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Simone de Beauvoir

 
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Marquis de Josilin
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BeitragVerfasst am: 21.01.2008, 20:18:34    Titel: Simone de Beauvoir Antworten mit Zitat

Simone de Beauvoir: „Alle Menschen sind sterblich“

Regine ist eine talentierte Schauspielerin, die kurz vor dem Start ihrer Karriere steht. Sie möchte berühmt und erfolgreich sein.

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ich existiere, ich habe Talent, ich werde eine große Schauspielerin werden. Und sie sind einfach blind


Das sagt Regine zu Raymond Fosca, der im 14. Jahrhundert einen geheimnisvollen Trunk zu sich nahm, der ihn unsterblich machte. Seit 600 Jahren geistert er in der Weltgeschichte umher. Menschen krallen sich an ihr Leben, glauben an ihren Erfolg, glauben, sie seien etwas besonderes, dabei geht ihr Leben nur im Flug vorbei, an sich bedeutungslos. Ja Fosca, der Unsterbliche, hat eine ganz andere Sichtweise auf unser sterbliches Leben:

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ich sah das Blut und fing zu lachen an. Dann trat ich an das Fenster und atmete tief ein...meine Frau war tot, tot ihr Sohn, ihre Enkel. Alle meine Gefährten tot. Ich lebte, und es gab keinen meinesgleichen mehr. Die Vergangenheit war von mir gefallen; nichts hemmte mich nun mehr. Keine Erinnerung, keine Liebe und keine Pflicht, ich war ohne Gesetz, ich war mein eigener Herr; ich konnte nach Belieben schalten mit diesen armen Leben der Menschen, die alle dem Tode verfallen waren. Unter dem Himmel ohne Gesicht reckte ich mich auf, lebendig, frei und für immer allein.


Als Unsterblicher hat sich Fosca selber vom Leben entfernt. Nichts hat für ihn noch Bedeutung.

Zu Regine sagt er:

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Wenn Sie spielen...glauben Sie so leidenschaftlich an Ihre Existenz! Ich habe das bei zwei oder drei Frauen in der Anstalt gesehen; aber sie glaubten nur an sich. Für Sie sind auch die anderen da, und manchmal ist es Ihnen sogar geglückt, mich selber zum Existieren zu bringen.


Wenn wir Regine und Fosca aus der Sicht des Existentialismus betrachten sieht es folgendermaßen aus: Regine ist die Existenz, Fosca existiert nicht, weil er nicht am Leben teilnimmt (er möchte durch Regine wieder in die Existenz zurückkommen. Ob das schließlich gelingt? Wohl eher nicht.).

In der „Geschichte der Philosophie“ von Johannes Hirschberger können wir im Kapitel über den französischen Existentialismus nachlesen, dass Jean Paul Sartre die Existenz vor der Essenz vorausgehen lässt. „Der Mensch tritt an die Stelle Gottes und gestaltet sein eigenes Wesen selbst“, heißt es. Nach dem ersten Grundsatz des Existentialismus heißt es: „der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht (L'homme n'est rien d'autre que ce qu il se fait)“.

Raymond Fosca macht aus sich nichts mehr.

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ich lebe und habe kein Leben...Wenn man wenigstenz wirklich ein absolutes Nichts sein könnte! Aber es gibt immer wieder andere Menschen auf Erden, die einen sehen. Sie sprechen, und man muß sie hören, man muß ihnen Antwort geben, man muß wieder zu leben beginnen, wenn man auch weiß, daß man nicht existiert. Und das hört niemals auf.


Wie wir gesehen haben, ist ein Gott im Existentialismus nicht notwendig. So hatte auch Regine in unserem Roman aufgehört, an Gott zu Glauben.

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ich bleibe mir selber treu, ich lasse mich selbst nicht im Stich. Ich werde sie zwingen, mich so leidenschaftlich zu bewundern, daß jede meiner Gesten ihnen heilig ist. Eines Tages werde ich um meine Stirn einen Glorienschein spüren


In dem Roman wird man mit historischen Fakten konfrontiert. Zu anfangs ist Fosca Fürst von Carmona (Italien) und steht in kriegerischem Fuß mit Genua. Wenn ich nur den Blick auf die Historie schaue, wurde es für mich am interessantesten, als Fosca Berater von Karl V. (1500-1558) war, denn Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dürfte auch so manchem an seinen Geschichtsunterricht erinnern. So erleben wir im Roman Auseinandersetzungen mit der Bewegung des Dr. Martin Luther und auch mit den Täufern, die von Lutheranern polemisch als Wiedertäufer bezeichnet wurden.

