wobei es sich hierbei nur noch um Zusammenschnitte seiner Schriften und Notizen handelt, die von den gierigen Augen und profitgeilen Händen der Schwester sortiert sind.

Der Inhalt seiner Werke ist mächtig, tief, bohrend. Bombastisches finde ich bei Nietzsche auch nicht!

Grüße
Taxine
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Ripley
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BeitragVerfasst am: 19.02.2008, 11:08:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mag an Nietzsche seine Mischung aus pointierter Sprache und philosophischen Gedanken. Und zwar Philosophie im guten Sinne, dass sie nicht alles vorkaut sondern - wie soll ich das ausdrücken? - zu zeigen versucht, wie man denken könnte, wenn man denn wollte.

Nietzsche ist eben nicht klar und nicht eindeutig - außer in seiner Aversion gegen diese Attribute. Er mag (vielmehr mochte, soviel Zeit muss sein) es nicht, etwas vorgedacht zu bekommen - und hat deshalb munter auf alles eingeschlagen (sprachlich), was den Anschein von Belehrung und Dogma erweckte. Und davon gab und gibt es ja wahrlich genug.

Ich würde Nietzsche als Henne Freuds sehen, wenn es um seine tiefenpsychologischen Gedanken geht - oder sollte man sagen: seine Versuche, Menschen unter die Haut zu gucken?

Ansonsten steht er vielleicht auch in einer Reihe mit Philosophen, die einfach dem Grund des Denkens auf die Spur kommen wollten. Wieso denken wir so, wie wir denken? Und: Welcher Gedanke geht dem Gedanken voraus, den wir da gerade denken?

Da kann einem schwindelig werden, und früher oder später winkt wohl jeder Mensch, der noch was anderes vorhat heute, dankend ab und geht wieder zum Pragmatismus über. Kant hat aus diesem Geschwurbel eine ganze Wissenschaft gemacht und es mit, wie ich finde, nötiger Gelassenheit ertragen, dass der uralte Satz von Sokrates wohl immer noch gültig ist: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Nietzsche war wohl etwas engagierter in dieser Sache - er ist zeitweilig sicherlich daran verzweifelt. Nichts desto Trotz ist es ein reines Vergnügen, seine sprachorientierten Werke wie den Zarathustra zu lesen - ach was... zu studieren, zu atmen. Auch wenn man sich leicht drin verlieren kann. Finde ich. Was natürlich unmaßgeblich ist. Confused
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Cut&Paste
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BeitragVerfasst am: 23.02.2008, 17:34:46    Titel: Hanfstaengl Antworten mit Zitat

Ungerne oute ich mich an dieser Stelle als ein großer Ignorant in Sachen Nietzsche, aber ich lese gerade "Zwischen Weißem und Braunem Haus - Memoiren eines politischen Außenseiters" von Ernst Hanfstaengl, Piper Verlag, München 1970, wo es auf Seite 299f. anlässlich einer kurz nach der Machtübernahme stattfindenden Zeremonie in der Potsdamer Garnisonskirche, an der auch Hindenburg und diverse konservative Vertreter des Vor- und Nach-Weimar-Deutschland teilnahmen, heißt:

Zitat:
Ich brauche die Szene nicht im einzelnen zu beschreiben: den leeren Stuhl des Kaisers, den Kronprinzen, Hindenburg, den alten Generalfeldmarschall Mackensen in der Uniform der Totenkopfhusaren. Das war in der Tat die "Reaktion" in vollem Kriegsschuck! Hitler leistete alt und jung seinen Lippendienst, weil er es im Augenblick tun mußte; ein Kenner jedoch merkte an ihm einen neuen Ton. Ich stand keine sieben Meter von ihm entfernt, neben Heß. "Von nun an ist es die heroische Weltanschauung, die Deutschlands Ideale in der Zukunft bestimmen wird ..." Es gab mir einen Ruck. Was war denn das? Wo hatte Hitler diesen neuen Ton her? Das klang nicht nach Schopenhauer, Hitlers philosophischem Abgott der guten alten Tage Dietrich Eckarts. Das war ein neuer Klang: das war Nietzsche.

