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Bernhard Lassahn

 
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peter sense
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Anmeldedatum: 14.12.2007
Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 27.07.2010, 18:36:59    Titel: Bernhard Lassahn Antworten mit Zitat

Beim Wühlen im Antiquariat bin ich auf den ersten Roman von Bernhard Lassahn, dem "Land mit lila Kühen" gestoßen. Der Klappentext beeilt sich mitzuteilen, daß B. L. auch das famose "Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh" gedichtet hat, damit wir das alle gleich richtig einordnen können. Bislang kannte ich nur die Geschichten-Sammlung "Liebe in den großen Städten" - sicher, kann man auch lesen, hat mich dann aber nicht zu weiteren Reisen durch die Welt des B. L. animiert.

Das erste, große, ungetrübte Vergnügen bereitet die Sprache des scheinbar harmlos dahinplappernden Ich-Erzählers, der ein bisschen mit dem Zug durch das Deutschland der 80er Jahre reist, ein paar Gespräche führt, im Hotel einbucht, (im "Deutschen Hof" natürlich) eine peep-show sowie eine Fußgängerzone besucht. Nichts besonderes also, aber das Kopfkino!

Zitat:
"Was man doch alles für Gerümpel im Kopf hat, da tauchen Dinge, die man schon längst vergessen geglaubt hat, wieder auf, und da merkt man erst, was man für eine verdunkelte Rumpelkammer mit sich rumschleppt, mit Plattenspielern die schon seit Jahren ununterbrochen laufen und denen man nicht mal zuhört:

Die Liebe ist ein seltsames Spiel.
Sie kommt und geht von einem zum andern
Sie nimmt uns alles,
doch sie gibt auch viel zuviel.
Die Liebe ist ein seltsames Spiel.

Also ein seltsames Spiel, diese Liebe, Thomas schmunzelt vorsichtig. [...]

- und nun unternimmt unser Held eine astreine semantische Analyse, indem er Wort für Wort stur und naiv ganz wörtlich nimmt. Man fragt sich, warum man das eigentlich nicht immer schon so gesehen hat.

Es geht aber gleich weiter mit den Enthüllungen; beim anschließenden Peep-Show-Besuch werden die dort anzutreffenden Texte mit der gleichen mühelosen, aber unerbittlichen Gründlichkeit ihrer Verschwurbelung entkleidet.

Daneben gibt es im Buch eine zweite Ebene; damit man sie leichter auseinanderhalten kann in Kursivdruck, vermutlich das Kopfkino des Helden; eine Kette von trickreich verküpften Geschichten, ein zweiter, phantastischer Erzählstrang. Dieser startet mit einer sehr witzigen SF-Story, man denkt gleich: aha, das Reisemotiv wird durchdekliniert, per Bahn, per Weltraumrakete usw, und dann die Überraschung: noch eine Verknüpfung, eine Querverbindung der Ebenen, und zwar mit der Peep-Show-Szene:

Zitat:
Die Kabinen, die hier aufgebaut waren, erinnerten an Kabinen, in die Weltraumfahrer einsteigen, um sich zu dematerialisieren ... nur einzeln eintreten [...] es kam ihm vor wie: Nur" einsam eintreten [...] kleine rote Leuchten, die anzeigen, ob die Kabine gerade besetzt war [...] erinnerten an Alarmblinkanlagen in einem Raumschiff, das auf Entdeckungsreise ist


Hier tobt sich eine hochvermögende erzählerische Phantasie aus. Froschgötter, die Wünsche erfüllen (was natürlich komplett schief geht, aber gerade dadurch ein partielles Happy-End produziert); Krieg und Frieden; eine geschmissenen Hamlet-Aufführung; ein Wanderpokal für den Rekord im Gummistiefel-Weitwurf, Schuhgröße sowienoch, mit Anklängen an die Ring-Parabel; eine Biographie nebst literaturwissenschaftlicher Analyse eines vollständig a-semantischen Dichters, von dem letztlich nicht mal klar ist, ob er wirklich ein Dichter ist oder nur ein kompletter Idiot), komplett mit Anmerkungsapparat, und, natürlich immer wieder, der Bezug zur Werbe- und Medienwelt, wir erinnern uns gerne an die Zigarettenreklame-Schlußapotheose des Cowboy-Liedes.