Karl V. über Luther:

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ein einzelner Mönch, der sich auf sein eigenes Urteil stützt, hat sich jenem Glauben widersetzt, dem die Christenheit anhängt seit mehr als tausend Jahren.


Damit wird der Zeitgeist getroffen. Nur die katholische Kirche durfte sagen was ist und was nicht.

Im Existentialismus heißt es aber:

Sartre hat Folgendes geschrieben:
Aber wenn wirklich die Existenz der Essenz vorausgeht, so ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist (J.P. Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus? ).


de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Wenn wir uns auf die Lutheraner stützten, um den Papst zu bekriegen und mit Hilfe der Katholiken die protestantische Union, so betrieben wir ein Schaukelspiel, das uns nicht weiterbrachte. Solange wir nicht überall gärende Zwietracht der Geister besiegt hatten, war unser politischer Einheitstraum nicht zu verwirklichen...Durch die Verfolgungen steigerten wir nur den Eigensinn der Ketzer...


Raymond Fosca vertritt die Ansicht „Die Menschen müssen eins werden“. Als Antwort darauf bekommt er zu hören: „Es gibt nur ein Gutes...nach seinem Gewissen handeln“. Ob nun dadurch immer gutes Handeln entsteht, ist keineswegs gesagt, denn Fosca erlebt in seinem Erleben durch die Jahrhunderte nur die Pest, Gewalt und Krieg. Der Mensch kann nicht glücklich werden. Er baut alles auf, dann geht alles zunichte, und er baut es wieder auf.

Einer der „Wiedertäufer“ spricht zu Fosca:
de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:

>>„Wenn es wirklich erstände und die Menschen glücklich wären, was bliebe ihnen dann auf Erden zu tun?...Die Welt lastet so schwer auf uns. Es gibt nur ein Heil: vernichten, was geschaffen worden ist.“

„Welch seltsames Heil“ sagte ich.<<


Es bleibt dabei. Fosca bleibt die tragischste Figur unter den Menschen, denn er kann nicht am Leben der Menschen teilnehmen.
de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:

ein Leben, tausend Leben sind nicht gewichtiger als ein Flug Eintagsfliegen.


Der Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist, sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Was nützt dem Unsterblichen eine Liebesbeziehung?

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Ein paar Tage, ein paar Jahre lang. Dann liegt sie da auf dem Bett mit dem geschrumpften Gesicht...


Fosca, der als Unsterblicher eher zu den Toten als zu den Lebenden gehört, ist zu einem sinnlosen Dasein verdammt.

Liebe Grüße vom Marquis
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Patmos
Gast





BeitragVerfasst am: 22.01.2008, 08:16:58    Titel: Re: Simone de Beauvoir Antworten mit Zitat

de Beauvoir hat Folgendes geschrieben:
Wenn wir uns auf die Lutheraner stützten, um den Papst zu bekriegen und mit Hilfe der Katholiken die protestantische Union, so betrieben wir ein Schaukelspiel, das uns nicht weiterbrachte. Solange wir nicht überall gärende Zwietracht der Geister besiegt hatten, war unser politischer Einheitstraum nicht zu verwirklichen...Durch die Verfolgungen steigerten wir nur den Eigensinn der Ketzer...


Interessant, Josilin.

Aber wer ist mit "Wenn wir ..." gemeint?

Gruß,
Patmos
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 22.01.2008, 11:38:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

mir "wir" sind Fosca, Karl V. gemeint...(Fosca ist Berater von Karl.V.)

Liebe Grüße vom josilin
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Verfasst am: 22.01.2008, 11:38:16    Titel: Ähnliche Themen

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Dandelia
Gast





BeitragVerfasst am: 06.02.2008, 18:26:11    Titel: Antworten mit Zitat

Interessante Zitate. Kraftvoll.

Nach diesem Zitat:
Aber es gibt immer wieder andere Menschen auf Erden, die einen sehen. Sie sprechen, und man muß sie hören, man muß ihnen Antwort geben, man muß wieder zu leben beginnen, wenn man auch weiß, daß man nicht existiert. Und das hört niemals auf.

habe ich beschlossen, ein verstaubtes Buch aus dem Regal zu nehmen und Simone wieder zu lesen.