Ich dachte an ein Erlebnis, das ein paar Monate zurücklag. Während einer unserer Wahlreisen hatten wir in der Nähe von Weimar die Villa "Silberblick" aufgesucht, in der Nietzsche gestorben war und in der noch seine 86jährige verwitwete Schwester Förster-Nietzsche lebte. Wir anderen hatten anderthalb Stunden draußen warten müssen. Hitler war mit der Peitsche hineingegangen, kam aber zu meiner Verblüffung mit einem dünnen Stöckchen aus der Zeit der Jahrhundertwende, am Finger baumelnd, wieder heraus. "Was für eine wunderbare alte Dame", sagte er, "intelligent und lebendig. Eine wirkliche Persönlichkeit. Sehen Sie, sie hat mir ihres Bruders letzten Spazierstock geschenkt. Ein großes Kompliment. Sie hätten dabei sein sollen, Hanfstaengl." Die übliche Ausflucht, wenn er mich von etwas ausgeschlossen hatte.

Die kleine Episode hatte auf Hitler offenbar einen tiefen Eindruck gemacht. Sein Geist glich einem schnell strömenden Fluß. Man konnte nie wissen, ob darin etwas versank, um dann plötzlich wieder aufzutauchen. Seit dem Tage von Potsdam gab es häufig Nietzsche-Schlagworte: für den Willen zur Macht, für das Herrenvolk, für die Sklavenmoral, den Kampf für ein heroisches Leben; gegen tote formale Erziehung, gegen christliche Philosophie, gegen eine auf Mitleid gegründete Ethik. Schopenhauers fast buddhahafte Milde war für immer erledigt. Die Gauleiter ließen sich mehr und mehr von einem verballhornten und mißverstandenen Nietzsche inspirieren. Die Wendung zur Guillotine hin, die schon Robespierre den Lehren Jean-Jacques Rousseaus zu geben gewußt hatte, wurde von Goebbels, Hitler und der Gestapo wiederholt, indem sie die widersprüchlichen Lehren Nietzsches politisch vereinfachten.
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 17:38:00    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Die Gauleiter ließen sich mehr und mehr von einem verballhornten und mißverstandenen Nietzsche inspirieren. Die Wendung zur Guillotine hin, die schon Robespierre den Lehren Jean-Jacques Rousseaus zu geben gewußt hatte, wurde von Goebbels, Hitler und der Gestapo wiederholt, indem sie die widersprüchlichen Lehren Nietzsches politisch vereinfachten.


-Was kann Nietzsche dafür, dass die Deppennazis ihn verhunzt haben?
- Nichts!

über Ernst Hanfstaengl hier
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Madge
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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 19:46:48    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Die Nazis haben Nietzsche nicht mißbraucht. Sie haben Nietzsche benutzt. Sie haben diejenigen Aussagen Nietzsches genommen, die sie für ihre Ideologie gebrauchen konnten und die häufig genug in ihrer Eindeutigkeit gar nicht falsch verstanden werden konnten. Das soll natürlich nicht heißen, ohne Nietzsche hätte es keinen Faschismus gegeben, aber in dem Ursachengeflecht des Faschismus befindet sich auch Nietzsche. Hätte Nietzsche nicht in so mitreißender Sprache faschistoide Auffassungen verbreitet, wäre vielleicht mancher Faschist kein Faschist geworden.


(Quelle: Peter Möller - Nietzsche Kritiker)

Es herrscht unter den Nietzsche Anhängern eine Neigung zu bewundernder Hörigkeit und Gefolgschaft, die allein schon dazu anhält, kritisch zu bleiben gegenüber solch unkritischer Bewunderung.

Seine Aussagen über Frauen will ich hier gar nicht anführen.