Es fällt mir schwer, einen Schluss zu finden. Nehme ich also den von Lassahn:

Zitat:
Draußen konnte man gerade wieder Häuser sehen, die von innen aus dem Fenster leuchteten. Das sieht dann immer wie eine Heimat aus.
[...]
Aber das sieht alles nur im Dunklen nach Heimat aus. Wenn man in den Häusern drinsteckt, ist das anders: Dann rauscht es einem wie Weh und Ach durchs Gemüt, wenn man nachts einen erleuchteten Schnellzug vorbeifahren sieht.


Grüße, Peter Sense
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peter sense
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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 06:32:40    Titel: Antworten mit Zitat

Nochmal nachgelesen: Die "Liebe in den großen Städten" - ist auch klasse. Zitat gefällig?
Zitat:
Ihnen scheint, was sie tun, nicht ungewöhnlich. Sie sagen, wenn sie es nicht täten, würden es eben andere machen.

Dabei sind sie schon die anderen.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 15.08.2010, 15:50:46    Titel: Antworten mit Zitat

Nun ja, im zweiten Drittel kam mir ein Buchzeichen entgegengeflattert. Weiter hatte ich damals wohl nicht geschafft - die Gründe habe ich auch wiedergefunden. Es gibt halt dieses oder jenes, wo die Schreibmethode B.L's sozusagen bloß im Leerlauf schnurrt, und das ist dann enttäuschend. Dann wieder großartige Passagen. Es scheint mir, daß er vor allem dann richtig gut ist, wenn er sich näher an seiner Biographie langhangelt. Oder so tut, aber das ist ja nun völlig egal.

Grüße, Peter Sense
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Verfasst am: 15.08.2010, 15:50:46    Titel: Ähnliche Themen

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Stubenhocker
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BeitragVerfasst am: 25.08.2011, 01:49:27    Titel: Bernhard Lassahn Antworten mit Zitat

Ich erinnere mich, das muß wohl gegen Anfang oder Mitte der 80er Jahre gewesen sein, ebenfalls "Land mit Lila Kühen" gelesen zu haben; als ich später nach weiteren Büchern Lassahns gesucht habe, erschien gerade seine kuriose Textminiaturensammlung "Mit Zuckerhut und Flitzebogen".

Natürlich mag der Erzählton Bernhard Lassahns gewollt jugendlich, in seiner Revue nostalgisch verklärter Erinnerungen an die Kinderzeit geradezu "naiv" klingen, aber das ist durchaus den Erfordernissen an den Buchmarkt geschuldet - in "Land mit Lila Kühen" schreibt er aus der Perspektive eines InterRail-Reisenden Durchschnittsjugendlichen, der ob solch unbedacht ausgesprochener Worte, wie 'es ginge der Jugend zu gut" sich erregend reflektiert, daß "zu gut" semantisch eben nicht eine Besserung von "gut" bedeute.
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peter sense
BuchClubZwangsMitGlied/In


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Beiträge: 2427

BeitragVerfasst am: 26.08.2011, 14:48:51    Titel: Re: Bernhard Lassahn Antworten mit Zitat

Stubenhocker hat Folgendes geschrieben:

Natürlich mag der Erzählton Bernhard Lassahns gewollt jugendlich, ...


Rollenprosa halt. Wenn wir nicht autobiografisches Abarbeiten unterstellen wollen, was mir aber komplett egal, wenn gekonnt, ist.

Grüße, Peter Sense
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Stubenhocker
Gast





BeitragVerfasst am: 26.08.2011, 15:24:27    Titel: Re: Bernhard Lassahn Antworten mit Zitat

peter sense hat Folgendes geschrieben:
Rollenprosa halt. Wenn wir nicht autobiografisches Abarbeiten unterstellen wollen.
Ich denke, daß die Betrachtung der eigenen Lebensumstände, der Sensibilisierung der persönlichen Wahrnehmung, Geschmacks- und Willensbildung durchaus elementar wichtig ist, um "seinen" Anlaß, sich literarischer Arbeit zu widmen, begreiflich zu machen...

Ich meine, auf Bernhard Lassahn durch die damalige Lektüre des "Tintenfass" oder später des "Raben" aufmerksam geworden zu sein. Und später noch einmal, als er mal "Stadtschreiber" in Otterndorf gewesen ist.
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Forenking






Verfasst am: 26.08.2011, 15:24:27    Titel: Ähnliche Themen

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