Dandelia
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Marquis de Josilin
Flohmarktbuchabstauber/In


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BeitragVerfasst am: 20.02.2008, 17:07:26    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe ein kleinformatiges Taschenbuch von "Ein sanfter Tod", offenbar so klein, dass ich es derzeit nicht finden kann.(Ich habe den Text vor mehreren Wochen gelesen). Trotzdem meine gebliebenen Eindrücke:popsmilies_bigsmile

Simone de Beauvoir erzählt vom langsamen Sterben ihrer Mutter. Sie ist in ihrer Wohnung gestürzt. Es zeigt sich, dass dieser Sturz von ihrer schweren Krankheit ausgelöst wurde, an die sie dann stirbt. Ich denke, de Beauvoir hat sich in diesem Büchlein ihre Seele freigeschrieben, erzählt sehr detailliert über Medizinisches, Krankenpflegerisches und über die Sorgen ihrer Verwandten einschließlich ihrer eigenen.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter war getrübt, die Mutter, ein, na wie soll ich sagen, ein schwieriger Charakter. de Beauvoir entwirft ein sehr plastisches Bild von ihr. Trotzdem, ihr Tod wird sehr schwer genommen. Selbstverständlich.

Die Bindung zur Mutter ist auch sehr tief, wenn man sich untereinander nicht so gut verstanden hat. Das habe ich auch erst kürzlich bei Cesare Pavese gelesen. Pavese schreibt in einer seiner Erzählungen, das er gar nicht wüsste, was eine Familie sei, weil seine Mutter sehr streng und knochenhart war. Als sie aber starb, war es für den italienischen Schriftsteller eine Katastrophe.

Ja, darum sollte man das Buch ruhig lesen. Wenn man dem Tod ins Auge sehen muss, wird vieles verziehen, Menschen werden noch menschlicher. Was Simone de Beauvoir allerdings mit sanftem Tod meint, habe ich nicht wahrgenommen.scratch Etwas verstörend fand ich, dass der Mutter ihre schwere Erkrankung verheimlicht wurde.

Als Lebensbericht ist dieser kurze Text ohne weiteres zu empfehlen. Simone de Beauvoir kann ja sehr schön erzählen (Man suche in diesem Buch aber nicht nach Philosophie. Auch Sartre nur am Rande erwähnt).

Liebe Grüße
Josilin

PS: Hat's jemand von euch gelesen? study
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Stephanie
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BeitragVerfasst am: 21.08.2008, 14:12:35    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Der Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist, sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen.


Das sehe ich nicht so.
Wir wertschätzen unser Leben? Wen meinst du mit wir? Die Allgemeinheit?Meines Erachtens schätzen die wenigsten Menschen ihr Leben - der Beweis dafür steht täglich in Zeitungen, flimmert über den Bildschirm, zeigt sich im Verhalten der Menschen. An dieser Stelle stellt sich allerdings die Frage nach einer sinnvollen Nutzung der Lebenszeit. Die Beantwortung dieser Frage scheint mir schwerlich möglich.

Diejenigen, die ihren Tod schon vor Augen sehen verhalten sich freilich anders. Ob sie ihre verbleibende Lebenszeit jedoch wertschätzen sei dahingestellt. Ist es nicht vielmehr der hoffnungslose Versuch noch etwas mitzunehmen, was ohnehin nicht greifbar ist? Gekoppelt mit der Angst vor dem, was sie nach dem Tod erwartet?

Nach meiner Meinung versuchte Simone de Beauvoir eher die Banalität und Unsinnigkeit der Wünsche und Bemühungen jedes armseligen Lebens darzustellen. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass auch Fosca in seiner langen Vergangenheit immer wieder gescheitert ist. Gescheitert, den ewigen Kreislauf von Macht und Gier zu durchbrechen. Gescheitert auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder des Todes. Fosca muss man einfach lieben - mit jeder Seite verstand ich ihn besser und am Ende brauchte ich einige Tage um ihn loszulassen. Leben oder Tod - es ist egal und bedeutungslos. Wir armselige Kreaturen bilden uns nur soviel darauf ein. Aber unser begrenzter Geist kann höchstens für den Bruchteil einer Sekunde erahnen, dass es im Nebel der Ewigkeit eine Wahrheit gibt, die den Menschen wohl verschlossen bleiben wird. Allerdings scheint die Natur unsere Instinkte gut eingerichtet zu haben, wir würden sonst wohl nicht in der Lage sein, uns einen Sinn für das Leben zurecht zu legen und alle nur in Todessehnsucht vergehen.
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Verfasst am: 21.08.2008, 14:12:35    Titel: Ähnliche Themen

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