M.
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 28.02.2008, 21:53:44    Titel: Antworten mit Zitat

Irgendwo gibt es bei Erich Kästner die Anmerkung, daß die Soldaten in den Krieg zogen mit einem "zerlesenen, aber keinesfalls verstandenem" Nietzsche-Band im Tournister. Ich glaube nicht, daß er damit Nietzsche in Schutz nehmen wollte.
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Ripley
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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 11:42:52    Titel: Antworten mit Zitat

Da hast Du absolut Recht, Madge - und ich gestehe, dass ich aus Erfahrung rede. Eine heiße Bewunderin war ich auch, Verehrung ... so weit würde ich eigentlich nicht gehen wollen, ich verehre eigentlich niemanden außer den Beatles und J.K. Rowling. Aber doch jemand, der immer ein "Lies mal Nietzsche, der hat all das schon durchschaut!" auf den Lippen hatte.

In Hinblick auf eine Verbindung von Nietzsche und der Nazi-Ideologie kann man dem Älteren wohl mildernd zugute halten, dass er mit einer ganz anderen Unbekümmertheit reden und denken konnte, als wir das heute - um die möglichen Folgen extremer Gedanken WISSEND - tun dürfen. Kann man ihm zum Vorwurf machen, dass er seine Gedanken bewusst und mit sichtbarer Freude vom Verstand losgelöst hat und auf das Tiefere, das Unbewusste seiner Gefolgschaft zielte - mit dem klaren Risiko, missverstanden und missinterpretiert zu werden?

Ich finde nein.

Sind seine Gedanken mit der Nazi-Ideologie kompatibel?

Nietzsches Philosophie kreist um das Individuum. Die Nazi-Ideologie ist eine Ideologie der Masse. Nitzsche strebte den Übermenschen an im Sinne von: hin zu einem fühlenden, sich immer wieder in Zweifel ziehenden, selber denkenden, suchenden, sich keiner Autorität unterordnenden (außer einem tanzenden Gott) ... Wesen. Ich wage zu behaupten, dass Nietzsche entsetzt gewesen wäre, hätte er die Deutschen in Reih und Glied gesehen, wie sie "Sieg heil" brüllen und ihre eigene 'Rasse' über andere stellen. Er wäre entsetzt gewesen, hätte er ein Theaterstück gesehen wie "Die Ermittlung" von Peter Weiss, das einen mit dem schlimmen Gefühl zurücklässt, mit einem Male nachvollziehen zu können, wie viele DurchschnittsMENSCHEN es - ganz im Sinne Nietzsches - gab, die schlicht und ergreifend keine andere Möglichkeit sahen, als sich im System einzugliedern. Was hätten wir denn tun können? Wir waren doch nur ein kleines Rad unter viel zu vielen. Genau diese - allzu - menschlichen Eigenschaften waren es, gegenüber denen Nietzsche das ganz dringende Bedürfnis hatte, sie zu überwinden.

Wieso wurde er trotzdem vor den Karren gespannt? Weil er eben auch das war: pathetisch, überschwänglich, begeisternd. Er hatte eine unglaubliche Wortmacht, die dazu einläd, sie einfach hinauszuschreien und dafür Jubel zu ernten und Begeisterung - völlig unabhängig von ihrem tieferen Sinn. Er kreist rund um ein menschliches Urbedürfnis, um DIE menschliche Triebfeder schlechthin: ums Überwinden, ums neu erschaffen, um die Selbst-Entwicklung. Und natürlich taucht in diesen Gedanken das "Große Ganze" auf: Stellt Euch vor, ALLE würden sich auf diesen Weg machen! Wie viel besser könnte unsere Welt aussehen!

Und von diesem Gedanken aus ist es für keine Ideologie - für keine! - mehr weit bis zum "Und alle, die sich uns in den Weg stellen oder die wir als nicht tauglich oder nicht wert erachten, uns auf diesem Weg zu folgen, werden zunächst verachtet und anschließend vernichtet".

Nur, dass die Nazis dabei das Lachen vergessen haben. Das Lachen, das Tanzen und das Kind.
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Forenking






Verfasst am: 29.02.2008, 11:42:52    Titel: Ähnliche Themen

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Taxine
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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 14:41:53    Titel: Antworten mit Zitat

Naja, ich weiß nicht. Unkritische Bewunderung findet man doch eher selten. Mich macht eher skeptisch, wenn Menschen über Philosophen/Schriftsteller/Künstler anhand fremder Texte argumentieren und urteilen.

Nietzsche wurde vom Faschismus aufgegriffen, weil er dabei sehr "selektiv" gelesen wurde. Das ließe sich mit dem Zusammenkleben von Schlagwörtern und Schlagzeilen vergleichen, aus denen sich wohl kaum ein getreues Bild erzielen lässt. Er wurde einfach auf das jeweils "Brauchbare" reduziert.


Zu dem, was Nietzsche über Frauen gesagt hat: Man sollte hierbei immer die Zeit im Auge behalten und nicht verkennen, dass Nietzsche hauptsächlich im "Zarathustra" näher auf die Frau eingegangen ist. Daneben war er nämlich für die Emanzipation der Frau, was ersichtlich wird, wenn man seine Schriften und seine Ansichten über "die Stärke im Menschen" kennt. Er hat zum Beispiel bei einer Abstimmung der Basler Fakultät dafür gestimmt, dass Frauen zur Promotion zugelassen werden, womit er zu den Stimmen gehörte, die sich in der Minderzahl befanden. Und für jemanden, der Frauen scheinbar so abwertet, war er mit zwei der größten Vertreterinnen der Emanzipation befreundet.
Die Schrift "Zarathustra" muss darum immer in ihrem Zusammenhang und ihrer "Rolle" als Schrift betrachtet werden!

Grüße
Taxine
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Madge
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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 14:46:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ripley,
also das ist eine schwierige Kiste.

Zitat:
Kann man ihm zum Vorwurf machen, dass er seine Gedanken bewusst und mit sichtbarer Freude vom Verstand losgelöst hat und auf das Tiefere, das Unbewusste seiner Gefolgschaft zielte - mit dem klaren Risiko, missverstanden und missinterpretiert zu werden? -

Ich finde nein


Nein, den Vorwurf kann man ihm nicht machen. Aber Du liest Dich so, als seien auch die eindeutigen menschenverachtenden Thesen von Nietzsche nichts weiter als Ergebnisse von Missinterpretationen. Er ist in vielem doch auch eindeutig. Oder nicht? Oder ist es das Problem, dass es zu allem, was er bekundet hat, auch ein Gegenteil geben kann? Mir ist das Zielen auf Unbewusstes schon was Totalitäres.

Zitat:
Sind seine Gedanken mit der Nazi-Ideologie kompatibel?

Da finde ich nun wieder, dass man die Frage so unhistorisch nicht stellen kann. So ganz ohne Grund werden sie ihn nicht favorisiert haben.



Zitat:
Wir waren doch nur ein kleines Rad unter viel zu vielen. Genau diese - allzu - menschlichen Eigenschaften waren es, gegenüber denen Nietzsche das ganz dringende Bedürfnis hatte, sie zu überwinden


Das ist ja das Problem, es gibt keine Massenüberwindung, es ist immer der einzelne. Ich finde, die Gegenüberstellung Nietzsche - Individuum und Naziideologie als Masse muss man vielleicht dialektischer sehen. Ich weiß nicht, was Nietzsche alles überwinden wollte, aber ich sehe, dass er in seinen Jüngern das Gefühl nähren konnte, zur großen immer stärker werdenden Menge der Menschen zu gehören, die keine Masse mehr sind. Damit verschleiert er eigentlich nur das Wesen sich elitär gebender Totalitarismen.

Zitat:
Nur, dass die Nazis dabei das Lachen vergessen haben. Das Lachen, das Tanzen und das Kind.


Also von daher passt auf Nietzsche der schöne Satz: "Er will doch bloß spielen" hervorragend.
Ein Überwinder aller Systeme, einer, den Thomas Mann - so habe ich nachgelesen - als"den Urheber wohl der faszinierendsten und farbenvollsten philosophischen oder lyrisch-kritischen Produktion unseres Zeitalters" apostrophierte. Aber Thomas Mann habe erkannt, so ein Wissenchaftler, dass er wie viele andere Nietzsche-Verehrer den Philosophen lange Zeit viel zu wörtlich genommen hatte, eine Einsicht, die auf Karl Jaspers zurückgehe. Das finde ich dann doch ganz tröstlich, weil ich mich immer unwohl fühle, wenn es zu hoch hinauf gehen soll. Wenn man sich fürchten muss vor Konsequenzen. Die können ja ausbleiben, wenn man ihn nicht ernst nimmt. Man will ja nur spielen. Postmoderne Spielereien.

Na ich weiß nicht, ob ich mich verständlich machen konnte. Es ist ja auch eine schwierige Kiste.

Gruß
Madge
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Ripley
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BeitragVerfasst am: 29.02.2008, 15:47:16    Titel: Antworten mit Zitat

Isses auch, das.

Ich sehe das schon alleine daran, dass ich vorhin aufgrund dieser Diskussion noch "mal schnell" in den Zarathustra reingucken wollte, um ihn aufzufrischen.

Ha - Pustekuchen. Einfach reinlesen geht nicht, man muss sich schon drauf einlassen, sonst versteht man gar nix.

Weißt Du was? Ich tippe jetzt mal ab. Und zwar Teil 2 der Vorrede. Für all die, die nicht so recht wissen, wieso das alles so ambivalent gesehen werden kann:
Zitat:
Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

"Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt.
Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?"

Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen."

"Warum", sagte der Heilige, "ging ich doch in den Wald und die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen."

Zarathustra antwortete: "Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk."

"Gib ihnen nichts", sagte der Heilige. "Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen - das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohl tut!
Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und laß sie noch darum betteln!"

"Nein", antwortete Zarathustra, "ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug."


Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: "So sieh zu, daß sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, daß wir kommen, um zu schenken.
Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich - ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?"

"Und was macht der Heilige im Walde?", fragte Zarathustra.

Der Heilige antwortete: "Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine undbrumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?"

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: "Was hätte ich euch zu geben! Aber laßt mich schnell davon, daß ich euch nichts nehme!" - Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: "Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist."


Ich habe zwei Stellen hervorgehoben, um zu verdeutlichen, wieso es so kritisch ist, Nietzsche aus dem Zusammenhang zu reißen und ihn zu zerpflücken (was die Nazis definitiv getan haben: sein Werk verstümmelt mithilfe Nietzsches Schwester, um nur das unters Volk zu bringen, was ihrer Ideologie passte).

Viele Nietzsche-Kritik zieht sich durch die Welt. Viele Kritik schreibt sich aber auch voneinander ab, weil Quellen nicht (mehr) gelesen werden. Das haben ja schon so viele vorher getan - sollten die etwa alle irren?
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Madge
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BeitragVerfasst am: 01.03.2008, 10:06:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Ein hübsches Zitat aus einer Publikation über Nietzsche: „Niemand überschaut die Zahl von Publikationen zu Nietzsche. Inzwischen schreibt bei uns jeder Privatdozent, der beim Lesen des Zarathustra rotglühende Ohren bekommen hat, ein begeistertes Büchlein über Nietzsche. „ Na ist das nicht schön? Also nicht nur die Nietzsche -Kritiker schreiben munter fort.

Mich beschleicht – mal abgesehen von den Aphorismen, die man eben so liest - immer ein Unbehagen bei Nietzsche. Und das war da bevor ich sekundäre Quellen zu Rate gezogen habe. Mir geht es da so, wie es patmos an anderer Stelle angemerkt hat, mir wird übel von diesem Pathos. Und dann will ich einfach wissen, ob sich auch andere mit Nietzsche kritisch befasst haben. Ich selbst halte mich nicht für so standfest auf philosophischem Gebiet, dass ich da auf Hilfe verzichten wollte. Das ist das eine.

Das andere ist, dass mir die gegenwärtige Nietzsche-Begeisterung doch sehr in den Zeitgeist zu passen scheint. Das ist mir aufgefallen, als ich über Nietzsches Absage an die Freiheit des Einzelnen und damit auch an die Verantwortung gelesen habe. Und wenn man das dann zusammendenkt mit den gegenwärtig sehr modisch gewordenen Absagen an den freien Willen des Menschen, wie sie aus der Ecke der Hirnforscher und Genetiker kommt. Die NZZ hat in einem sehr guten Beitrag eine gewisse Freiheitsmüdigkeit konstatiert. Und da passt doch dann ein Nietzsche ganz hervorragend hinein. Da kann schon wieder ein hochgefährliches geschlossenes Weltbild entstehen. Mit Jüngerinnen und Jüngern, mit Leuten, die die Vernunft verabschieden wollen und – nebenher - mit massenhaft Potential zu neuer Instrumentalisierung und Missdeutung in alle Richtungen. Nee, also ich bin nicht bereit, mich davor zur verbeugen vor diesem kitschigen Verlautbarungsgetöse.
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Ripley
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BeitragVerfasst am: 01.03.2008, 10:37:12    Titel: Antworten mit Zitat

Dass irgendwelche Philosophen oder sonstige Denker von Anno Dazumal dafür herhalten sollen, Probleme oder auch nur scheinbare von Heute zu lösen oder zu erklären, finde ich auch sehr kritisch.

Auch oder gerade ein Nietzsche ist eben auch immer eins: ein Kind seiner Zeit. Ein Kind also einer Zeit, in der Kriege noch nicht mit Bomben geführt wurden, in der Staaten an Kinderkrankheiten litten, in denen Menschen ganz anders unterjocht und erzogen wurden als heutzutage. Einer Zeit, in der auch Frauen zum Beispiel ganz anders sozialisiert waren (etwas, dass man auch Freud vorwerfen kann (oder auch nicht - ich weiß nicht so recht, wie streng man da sein darf): Dass er seine Theorien aufgestellt hat, ohne zu berücksichtigen, dass Menschen ganz starke Produkte ihrer Umwelt sind. Von wehen hysterische Anfälle, zu denen Frauen neigen, Penisneid und so ...). Immerhin kann man Nietzsche da zugute halten, dass er auch diesen Ärger über eine oft doch ziemlich selbst verschuldete Unmündigkeit angeprangert hat, was sich ja auch durch diverse Pamphlete diverser Frauenrechtlerinnen zieht (Motto: selbst Schuld! Wenn Ihr so elend lebt, dann steht doch bitte auf und TUT was dagegen! Oder seid Ihr dazu etwa tatsächlich unfähig?).

Zusammengefasst vielleicht: das Kind einer naiveren Zeit.

Ich mag diesen Pathos inzwischen auch nicht mehr, denn Pathos hat die Neigung, erst zu kleben und dann zuzukleben: Durch den Pathos angelockt bildet man ein Grüppchen, pathetiert sich gegenseitig zu, lauscht oft auch nur einem Meister (der nicht selten das "Rühr-mich-nicht-an"-Spielchen eines begehrenswerten Rasseweibs spielt) und fühlt sich früher oder später elitär. Ausgewählt. Und ist in Wirklichkeit doch nur: zugekleistert. Geschlossene Gesellschaft! Und eine - das große Risiko! -, die sich überdies mit Händen und Füßen, mit Gewalt und Vernichtungszügen, gegen oft nur vermeindliche Gegner von "außen" wehrt.

Das sind so Grundzüge faschistoiden Handelns: Erst einspinnen, umgarnen, anlocken - dann ausnutzen und auf zweifelhafte Wege führen, das nunmehr blinde Schlachtvieh (ohje ... ich neige manchmal auch zum Pathos, merkst man das?).

Ich will die Hirnforschung da gar nicht pauschal verurteilen, denn sie hat dort, wo sie nicht mit dem Spruch kommt "Ich habe jetzt schon Millionen Gehirne in feine Scheibchen seziert: Den GEIST habe ich dabei noch nicht gefunden, und auch keinen freien Willen" einige handfeste Argumente, die eine moderne pädagogische Arbeit zum Beispiel sehr unterstützt (konkret: wegführt von Irrwegen (jawoll!) wie "zurück zum Rohrstock" oder "Hauptsache, die Kleinen lernen Computer"). Genauso kann sie dabei helfen, Faschismusforschung herauszuholen aus einer rein philosophischen Ecke, die doch viel mit Kaffeesatzleserei zu tun hat. Es ist eine neue Logik, die sich da aufbaut und die ich teilweise sehr faszinierend finde.
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Madge
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BeitragVerfasst am: 01.03.2008, 14:16:57    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
ohje ... ich neige manchmal auch zum Pathos, merkst man das?).


Ach was, Du ereiferst Dich halt. Smile Is ja nichts schlimmes.

Man kann sich ansonsten darüber einigen, dass ein Künstler/Denker immer im Kontext seiner Zeit zu verstehen ist. Mir hat es früher auch gefallen, einen priesterlichen Freund mit Nietzsche zu ärgern. Aber nicht mit der "Gott ist tot"-Geschichte. Das kennen die alle schon und wenden es gekonnt an, wie Bonhoeffer zum Beispiel. Und es gibt auch von Nietzsche bzw. Freud Erkenntnisse, die Allgemeingut sind. Wer sieht nicht das Element der Kontrolle und Machtausübung in mancher wohltätigen Handlung, wer sieht nicht dass Böses und Gutes keine Antipoden sind usw. Der Geist der Böses will und Gutes schafft und alles diese Dinge.Das ist heute ja auch wirklich überhaupt keine Frage mehr. Von Nietzsche über Freud werden die unterschiedlichen Ebenen menschlichen Handelns und menschlicher Moral immer wieder hinterfragt. Aber aus meiner Sicht kommt immer wieder heraus, dass man sie so einfach nicht überwinden kann, um den Preis der Beliebigkeit und des Blickes ins Leere nicht.
So, ich kann auch Pathos. Razz
Gruß
Madge
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peter sense
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BeitragVerfasst am: 06.03.2008, 22:52:43    Titel: Antworten mit Zitat

Vor Jahren, als der Thread mit der Nietzsche-Diskussion im LC noch ganz am Anfang war, hatte ich meine alte ganz prima vergilbte Goldmann-Taschenbuch-Ausgabe der "Fröhlichen Wissenschaft" rausgekramt, mir das Schluss-Gedicht des GröDaZ (Größten Dichters aller Zeiten) vorgenommen und dem verehrlichtem Nietzschke-Publikum eine Interpretation angethan, um nicht zu sagen in die Öhrchen gedrückt.

Leider kam nur ganz schwache Gegenwehr und lauer Protest, umso schneller stürzte man sich verzückt aufs nächste Dutzend der vor Bedeutsamkeit triefenden Aphorismen wie ein Schwarm irrgeleiteter Holzwürmer aufs Plastiklaminat.

Da meine damaligen lichtvollen Ausführungen zusammen mit der alten Tischlerei verloren gegangen sind, fange ich nun nicht noch mal von vorne an sondern lasse kurz Herrn F. N. selber sprechen:

Zitat:

Ein Tanzlied.

Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb' ich dich!

(Es folgen viele Verse inkonsistenter, um nicht zu sagen inkontinenter Naturlyrik mit ordentlich Gesaus + Gebraus)

Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muss mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Strassen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Muth!

Jagen wir die Himmels-Trüber,
Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber,
........ und so weiter ......


Ganz nebenbei: Wenn überhaupt wertende Aussagen über Lyrik möglich sind, dann ist es keine gute. (Genausowenig wie der Rest gute Philosophie ist)

Meine damalige Frage: Warum gerade Nietzsche, und warum gerade
jetzt? - vermag ich aber heute beantworten.

Es ist die Aktualität!

Die Himmelsstürmer etc, Leute die nicht fragen sondern einfach mal ohne Rücksicht auf Verluste losrennen (egal wohin, aber sie sind dann schneller dort) etc werden gebraucht wie nie, damit der Dax wieder hochkommt, das Geschäft brummt und die gute alte Welt ihren paar wenigen Besitzern weiterhin die Freude bereitet, auf die sie Anspruch haben.

So gesehen, handelt es sich lediglich um einige Paraphrasen zur 15. Ergänzungsverordnung des Kostendämpfungsgesetzes im Gesundheitswesen. Weg mit der "Kranken-Brut", den Alten, den Lahmen, den Miesmachern - in den Staub der Straße mit ihnen.

Bitte keine Ausflüchte. Das steht da so. Und ich sehe keine Möglichkeit, das irgendwie als symbolisch, philosophisch, ironisch oder sonstwie nicht so gemeint hinzustellen. Es gibt keine Entschuldigung.
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Madge
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BeitragVerfasst am: 07.03.2008, 16:33:32    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
So gesehen, handelt es sich lediglich um einige Paraphrasen zur 15. Ergänzungsverordnung des Kostendämpfungsgesetzes im Gesundheitswesen. Weg mit der "Kranken-Brut", den Alten, den Lahmen, den Miesmachern - in den Staub der Straße mit ihnen.

Nicht schlecht - das nenne ich ordentliche Deutungsarbeit.

Mir ist aber - wie schon angemerkt - auch bange vor der merkwürdigen Aktualität solchen Rebellentums.
Madge
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Madge
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BeitragVerfasst am: 08.03.2008, 11:17:23    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Friedrich Arthur,
nichts dagegen zu sagen, wenn Du Deine Sicht auf Nietzsche und ihn selbst verteidigst. Es gibt nebenher keinen Denker, der so einen Verteidigungs- und Verehrungsimpuls auslöst wie Nietzsche.
Aber das hier ist dann doch zu arg und zäumt das Pferd am Schwanz auf.
Zitat:
Zu den Massen wollte ich noch ergänzen, dass sie leider eben nicht immer nur grau waren, sondern leider auch in der Geschichte braune und rote Färbung annahm

Pfui, kann ich da nur sagen. Das ist so als hätte es überhaupt keine Vordenker, keine Einpeitscher gegeben, als seien die Massen andauernd zu nichts anderem zu gebrauchen als roten und braunen (alles die gleiche Brühe, aha) Verführern hinterher zu rennen.
Es gibt sie durchaus - die verführbaren Massen, aber nichts ändert was dran, dass auch Du unter Umständen zu ihnen gehören kannst.
Diesen Hochmut - ich kann ihn nicht ertragen, wirklich nicht.
Madge
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BeitragVerfasst am: 22.04.2008, 21:32:00    Titel: Antworten mit Zitat

Eine gute Nachricht soll hier nicht verschwiegen werden: Vor zwei Wochen gab die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft bekannt, daß sie die Pläne, Nietzsches Geburtsort Röcken abzubaggern, aufgegeben habe. Aus "rein wirtschaftlichen Gründen" natürlich. Von irgendwelchen sentimentalen Philosophie-Spinnern würden sie sich ja nie beeindrucken lassen ...
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Verfasst am: 22.04.2008, 21:32:00    Titel: Ähnliche Themen

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